IIHF-Präsident Fasel: "War nicht da, um mit Lukaschenko Wodka zu trinken"

Der belarusische Präsident Alexander Lukaschenko (l.) und IIHF-Präsident René Fasel

Eishockey-Föderation nach Foto-Eklat in Belarus in Erklärungsnot

IIHF-Präsident Fasel: "War nicht da, um mit Lukaschenko Wodka zu trinken"

Nach dem Treffen mit Alexander Lukaschenko erfährt die IIHF-Spitze weltweite Kritik. Präsident René Fasel und Generalsekretär Horst Lichtner verteidigen im Sportschau-Interview die umstrittene Reise zum belarusischen Diktator.

sportschau.de: Herr Fasel, Herr Lichtner, Sie sind am Dienstag aus Belarus zurückgekommen, haben dort mit Präsident Alexander Lukaschenko über die anstehende Eishockey-WM gesprochen. Wie bewerten Sie dieses Treffen?

René Fasel: Ich kenne Präsident Lukaschenko seit über 20 Jahren. Ich habe mit ihm Eishockey gespielt, habe den Schiedsrichter gemacht und ihm auch mal eine Zwei-Minuten-Strafe gegeben. Wir haben ein Verhältnis, wie man es unter Eishockeyspielern hat. Wir wollten diese spezielle Beziehung nutzen. Leider haben die Bilder der Umarmung, die im Ostblock besonders bei Leuten meiner Generation üblich sind und wie ein Handschlag gelten, eine Schlammschlacht gegen mich ausgelöst. Das zeigt, wie problematisch es ist, eine WM in Weißrussland durchzuführen.

sportschau.de: Wie meinen Sie das genau?

Fasel: Die Bilder wurden total falsch interpretiert. Die Diskussion war ganz anders. Ich war nicht da, um ein Glas Wodka mit Lukaschenko zu trinken. Wir waren da, um Probleme anzugehen. Unser Ziel war es, mit Präsident Lukaschenko eine Lösung zu suchen.

Host Lichtner: Was seit Dienstagabend auf den Präsidenten und sein Umfeld einprasselt, ist ohne Beispiel. Da werden Dinge kreiert, die sind unterste Schublade. Das Problem ist, dass dieses eine Bild, das, was wir eigentlich wollten, komplett in den Hintergrund gerückt hat. Leider.

"Wir waren enorm unter Druck"

sportschau.de: Es waren Kameras vor Ort. Hätten Sie sich dieser Situation nicht bewusst sein müssen?

Lichtner: Das war im Präsidentenpalast, da gibt es einen Protokollchef, da gab es eine Kamera und einen persönlichen Fotografen des Präsidenten. Wir hatten die Zusicherung, dass das nur zur internen Verwendung ist. Diese Kamera und der Fotograf haben auch nach fünf Minuten den Raum wieder verlassen. Das Gespräch haben wir hinter verschlossenen Türen geführt. Wir waren unter einem enormen Druck. Wir wussten, dass wir ein Gespräch führen, dass es in der Art nicht so oft gibt. Dann kommt Herr Präsident Lukaschenko rein und da gibt's keine andere Lösung, als dass diese beiden, die sich seit über 20 Jahren kennen, begrüßen.

sportschau.de: Es gibt auch Fotos von Ihnen, Herr Fasel, mit dem Präsidenten des Eishockey-Verbandes in Belarus, Dimitri Baskow. Er soll am Tod eines Oppositionellen beteiligt gewesen sein. Den Fall kennen Sie.

Fasel: Wenn ich in Russland oder Weißrussland unterwegs bin, dann werden unheimlich viele Selfies mit mir gemacht. Ich bin ein Mensch, der Menschen schätzt, besonders in der Eishockey-Welt. Ich weiß, wer Herr Baskow ist, ich kenne ihn seit vielen Jahren. Und dann kommt  er und sagt, René ein Selfie bitte, und dann macht man ein Bild. Ich habe nicht daran gedacht, dass Baskow das auf irgendeiner Plattform veröffentlicht. Man erkennt dann, dass man manipuliert wurde.

sportschau.de: Haben Sie zu naiv gehandelt und die Situation unterschätzt?

Fasel: Wir wollten diese Chance nutzen, um die WM zu retten und damit wenigstens einen Dialog zwischen der Opposition und der Regierung beschleunigen. Wir waren vielleicht ein wenig naiv und haben vergessen, dass der Sport nicht mehr nur Vehikel zum Frieden ist, sondern der Sport instrumentalisiert wird. Er wird ja instrumentalisiert von der Regierung in Weißrussland, aber auch von der Opposition. Wir befinden uns dazwischen. Ich habe gesagt: Ich bin bereit, das Risiko auf mich zu nehmen.

