Die Hoffnung auf "diesen einen Sprung"

Markus Rehm zum Parasportler des Jahrzehnts gewählt Sportschau 26.11.2020 01:33 Min. Verfügbar bis 26.11.2021 Das Erste

Parasportler des Jahrzehnts - Markus Rehm

Die Hoffnung auf "diesen einen Sprung"

Von Burkhard Hupe

Über Markus Rehm ließen sich viele Geschichten erzählen. Denn eigentlich hat jeder Sprung über sieben, sogar über acht Meter seine eigene Geschichte. Über Fleiß, über Ehrgeiz und über Selbstdisziplin. Aber den Parasportler des Jahrzehnts Markus Rehm auf einzelne Erfolge und Weiten zu reduzieren, würde ihm als Person nicht gerecht werden.

Markus Rehm

Markus Rehm

Es ist wirklich leicht, Markus Rehm zu mögen. Denn Markus hat für jeden ein Lächeln. Aber es ist nicht so leicht, Markus zu verstehen, seine Karriere nachzufühlen. Weil man ja nicht weiß, wie das ist, immer der Beste zu sein. Und zwar unumstritten der Beste. Es ist deutlich wahrscheinlicher, dass die Bayern einmal nicht deutscher Fußballmeister werden, als dass Markus Rehm einen Weitsprung-Wettkampf verliert. Und eigentlich war dies immer so, solange ich ihn kenne, und das sind nun auch tatsächlich schon fast zehn Jahre.

Mit dem Skateboard zum ersten Training nach Corona

Im Frühjahr trafen wir uns in Leverkusen, auf der Sportanlage, die nach Fritz Jacobi benannt ist, einem Juristen, der als Vorstandsmitglied der Bayer-Werke ziemlich Karriere machte. Jacobi promovierte einst mit einer Arbeit, die sich im weitesten Sinne mit der Bedeutung von mangelndem Willen beschäftigte. Nun, Fritz Jacobi wäre beim Probanden Markus Rehm sicherlich an Grenzen gestoßen. Wobei: An diesem windigen Nachmittag im Mai, als der Sport nach dem ersten Lockdown vorsichtig seine Fühler ausstreckte, um etwas Normalität zu ertasten, an diesem Nachmittag erlebte ich Markus Rehm anders als sonst.

Die Corona-Pause war gerade vorbei und hatte etwas mit ihm gemacht. "Ich bin heute mit einem so breiten Grinsen zum Training zurückgekommen, das kannte ich gar nicht mehr von mir", erzählte Markus und strahlte dabei. Er war mit dem Skateboard zum Training gefahren, denn er lebt ja nur einen Steinwurf vom Leichtathletik-Stadion entfernt. "Skateboard" ist natürlich die falsche Bezeichnung, denn dieses Board war offenkundig anders. Markus Rehm erklärte mir begeistert die Unterschiede, aber ich hörte nicht richtig zu, weil ich mir vorzustellen versuchte, wie das ist, mit einer Unterschenkel-Prothese auf einem Skateboard zu stehen.

Motivationsprobleme in den eigenen vier Wänden

Markus Rehm strahlte also, obwohl die Paralympics in Tokio bereits abgesagt worden waren, obwohl eine Saison ohne große Wettkämpfe vor ihm lag. Trotzdem schien er wirklich glücklich. Die Wochen ohne klare Perspektiven hatten etwas mit ihm gemacht. "Es war schwierig, eigentlich unmöglich, auf einer Prothese durch den Wald zu laufen", erklärte er nachdenklich und erzählte auch von Motivationsproblemen in den eigenen vier Wänden.

Markus Rehm: "Parasportler des Jahrzehnts zu werden, ist eine unfassbar schöne Auszeichnung"

Sportschau 26.11.2020 00:50 Min. Verfügbar bis 26.11.2021 Das Erste Von Burkhard Hupe


Ich verstand das alles, und doch traf mich die Tiefe dieser Auskunft unerwartet. Denn Markus Rehm war ja immer ein Muster an Beständigkeit und Geradlinigkeit, Zweifel hatten in seiner Karriere bisher nichts zu suchen. Also fragte ich ihn, warum er sich dann immer noch quälen würde, woher die Motivation für Wettkämpfe an fernen Tagen komme, die er doch jetzt schon gewonnen habe - noch vor dem ersten Sprung?

Markus Rehm will seinen Weltrekord übertreffen

Markus Rehm überlegte und antwortete dann: "Ich will mich selbst noch einmal übertreffen. Ich spüre, dass da noch dieser eine Sprung auf mich wartet." Er wollte nicht verraten, wie weit "dieser eine Sprung" ihn tragen soll. Aber das war auch nicht wichtig und nur ein typischer Journalistenreflex. An dieser Stelle sei nur kurz erwähnt, dass sein aktueller Weltrekord bei unvorstellbaren 8 Metern und 48 Zentimetern liegt.

Später. Der Wind hatte die Wolken verschoben. Ich fuhr durch die klaren Konturen dieses Mai-Nachmittags nach Hause. Endlich dämmerte mir, was Markus Rehm mir erklärt hatte: Er stand und steht im Wettkampf mit sich selbst. Schon immer. Ein Grenzgänger, der noch keine Grenzen erreicht hat. Und deshalb macht er weiter. Jeden Tag.

Burkhard Hupe

Burkhard Hupe ist seit 20 Jahren ein begeisterter Wegbegleiter des Behindertensports und berichtet seit 2008 von den Paralympischen Spielen. "Die Paralympics sorgen für mich jedes Mal für das große Aufräumen meiner Reporter-Festplatte: Das Überflüssige landet im Papierkorb, das Wesentliche in meiner Erinnerung."

Stand: 26.11.2020, 18:00

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