Wie Corona das deutsche Eishockey gefährdet

Leeres Tor in leerer Halle beim Lockout

Philipp Walter und Gernot Tripcke im Gespräch

Wie Corona das deutsche Eishockey gefährdet

Von Burkhard Hupe

Die DEL will am 13. November wieder spielen, am liebsten vor Zuschauern. Ob das gelingt, ist fraglich. Genauso fraglich ist, ob die Klubs das überleben können.

Nichts ist im Moment im Profisport mehr so, wie es gerade noch war. Alle Gewissheiten, die sich eben noch zu stapeln schienen, sind von der Corona-Pandemie unterhöhlt worden und drohen längst, in sich zusammenzufallen. Mit Ausnahme der meisten Profifußballklubs müssen alle Mannschaftssportarten mittlerweile um ihre nackte Existenz kämpfen. Am deutlichsten wird dies im Eishockey, einer Sportart, die sich an der Schwelle zu alter, fast vergessener Popularität befand, und die am Stillstand zugrunde gehen würde.

"Wir fliegen im Moment auf Sicht"

Wenn der Pilot eines Flugzeugs per Lautsprecher bekannt gibt, dass er nunmehr auf Sicht fliege, um sich etwa unter einem schweren Gewitter hindurchzuducken, dann ist das allemal Grund zur Unruhe unter den Passagieren. Denn ein Flug auf Sicht ist ein Flug ohne die Sicherheit eines Fluglotsen. Ein Flug ohne doppelten Boden.

Corona und Eishockey - wie gefährdet ist die Zukunft der DEL? Sportschau 26.08.2020 17:09 Min. Verfügbar bis 26.08.2021 Das Erste

"Wir fliegen im Moment auf Sicht", sagt Philipp Walter. Er könnte auch sagen, sein Verein meide die offene See und suche nach Schutz in felsigen Küstennischen, denn Walter ist ja Geschäftsführer der Kölner Haie. Er ist ein Mann mit Humor und großer Hingabe für den Eishockey-Sport. Und er weiß: Wenn es schlecht läuft mit dem Flug auf Sicht, wenn das Wetter noch einmal umschlagen sollte, dann wird er nicht als nervenstarker Krisennavigator in die Geschichtsbücher des Vereins eingehen, "sondern als derjenige, der den Laden abschließt".

Schon einmal eine große Krise abgewendet

Walter hat eine existenzielle Krise mit den Haien bereits hinter sich. Vor knapp zehn Jahren war das, als der großzügige Hauptgesellschafter den Verein verlassen hatte, und der Gang zum Amtsgericht nur eine Frage von Tagen zu sein schien, weil kein adäquater Ersatz in Sicht war. Damals war Walter der Pressesprecher des Vereins, der im letzten Moment dann doch noch die Kurve kratzte. Und Uwe Krupp wurde der Trainer, heute wie damals, und Verteidiger Moritz Müller trug damals schon das Trikot mit der 91.

Seit ein paar Tagen ist Müller nun auch Vorsitzender der neuen Spielervereinigung SVE. Er ist deshalb so etwas wie der Wortführer der deutschen Eishockeyprofis. Was nicht überraschend ist, weil Müller noch nie zu den Typen zählte, die sich wegduckten, wenn es hart auf hart zuging. Nicht auf dem Eis und nicht daneben. Als junger Kerl lieferte er sich einst einen bemerkenswerten Faustkampf mit dem damaligen Ingolstädter Christoph Melischko, der es in nahezu alle TV-Nachrichtensendungen schaffte. Ein paar Monate später half der Müller dem Melischko, einen schweren Kühlschrank in die neue Wohnung zu schleppen, denn Melischko war zu den Kölner Haien gewechselt.

KEC-Star Moritz Müller: "Müssen das Eishockey retten"

Nun also sagt Moritz Müller: "Wir müssen das Eishockey retten!", und meint das genauso. Es geht um viel, vielleicht sogar um alles. Seit Mitte März wird nicht mehr gespielt. Die Playoffs fielen aus, es gab keinen Meister, es gab keine Weltmeisterschaft. Und gefühlt gibt es im Moment auch keine Nationalmannschaft und kaum Hoffnung: "Es ist die schwierigste Zeit meiner Karriere."

Am 13. November soll die neue Saison beginnen. DEL-Boss Gernot Tripcke hat den Spielplan längst fertig, doch was wird dieses Papier wert sein? Die Corona-Fallzahlen steigen seit ein paar Wochen, und das politische Klima lässt eher weitere Einschränkungen befürchten als Lockerungen erwarten. "Wir kämpfen dafür, dass wir am 13. November in die Saison starten können", sagt Tripcke. Doch es klingt eher trotzig als zuversichtlich.