"Wie kann ein internationaler Eishockey-Verband politisch etwas fordern?"

IIHF-Präsident Rene Fasel (r.) und Generalsekretär Horst Lichtner

sportschau.de: Was haben Sie mit Herrn Lukaschenko genau besprochen? Was waren Ihre Punkte, die Sie dort vorgebracht haben?

Lichtner: Wir haben keine Forderungen gestellt, wir haben Lösungen vorgeschlagen und die wurden akzeptiert - nahezu alle. Wir haben über organisatorische Details gesprochen. Sie gehen immerhin in ein Land, wo hunderttausend Menschen auf die Straße gehen. Wir mussten sicherstellen, dass die Sicherheitsbestimmungen eingehalten werden. Dass die Eishockey-Halle nicht umlagert wird. Die Spieler, Fans und Medienvertreter müssen sicher sein. Dann kommt dazu, dass die Covid-19-Betrachtung in Belarus eine andere ist als hier. Doch wir haben die Zusicherung bekommen, bei der WM internationale Standards anzuwenden. Und wir haben ungewöhnlicherweise auch politische Dinge angesprochen. Wir haben inhaltlich viel erreicht.

sportschau.de: Was haben Sie politisch genau angesprochen, Herr Fasel?

Fasel: Wir haben vorher mit der Opposition gesprochen. Die hat uns gesagt, es gebe 165 politische Gefangene. Wir haben das angesprochen. Und natürlich hat Präsident Lukaschenko gesagt, es seien keine politischen Gefangenen, die Leute seien im Gefängnis, weil sie gegen Gesetze verstoßen haben. Bei diesen Demonstrationen sind ja viele Dinge passiert. Nicht nur die Polizisten haben Leute angegriffen, sondern es gab auch Verfehlungen auf der anderen Seite. Er hat gesagt: René, ich bin verantwortlich für die Sicherheit in diesem Lande. Das ist mein Auftrag und ich werde das so weiterführen. Dann haben wir natürlich die Wahlen und die Verfassungsänderungen angesprochen. Aber noch einmal: Wie kann ein internationaler Eishockey-Verband politisch etwas fordern von Präsident Lukaschenko? Das ist auch nicht unsere Aufgabe. Ich kann Ihnen sagen, wir haben argumentiert. Es war konstruktiv, so konstruktiv wie man mit ihm sprechen kann.

sportschau.de: Das heißt, hätte es die Bilder nicht gegeben, wäre die Reise aus ihrer Sicht erfolgreich gewesen?

Lichtner: Es wäre um Inhalte gegangen. Aber im Moment geht es nur um Bilder und um Emotionen. Und das müssen wir korrigieren.

"Es muss ein Wunder geschehen"

sportschau.de: Also, Sie bereuen die Reise nicht?

Fasel: Wir waren dort, um etwas Gutes zu machen. Was sollten wir bereuen? Man interpretiert, dass wir was Schlechtes machen wollten. Wir hätten einen Brief schreiben können. Wir aber sind hingefahren und haben gesagt: Alexander, wir haben ein Problem. Wir stehen dazu, was wir machen: ein Sportverband, der den Auftrag hat, eine WM zu organisieren in Weißrussland.

sportschau.de: Halten Sie eine WM in Belarus immer noch für möglich?

Fasel: Sehr schwierig, sehr schwierig. Ich könnte fast sagen, es muss ein Wunder geschehen. Wir werden sicher keine so wichtige Entscheidung aus der Emotion heraus treffen. Ich brauche noch ein wenig Ruhe. Horst muss noch Analysen machen für einen potenziellen Plan B.

sportschau.de: Wie könnte ein Plan B aussehen?

Lichtner: Wir können bestätigen, dass wir Angebote vorliegen haben und dass wir in Gesprächen sind. Es ist ja logisch, auch das jetzt konkret anzugehen. Wir sind nicht naiv. Wir haben das eigentlich schon im Oktober letztes Jahr begonnen, jetzt gilt es, das zu konkretisieren. Das wird ein paar Tage dauern, nicht Monate. Unsere Bestrebung ist, dass wir eine WM spielen.

Das Gespräch führte Robert Kempe.

IOC sanktioniert Lukaschenko - aber reicht das? Sportschau 13.12.2020 08:13 Min. Verfügbar bis 13.12.2021 Das Erste

Stand: 15.01.2021, 12:43

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