Lieblingsspiel - "Mimi" Kraus und mein Kleiderschrank

Michael Kraus jubelt mit dem Champions-League-Pokal

Lieblingsspiel

Lieblingsspiel - "Mimi" Kraus und mein Kleiderschrank

Von Robin Tillenburg

2013 hat der HSV Hamburg im Champions-League-Finale gegen Barcelona eigentlich keine Chance - doch ein zuvor eher enttäuschender Spieler sorgt für die Sensation und bringt unseren Autoren an den Rand der Sachlichkeit. In der Reihe "Lieblingsspiel" erinnert er sich an diesen besonderen Abend.

Als sich der HSV Hamburg im Champions-League-Finale gegen den FC Barcelona am 2. Juni 2013 zur zweiten Halbzeit aufstellt, traue ich meinen Augen nicht. "Ganz schön mutiger Schachzug von Martin Schwalb - und riskant", denke ich. So ein früher "Do-or-die-Move", wie man im US-Sport sagen würde. Ob das die richtige Entscheidung ist?

Barcelona wohl eine Nummer zu groß

Aber der Reihe nach. Im HSV Hamburg hat es ein Außenseiter ins Endspiel geschafft. Der Underdog besiegte den THW Kiel im Halbfinale am Vortag überraschend klar - das fand ich im Sinne der Abwechslung nicht schlecht, habe aber für das Endspiel gegen den FC Barcelona kein gutes Gefühl. Die abgeklärten Katalanen, Dauergast in den Endrunden des höchsten europäischen Wettbewerbs, scheinen eine Nummer zu groß.

Egal. 18 Uhr, Tür zu, zwei Flaschen Wasser im Jugendzimmer - es kann losgehen. Bier lasse ich weg. Es vernebelt mir die Sicht auf die sportlichen Feinheiten "meines" Sports, den Handball, zu sehr. Genauso wenig gebrauchen kann ich "Mitgucker", die mir mit ihrer nebensächlichen Meinung das Geschehen vermiesen würden. Ich bin schließlich kundiger Sachverständiger.

30 Minuten lang alles wie erwartet

Das Spiel in der Kölner Arena, dem Ort des deutschen WM-Triumphs 2007, geht los. Hamburg natürlich mit dem Fixpunkt Domagoj Duvnjak im Rückraum, der schon im Halbfinale gegen Kiel mit elf Treffern gemeinsam mit Torhüter Johannes "Jogi" Bitter der Matchwinner war.

Schnell sehe ich mich in meiner Vor-Analyse bestätigt. Die Hamburger spielen gegen die physisch so starken Spanier gut mit, liegen aber meist knapp im Hintertreffen, weil sie zu Beginn zu viele freie Gelegenheiten liegen lassen und kein rechter Spielfluss aufkommen will. Es ist mehr Kampf, mehr Arbeit als noch im Halbfinale gegen die Kieler.

Immerhin: Die Abwehr steht soweit stabil, Bitter hält sehr ordentlich. "Aber diese vielen Zweikämpfe, diese harte Gangart, das ist ja eigentlich eher das Spiel des FC Barcelona", hätte ich zur Pause zu meinen Mitguckern gesagt, so ich solche denn zugelassen hätte. Es geht alles den von mir erwarteten Gang - 9:11 liegt der HSV zurück.

Kraus - der verfrühte "Do-Or-Die-Move"?

Mimi Kraus nach dem WM-Titel 2007

Mimi Kraus nach dem WM-Titel 2007

Als sich die Spieler zur zweiten Halbzeit aufstellen, gibt es die eingangs erwähnte Überraschung. HSV-Coach Martin Schwalb stellt um und bringt unter anderem Michael "Mimi" Kraus. Den "Mimi", der an gleicher Stelle vor etwas über sechs Jahren wie Kai aus der Kiste kam und Deutschland zum WM-Titel warf. Sieben Jahre älter als ich und ebenfalls auf der Spielmacherposition zu Hause wurde er damals so etwas wie mein sportliches Vorbild.