Kurzarbeit als Krücke

Die Eishockey-Liga geht am Stock. Natürlich gibt es die Krücke Kurzarbeit für die Eishockey-Profis. Es gibt aller Voraussicht nach die Mittel aus dem Konjunkturpaket der Bundesregierung, die im günstigsten Fall rund 800.000 Euro pro Klub ausmachen werden. Das sollte reichen. Doch so einfach geht die Rechnung nicht. In dem Moment, in dem die Klubs ihr Training offiziell wieder aufnehmen, erlischt für die Vereine der Anspruch auf Kurzarbeit, unabhängig davon, ob danach vor wenigen oder gar keinen Zuschauern gespielt wird. Und die Ticketeinnahmen beschreiben bei vielen DEL-Klubs rund 80 Prozent des Etats.

Für viele Klubs bedeutet dieses Szenario keinen Flug auf Sicht, sondern einen finanziellen Blindflug. Es ist eine beängstigende Spirale. Denn die Alternative hieße ja: gar nicht zu spielen, die Pandemie auszusitzen. Das wäre dann erst einmal das Ende des professionellen Eishockeysports in Deutschland.

DEL-Geschäftsführer Tripcke: "Wir brauchen klare Aussagen" Sportschau 26.08.2020 00:42 Min. Verfügbar bis 26.08.2021 Das Erste

"Nicht jeden aufs Sofa schicken"

Ein Schreckensszenario, mit dem sich DEL-Geschäftsführer Tripcke beschäftigen muss, auch wenn es ihn Überwindung kostet: "Wir können doch nicht jeden, der mit Eishockey sein Geld verdient für 18 Monate aufs Sofa schicken." Moritz Müller sieht das genauso. Natürlich. "Man kann eine Eishockeymannschaft nicht für ein Jahr oder länger ausknipsen und dann einfach wieder anknipsen", sagt der Silbermedaillengewinner von Pyeongchang.

Was also ist zu tun? Die DEL-Klubs basteln an Hygienekonzepten, die sie je nach der Lage der Dinge einsetzen wollen. Grundlage dafür ist ein Papier, dass der Deutsche Eishockey-Bund und die DEL gemeinsam mit einer ganzen Reihe von Medizinern erarbeitet haben. Es sind mehr als 80 Seiten, und die Lektüre ist nicht vergnügungssteuerpflichtig. Aber natürlich: Diese Seiten sind eine Basis für alle Beteiligten, doch eine politische Reaktion darauf gab es bislang nicht. Einige Entscheidungsträger in der DEL hat längst das Gefühl beschlichen, dass ihre Hygienekonzepte noch nicht einmal gelesen wurden.

Tripcke: "Klarheit bis zum 20. September"

Die gesellschaftspolitische Großwetterlage ist eben so, wie sie ist. Der professionelle Mannschaftssport liegt am Boden, aber es ist nur ein Problem unter vielen anderen. Tripcke sagt, dass man bis zum 20. September Klarheit brauche, ob und unter welchen Bedingungen der Spielbetrieb zum angedachten Zeitpunkt wieder aufgenommen werden kann.

Walter fordert nicht nur Entscheidungen der Politik, denen Hygienekonzepte zugrunde liegen. "Ich erwarte jetzt, dass es endlich ein öffentliches Bekenntnis gibt, welche Rolle Sport und Kultur in diesem Land spielen."

Haie-Geschäftsführer: "Lernen, mit dem Virus zu leben"

Tripcke fordert außerdem bundesweit einheitliche Regeln für eine schrittweise Rückkehr des Publikums, während sich Walter wünscht, dass funktionierende Hygienekonzepte im Profi-Eishockey auch als Chance verstanden werden und nicht nur als Gefahr und als falsches Zeichen.

Philipp Walter: "Mich irritiert die pauschale Bewertung von Großveranstaltungen" Sportschau 26.08.2020 00:36 Min. Verfügbar bis 26.08.2021 Das Erste

Es ärgert ihn, dass "Publikumsveranstaltungen ohne genaue Prüfung pauschal tabuisiert werden. Wir werden lernen müssen, mit dem Virus zu leben." Sein Flug auf Sicht ist also noch lange nicht zu Ende. Und die Aussicht auf eine sichere Landung bleibt ungewiss.

Stand: 26.08.2020, 22:00

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