Sexualisierte Gewalt im Sport: Nur wenige Betroffene melden sich

Sport, Symbolfoto

Aufarbeitungskommission zu sexualisierter Gewalt im Sport

Sexualisierte Gewalt im Sport: Nur wenige Betroffene melden sich

Von Andrea Schültke

Das Thema sexualisierte Gewalt im Sport rückt verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit. Auch, weil immer mehr Fälle bekannt werden. Erste Studien zum Ausmaß im Leistungssport gibt es bereits, Untersuchungen zum Breitensport laufen. Eine eigene Aufarbeitung hat der organisierte Sport in Deutschland bisher nicht angestoßen. Die vom Bundes-Familienministerium geförderte Aufarbeitungskommission ruft seit anderthalb Jahren Betroffene aus dem Sport auf, sich zu melden. Jetzt gibt es erste Zahlen.

"Bei der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs haben sich bisher rund 100 Betroffene gemeldet, die in ihrer Kindheit und Jugend sexueller Gewalt im Sport ausgesetzt waren", so die Kommissionsvorsitzende Sabine Andresen auf eine Anfrage des WDR-Magazins Sport inside und des Deutschlandfunks. Insgesamt hätten sich 72 Betroffene für eine vertrauliche Anhörung gemeldet, 21 hätten ihre Erfahrungen schriftlich eingereicht.

Geringe Rückmeldung verwunderlich

"Diese Zahl ist wirklich erstaunlich gering. Und daraus schließe ich tatsächlich, dass nicht wirklich sehr viele Menschen im Sport von dieser Befragung oder dieser Möglichkeit erfahren haben", sagt die Diplom-Psychologin Julia von Weiler von der Kinderschutzorganisation "Innocence in Danger". Sie befasst sich mit sexualisierter Gewalt in Institutionen.

Im Mai 2019 hatte die vom Bundes-Familienministerium geförderte Aufarbeitungskommission Betroffene sexualisierter Gewalt aus dem Bereich Sport aufgerufen, sich bei der Kommission zu melden und (anonym) ihre Geschichte zu erzählen. Der organisierte Sport hat bisher – im Gegensatz etwa zur katholischen Kirche - noch keine eigene Aufarbeitung zu sexualisierter Gewalt innerhalb seiner Strukturen auf den Weg gebracht. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und seine Fachverbände hatten sich dem Aufruf der Aufarbeitungskommission angeschlossen und auf ihren Internetseiten Betroffene aus dem Sport dazu aufgerufen, sich bei der Aufarbeitungskommission zu melden.

Dass diesem Aufruf insgesamt bisher lediglich knapp 100 Betroffene gefolgt sind, verwundert auch vor dem Hintergrund, dass der organisierte Sport der größte Träger der Kinder- und Jugendarbeit in Deutschland ist. "Der Sport ist ein Bereich, der für Kinder und Jugendliche sehr wichtig ist. 50 Prozent der Mädchen und 60 Prozent der Jungen sind Mitglied im Sportverein. Warum sollte dort keine sexuelle Gewalt passieren?", sagte Sportsoziologin Bettina Rulofs bereits im August, zum Auftakt eines Forschungsprojekts des Landessportbundes NRW, das das Ausmaß sexualisierter Gewalt im Breitensport untersucht.

Sexueller Missbrauch im Sport - Das große Tabu Sportschau 13.07.2019 43:58 Min. Verfügbar bis 13.07.2030 Das Erste Von Andrea Schültke

Leistungssport: Ein Drittel der Athleten haben sexualisierte Gewalt erlebt

Zuvor hatte die Wissenschaftlerin eine Studie im Leistungssport geleitet. Eines der Ergebnisse: Ein Drittel aller Befragten Athletinnen und Athleten hatte im Laufe der Karriere eine Form sexualisierter Gewalt erlebt. Andere Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Betroffenen sexualisierter Gewalt im Sport doppelt so hoch sein könnte wie in der katholischen Kirche.

Das WDR-Hintergrundmagazin Sport inside und der Deutschlandfunk haben in diesem Jahr über zahlreiche Prozesse berichtet, in denen Sporttrainer oder -Betreuer sich wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen verantworten mussten oder noch müssen. Allein in diesen Verfahren geht es um mehr als 50 betroffene Sportlerinnen und Sportler. Zusammen mit aktuell laufenden Ermittlungen in diesem Bereich übersteigt die Zahl der Betroffenen, die aktuell in Verfahren involviert sind, die Meldungen bei der Aufarbeitungskommission deutlich.

Hat der Aufruf Betroffene nicht erreicht?

Vor diesem Hintergrund wirft die geringe Zahl von knapp 100 Betroffenen, die sich in den vergangenen anderthalb Jahren bei der Aufarbeitungskommission gemeldet haben, Fragen auf. Hat der Aufruf möglicherweise die Betroffenen nicht erreicht? Sind die Betroffenen nach wie vor im Sportsystem verwurzelt, sodass sie keine Chance sehen, ihre Geschichte zu erzählen? Empfinden Betroffene Druck oder gar Angst, was sie davon abhält, zu reden?

Möglichweise kann ein Teil dieser Fragen Mitte Oktober geklärt werden. Dann will die Aufarbeitungskommission bei einem Hearing weitere Ergebnisse der Befragung im Sport vorstellen. Weiterhin können Betroffene sich bei der Kommission melden. Auf bisherige Aufrufe der Kommission an Betroffene unter anderem aus den Bereichen Familie und Kirche hatten sich innerhalb der ersten drei Jahre der Kommissionsarbeit knapp 1.700 Betroffene gemeldet.

Stand: 01.10.2020, 15:42

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