Doch in den vergangenen drei Jahren im Dienste der Hamburger, war "mein" Mimi nur selten zu sehen. Sein Abgang stand zum Zeitpunkt des Finales bereits fest, im Halbfinale spielte der Mann mit der Nummer zwei keine Rolle. 9:11 ist ein Spielstand, der im Handball in Sekunden gedreht werden kann, Kraus aber war (und ist) jemand, der das Spiel an sich und seine Entscheidungen reißt und es somit gewinnen, aber auch schnell verlieren kann. Mir scheint es, bei aller großen Sympathie für Kraus, doch zu früh für diesen "Do-Or-Die-Move".

"Mimiiiii, Jungeeee!"

Es dauert zehn Minuten im zweiten Durchgang, da trifft Kraus aus der zweiten Angriffswelle. 14:15. Während hinten Bitter und die Abwehr der Hanseaten immer besser werden, liefert Kraus auch das Anspiel zum 15:15 - und das zum 16:15, der ersten Führung des Spiels.

Erstmals hebt es mich ein wenig aus dem Stuhl. Beim Stande von 18:18 - Energieleistung Kraus - drin. Nächster Angriff, ein verdeckter Hüftwurf - 20:18. Ich, der so kühle Beobachter, schreie. "Mimiiiii, Jungeeee!" Und auch von unten schreit es. "Sag mal, spinnst du?" Meine Mutter. Aus der Küche. Okay. Wieder runterkommen.

Aber das gelingt nicht recht. Weil Bitter zu Hochform aufläuft, weil Kraus zwei weitere Hüftwürfe zum 22:20 und 23:20 verwandelt. Wahnsinn! Und hätte Barcelonas Trainer Xavier Pascual nicht zwischenzeitlich Arpad Sterbik ins Tor beordert, hätte Hamburg das Ding sicher gewonnen. Ich hatte schon bei seiner Einwechslung so ein Gefühl gehabt. Mist. Das vorläufige Ende vom Lied: Verlängerung. Jetzt macht Barcelona das dann wohl doch noch - zu erfahren.

Fehlentscheidung mit Folgen für den Kleiderschrank

Jede Szene ist jetzt wichtig. Kraus tippt auf die Deckung zu, blitzartig geht er hoch und dann dieser schnelle Armzug: drin. 28:26. Wenn diese Dinger bei ihm klappen, kannst du eigentlich nicht verlieren, lautet meine Analyse. Es geht in die Schlussminute. Hamburg führt durch einen Siebenmeter von Lindberg 30:29, Bitter hält wieder überragend.

Johannes Bitter feiert

Bollwerk: Johannes Bitter

Ich stehe längst im Zimmer. Die Wasserflasche in der Hand, Marcin Lijewski springt in den Torraum der Katalanen, wird klar gefoult. "Und diese Schiedsrichter pfeifen das nicht ab. Das kann doch nicht sein!" Zack. Die Flasche fliegt. In die Holztür meines blau gestrichenen Kleiderschranks. Eine dicke Delle.

"Das ist ein Siebenmeter, nichts anderes. Lindberg hätte den verwandelt, dann wäre das Ding hier durch gewesen. Und jetzt das." Fast flehend blicke ich in die erschrockenen Gesichter meiner nicht vorhandenen Leidensgenossen.

Reifer als mit 16 Jahren

Die Fehlentscheidung bleibt im Gegensatz zu meinem Ausbruch folgenlos. Denn das Hamburger Bollwerk hält, Bitter hält. Hamburg gewinnt die Champions League. Die Matchwinner: Bitter und "mein" Mimi Kraus. Wie Kai aus der Kiste, wie damals 2007, als ich mit 16 an gleicher Stelle (ebenfalls allein) laut gejubelt hatte.

Und auch diesmal balle ich die Faust und puste durch. Nicht mehr die ganz großen Emotionen wie der 16-Jährige - klar. Ich habe mich inzwischen selbstverständlich besser im Griff.

Stand: 22.04.2020, 09:00

Darstellung: