Gewalt im Sport - Gienger fehlt das Bewusstsein für Grenzen

Eine Turnerin am Schwebebalken

Bundestag | Sportausschuss

Gewalt im Sport - Gienger fehlt das Bewusstsein für Grenzen

Von Andrea Schültke 

 "Harte Worte zu verwenden gegenüber Jugendlichen und Kindern ist ja durchaus manchmal angezeigt", stellte Eberhard Gienger nach 45 Minuten fest. Mit dieser Aussage in einer öffentlichen Sitzung zum Thema "Gewalt im Sport" zeigte der Gewinner der Bronzemadaille im Turnen bei den Olympischen Spielen von 1976, dass er die ganze Diskussion nicht verstanden hat. Dass er als verantwortlicher Sportpolitiker Teil des Problems ist, über das sein Ausschuss diskutiert.

Trainerinnen und Trainer unterschreiben mit ihrem Arbeitsvertrag einen Ehrenkodex. Der regelt ihren Umgang mit ihren Schutzbefohlenen, der von Respekt und Achtung geprägt sein soll. Laut Gienger schreibt der Kodex auch das Vermeiden "harter Worte" vor. Der CDU-Politiker wunderte sich, wie denn ein Training ohne "harte Worte" machbar sei und fragte die Sachverständigen danach. 

Studie zu psychischer Gewalt im Sport

Damit macht der ehemalige Turner in seinem Unwissen dramatisch deutlich, warum der Sport ein Problem hat mit sexualisierter, physischer und psychischer Gewalt: Es fehlt das Bewusstsein für Grenzen, Grenzverletzungen und die Folgen, die das für Betroffene hat. 

Beschimpfungen, Bedrohungen oder Verunglimpfungen sind psychische Gewalt, die die Gesundheit gefährden können, stellte die anwesende Sportsoziologin Bettina Rulofs fest. In der Studie "Safe Sport" haben Rulofs und Kollegen herausgefunden: 86 Prozent aller befragten Athletinnen und Athleten haben in ihrer Karriere psychische Gewalt erlebt, also etwas, was bei Eberhard Gienger vielleicht unter die Rubrik "harte Worte" fällt.

Sportsoziologin Rulofs: Das bedeutet psychische Gewalt

Sportschau 05.05.2021 00:46 Min. Verfügbar bis 05.05.2022 ARD


Sitzung wäre Ort für konstruktive Auseinandersetzung gewesen

Gerade Turnerinnen und Turner beginnen viel früher mit dem Training als in anderen Sportarten, sind jung und verletzlich. Was "harte Worte", Schreien, Schimpfen oder abfällige Kommentare über das Körpergewicht da ausrichten können, ist offenbar nicht nur Gienger fremd. 

Die heutige Sportausschusssitzung wäre der Ort gewesen, um sich nach intensiver Beschäftigung mit den Sitzungsunterlagen konstruktiv mit den dort vorgebrachten Ideen und Forschungsergebnissen auseinanderzusetzen.  

Sportsoziologin Rulofs: "Risiko in ästhetischen Sportarten dreimal höher"

Sportschau 05.05.2021 00:28 Min. Verfügbar bis 05.05.2022 ARD


Eine unabhängige Anlaufstelle sei vonnöten

Etwa mit dem unabhängigen "Zentrum für Safe Sport", das Betroffene, Wissenschaft und der unabhängige Verein "Athleten Deutschland" vorgeschlagen haben. Eine unabhängige Anlaufstelle außerhalb des Sports, an die sich Sportlerinnen und Sportler mit Gewalterfahrungen wenden könnten. Diese hätten häufig kein Vertrauen zu sportinternen Stellen, stellte Maximilian Klein vom Verein Athleten Deutschland fest. Eine solche Stelle könne Verbänden und Vereinen bei dem schwierigen Thema unterstützen. Sie müsste unabhängig finanziert werden, etwa vom Bundesinnenministerium.  

Heute wäre die Möglichkeit gewesen, hierüber öffentlich zu diskutieren. Chance vertan, die Politikerinnen und Politiker haben nicht danach gefragt, glänzten aber gleich nach der Sitzung mit Pressemitteilungen, in denen sie die unabhängige Anlaufstelle "Safe Sport" unterstützen.  

Chance vertan, Sportausschuss!

Der Deutsche Olympische Sportbund hatte ein entsprechendes Zentrum im vergangenen Jahr noch begrüßt, distanziert sich aber inzwischen davon. In seiner Stellungnahme zur heutigen Sitzung schreibt der DOSB, das Zentrum sei seiner Ansicht nach "nicht der Königsweg"

Auch das haben die Sport-Politikerinnen und Politiker offenbar nicht gelesen, hätten sie doch sonst der anwesenden Vize-Präsidentin die Frage stellen müssen: Wenn nicht das unabhängige "Zentrum für Safe Sport" – was ist dann der Königsweg? Auch diese Chance haben sie vertan. 

Dass der Sportausschuss das große Thema "Gewalt im Sport" auf die Tagesordnung setzt, reicht nicht. Er muss sich inhaltlich damit auseinandersetzen und bei sich selbst und den "harten Worten" anfangen. 

Hinweis: In einer früheren Version wurde Eberhard Gienger als Olympiasieger im Turnen bezeichnet. Tatsächlich gewann er bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal die Bronzemedaille. Der Fehler wurde inzwischen korrigiert.

Stand: 05.05.2021, 23:45

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