Mareike Miller: "Vor Tokio sollte nichts mehr geändert werden"

Mareike Miller

Paralympics Tokio 2020

Mareike Miller: "Vor Tokio sollte nichts mehr geändert werden"

Mareike Miller ist Spielführerin des deutschen Rollstuhlbasketball-Nationalteams. Im Interview spricht die 29-jährige 4,5-Punkte-Spielerin über medizinische Unterlagen, stressige Vorbereitungen und ein mögliches "Paralympics-Aus".

sportschau.de: Wie war es für Sie, als die Pressemitteilungen herauskamen, dass Tokio infrage steht?

Mareike Miller: "Es war überraschend und schockierend. Man konnte nicht damit rechnen und ich wusste überhaupt nicht, was los ist. In der Mitteilung haben wir dann gelesen, dass Streitgespräche stattfinden. Dann kam direkt die nächste Meldung, wo der andere Verband etwas Gegensätzliches gesagt hat. Wir haben versucht herauszufinden, was genau dahinter steckt."

Wie ist der Stand der Dinge?

"Da alles hinter verschlossenen Türen zwischen den Verbänden stattfindet, weiß man nicht genau, worauf es wirklich ankommt. Wir haben die Information, dass alle 4,0 und 4,5 Punkte-Spielerinnen, also die mit vermeintlich weniger Einschränkungen, in den nächsten vier Wochen ihre medizinischen Unterlagen einreichen müssen. Das versuchen wir schnellstmöglich umzusetzen. Aber ob Tokio infrage steht, können wir nicht einschätzen."

Was bedeutet es, innerhalb von vier Wochen alle medizinischen Unterlagen einzureichen?

"Wir haben zum Glück ein paar Partnerärzte über den Olympiastützpunkt und die Nationalmannschaft. Letztlich ist es aber keine medizinische Notwendigkeit. Um das so schnell hinzubekommen, wird auch vieles als Selbstzahler geleistet. Wir geben unser Geld für MRT-Untersuchungen aus, um schnellstmöglich ein Gutachten der aktuellen Gesundheitssituation einzureichen. Mein bisher letztes Gutachten wurde 2009 erstellt. Die Unterlagen habe ich nicht mehr vollständig. Ich muss alles in den nächsten vier Wochen zusammentragen, damit ich dieses Gutachten machen lassen kann."

Wie sehr setzt Sie dieser Teil der Vorbereitung auf die Paralympics unter Stress?

"Es setzt alle Spielerinnen, die da durch müssen, unter Stress. Gestern habe ich das Training ausfallen lassen, um zum Arzt zu gehen. Insofern schränkt es die Vorbereitung ein. Zusätzlich nimmt man Urlaub, um die Arzttermine machen zu können. Man verbraucht also Urlaubstage, die man für die Vorbereitung auf Tokio bräuchte."

Die Deutschen Mareike Miller (4) im Spiel Deutschland gegen Spanien 2019.

Mareike Miller beim Wurf

Sie sind Kapitänin und damit auch Ansprechpartnerin. Kommen wegen des Themas jetzt alle zu Ihnen?

"Ich bin da relativ proaktiv auch international mit den Athleten in Verbindung. Ich versuche, relativ viele Informationen für alle zu bekommen. Auf der anderen Seite habe ich keine inhaltlichen Informationen von den Verbänden. Aber wir sind im Austausch."

Wissen die Athleten in anderen Ländern mehr?

"Wie gesagt versuche ich, den anderen Athleten Informationen zur Verfügung zu stellen. Es gibt im Rollstuhlbasketball keinen Athletensprecher international. Es ist für alle ein Stressfaktor, nicht Bescheid zu wissen."

Hat sich die Situation angebahnt?

"Nein. Für uns Athleten ist der Internationale Rollstuhlbasketballverband der Verband, der die Regeln aufstellt. Da gibt es Regularien, an die sich alle gehalten haben und worauf wir geprüft wurden. Wir wurden nicht informiert, dass Änderungen bei der Klassifizierung anstehen könnten. Wir haben auch keine Vorwarnung bekommen, dass unsere Qualifikation für Tokio unter Vorbehalt ist. Da sind wir völlig außen vor."

Was würde ein "Paralympics-Aus" bedeuten?

"Es wäre zum einen völlig schockierend. Zum anderen wäre es für die Verbände und Sportler natürlich sehr schade. Es ist ein Event, auf das wir uns schon lange vorbereiten und das ein absolutes Highlight in einer Sportlerkarriere ist. Ich weiß nicht, wie wir einzeln damit umgehen werden und wie wir das auch können. Es wird sicher keine einfache Situation."

Was wäre Ihr Wunsch zum jetzigen Zeitpunkt?

"Ich wünsche mir, dass wir in der Zeit zurückgehen können. Und dass eine solche Entscheidung und eine solche Überprüfung vor der Qualifikation für Tokio stattfinden. Ich bin der Meinung, dass Regularien überprüft werden sollen. Die Sportler und Verbände wollen sich an Regeln halten. Wenn die Verbände diese aber nicht früher überprüft haben, sollten sie im Sinne der Athleten und Teams jetzt keine Wettbewerbsverzerrung oder Absage des Events anstreben. Stattdessen sollte alles getan werden, das Ganze in gute Bahnen zu bringen. Man sollte prüfen, wie das Prozedere nach den Paralympics weitergeht. Vor Tokio sollte nichts mehr geändert werden."

Vielen Dank für das Gespräch.

Thema in: ARD-Mittagsmagazin, 12.02.2020

jmö/fth | Stand: 12.02.2020, 18:18

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