Anne Haug - das Ende der Lauerstellung

Anne Haug

Triathlon

Anne Haug - das Ende der Lauerstellung

Von Niklas Schenk

Auf Ironman-Weltmeisterin Anne Haug wartet am Sonntag (6.12.2020) in Florida der Höhepunkt der Saison - nach einer langen Durststrecke: Für die Triathleten sind in diesem Jahr fast alle Wettkämpfe ausgefallen.

Anne Haug sieht die Auswirkungen des Coronavirus auf ihren Sport pragmatisch. "Ich betreibe meinen Sport, weil ich immer besser werden möchte. Und das wurde mir ja nicht genommen“, sagte die 37-Jährige in einem Interview. Sie hoffe, sich in der wettkampffreien Zeit eine "stabile Grundlage“ aufgebaut zu haben – und außerdem "ein bisschen mentale Frische“.

Trotzoptimismus? Oder bietet die Corona-Krise dem Sport auch Möglichkeiten, sich zu verändern und zu profitieren? Sebastian Kienle, ebenfalls früherer Ironman-Champion, sieht es noch aus einem anderen Blickwinkel. "Der Profi-Wettkampfsport wird nicht mehr so wichtig sein, davon gehe ich aus“, glaubt Kienle für die Zeit nach Corona. Trotzdem würden sich in der Krise so viele Menschen bewegen "wie schon lange nicht mehr. Die einzige Waffe, die wir haben, ist unsere eigene Gesundheit.“

Online-Trainer sind gefragt

Die vage Hoffnung: Es könnten also neue Talente zum Sport stoßen. Aktuell geschieht das allerdings ausschließlich online. Plattformen wie Zwift, auf denen man Strecken virtuell nachfahren und sich sogar mit Freunden zu "Meet Ups" verabreden kann, boomen.

Um auf Zwift fahren zu können, brauchen Rennradfahrer und Triathleten einen Smarttrainer, also eine Rolle, auf die das Rennrad montiert werden kann. Lieferzeit aktuell: Mehrere Monate. Viele große Triathlon-Shops rechnen damit, erst im Frühjahr wieder neue Modelle verkaufen zu können. Die Radbranche verzeichnete im Mai den umsatzstärksten Monat aller Zeiten; etliche Rennräder sind schon jetzt für das gesamte Jahr 2021 ausverkauft.

Einige Radrennen gehen schon dazu über, auch virtuell gefahrene Kilometer in die Wertung einzubeziehen. So zählen beim "Rapha Festive 500", einem Rennen zwischen Weihnachten und Neujahr, bei dem jeder Fahrer 500 Kilometer fahren soll, erstmals auch bei Zwift absolvierte Kilometer.

Haug startet bei verkürzter Mitteldistanz

Den deutschen Triathlon-Profis nützt die Online-Entwicklung aktuell indes wenig. Für die deutsche Top-Triathletin Anne Haug geht es am Sonntag bei der "Challenge Daytona" auf den Speedway in Florida - für sie ist es nach einem Jahr voller Absagen der Saisonhöhepunkt. Haug startet auf der leicht verkürzten Mitteldistanz, also knapp einem halben Ironman, mit 2 Kilometern Schwimmen, 80 Kilometern Radfahren und 18 Kilometern Laufen.

Für Haug gilt auch während der derzeit schwierigen Zeit stets das Prinzip "Hoffnung". Als Leistungssportlerin sei sie "es gewohnt, dass durch Verletzungen und ähnliches von einem auf den anderen Tag alle Ziele zunichte gemacht werden können - und man erstmal nicht das Ende des Tunnels sehen kann."

Immer wieder waren in diesem Jahr Veranstaltungen kurzfristig abgesagt worden. Sie sei quasi über das komplette Jahr hinweg "in Lauerstellung" geblieben, sagt Haug. Immerhin habe ihr Hawaii-Sieg im Vorjahr einen guten finanziellen Puffer gebracht. Für viele andere Triathleten sei die Situation durch die Absage zahlreicher Rennen und den Rückzug von Sponsoren allerdings "wirklich hart", sagte sie. Haug hatte für den Sieg auf Hawaii rund 120.000 US-Dollar erhalten.

Frodeno veranstaltete einen virtuellen Ironman

Not macht erfinderisch: Jan Frodeno, Deutschlands wohl immer noch bekanntester Triathlet, hatte im Frühjahr gar einen gesamten Ironman virtuell ausgetragen. Frodeno hat den Luxus, eine Gegenstromanlage in seinem Pool installiert zu haben – Rad- und Laufstrecke führte auch Frodeno via Zwift durch. Knapp acht Stunden brauchte Frodeno und damit nur einige Minuten länger als bei seiner Bestzeit auf Hawaii – zudem kamen durch die Aktion 200.000 Euro an Spendengeldern zusammen.

Für Frodeno und die anderen Profi-Triathleten fallen in der Corona-Krise auch viele Sponsorengelder weg. Gerade für Haug hätte es nach dem Ironman-Erfolg auf Hawaii ein lukratives Jahr werden können. "Natürlich bricht ein sehr großer Teil des Einkommens einfach weg“, erklärt die Bayerin. Nun sei sie "extrem dankbar, dass ich ganz tolle Sponsoren habe, die auch in dieser schwierigen Zeit zu mir stehen. Länger als dieses Jahr sollte die Krise aber nicht dauern.“

Das sieht auch Patrick Lange, Ironman-Gewinner 2017 und 2018 so. Er freut sich auf ein Ende der Krise: "Training ist schön, aber sind wir mal ehrlich: einen Wettkampf und das Kribbeln im Bauch kann es nicht ersetzen.“

Stand: 04.12.2020, 13:42

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