Schach: "Nepo" macht alles klar - Carlsen trifft auf seinen Angstgegner

Jan Nepomnjaschtschi aus Russland blickt auf ein Schachbrett

Schach-Kandidatenturnier

Schach: "Nepo" macht alles klar - Carlsen trifft auf seinen Angstgegner

Von Niklas Schenk

Der Russe Ian Nepomnjaschtschi hat das Schach-Kandidatenturnier gewonnen. Er fordert damit Weltmeister Magnus Carlsen Ende des Jahres in Dubai heraus. Für Schachfans ist das eine gute, für Carlsen eine schlechte Nachricht.

Mit Schützenhilfe seines Landsmanns Alexander Grischuk hat der Russe Ian "Nepo" Nepomnjaschtschi vorzeitig das Schach-Kandidatenturnier gewonnen. Grischuk schlug den ärgsten Verfolger, den Niederländer Anish Giri, am Montag (26.04.2021) überraschend. Damit reichte dem 31-jährigen "Nepo" ein Unentschieden gegen den Franzosen Maxime Vachier-Lagrave, um schon am vorletzten Turniertag den größten Erfolg seiner Karriere perfekt zu machen.

"Terrorist" Grischuk hat ein schlechtes Gewissen

"Ich bin nicht stolz drauf, ich fühle mich wie ein Terrorist", sagte "Königsmacher" Grischuk über seinen Erfolg, der dem Turnier die letzte Spannung nahm. Jedoch hatte sich der Sieg seines russischen Kontrahenten seit Tagen abgezeichnet.

Nun also: Carlsen gegen "Nepo" im WM-Finale, das Ende November in Dubai startet. Die Nummer vier der Welt fordert die Nummer eins heraus, der Russe möchte den Norweger vom Thron stoßen, den dieser seit acht Jahren nicht mehr hergibt. Zwölf Partien werden beide Kontrahenten gegeneinander spielen - es dürfte der spektakulärste WM-Kampf seit vielen Jahren werden.

"Nepo" hat eine positive Bilanz gegen Carlsen

Denn "Nepo", die langen dunklen Haare meist zum Zopf zusammengebunden, hat als einziger Topspieler der Welt eine positive Bilanz gegen Magnus Carlsen. Beide sind Jahrgang 1990, kennen sich von Kindesbeinen an. Nepomnjaschtschi hat Carlsen schon als Kind bei der U12-Weltmeisterschaft bezwungen. Immer wieder gelangen ihm danach Siege gegen den für viele unbezwingbar erscheinenden Norweger. Nepos größter Vorteil für das WM-Duell dürfte sein: Er hat keine Angst vor Carlsen.

Es treffen zwei sehr selbstbewusste Charaktere aufeinander. Umso bemerkenswerter war das, was Carlsen über seinen kommenden Gegner vor wenigen Tagen sagte: "Er ist einer von den Spielern, die mich überspielen können." Spiele gegen "Nepo" seien immer "interessant", sagte Carlsen: "Wenn er inspiriert ist, spielt er sehr stark. Wir haben oft zusammen trainiert. Wenn er gut drauf war, hat er oft gewonnen oder hatte leichte Vorteile. An einem schlechten Tag habe ich aber auch mal sieben oder acht Spiele in Folge gewonnen."

Diese Launen muss der in der Nähe von Moskau aufgewachsene Nepomnjaschtschi spätestens im WM-Kampf abstellen. Mehrere schlechte Tage in Folge kann sich hier niemand leisten. Das gilt aber auch für das Kandidatenturnier - und bei dieser Generalprobe war von Wankelmut und Nervenschwäche beim Russen nichts mehr zu sehen.

Die Karriere des Megatalents stockte über Jahre

Diese hatten ihn über Jahre immer wieder vermeintlich sichere Turniersiege gekostet. Deshalb musste er viele Jahre auf den großen Durchbruch warten. Mit 17 Jahren war "Nepo" bereits Großmeister, wurde 2010 russischer Meister und Europameister. "Er war schon immer einer der talentiertesten Spieler seiner Generation, keine Frage", sagt Carlsen über ihn.

In langen Turnieren über mehrere Wochen wechselten sich Genie und Wahnsinn aber zu häufig ab. Nepomnjaschtschi schlug Gegner an guten Tagen vernichtend, brach an schlechteren Tagen dann aber teilweise komplett ein. Weltmeister Carlsen erinnert sich an Selbstzweifel beim Russen. "Er konnte einfach nicht verstehen, warum er nicht bei den allerbesten Turnieren dabei war. Ich habe ihm gesagt: Es kommt nur auf dich an, du brauchst den absoluten Fokus."

Die Hobbys: Schach spielen - und Computer zocken

Beim Kandidatenturnier könnten dem Russen die Widrigkeiten durch die Corona-Pandemie sogar geholfen haben. Das Turnier war im März 2020 zur Hälfte unterbrochen worden. Zu groß war die Sorge der Veranstalter, dass die Spieler aus dem russischen Jekaterinburg nicht mehr hätten abreisen können.

"Nepo" lag zur Halbzeit punktgleich mit dem Franzosen Vachier-Lagrave an der Spitze. Die Corona-Pandemie brachte ihm eine mehr als einjährige Pause und viel Zeit, um das eigene Nervenkostüm vorzubereiten. Auch wenn der als "Zocker" bekannte Russe keinen Hehl daraus machte, einen Großteil dieser Zeit mit den Computerspielen "Dota2" und "Warcraft" verbracht zu haben.

Der Stil: Aggressiv, schnell - aber stabiler

Trotzdem zeigte sich Nepomnjaschtschi bei der Fortsetzung des Kandidatenturniers fokussiert und souverän. Zwei Partien gewann er, in den anderen rettete er mit sicheren Unentschieden jeweils einen halben Punkt. So souverän und stabil hatten Schachbeobachter den aus einer russischen Intellektuellenfamilie bei Brjansk stammenden "Nepo" noch nie gesehen.

Sein Stil ist zwar weiterhin aggressiv, aber er übertreibt es in heiklen Phasen nicht mehr. Die große Stärke des Russen ist das kreative Mittelspiel. Außerdem spielt er sehr schnell, kommt als "Speed Demon" nur selten in Zeitprobleme.

Corona-Krise sorgt für Schach-Boom Sportschau 20.12.2020 08:14 Min. Verfügbar bis 20.12.2021 Das Erste

Für Carlsen fällt ein großer Vorteil bei der WM weg

Das ist auch für das WM-Spiel gegen Magnus Carlsen wichtig. Denn wenn nach zwölf Partien über die klassische Bedenkzeit von 100 Minuten für 40 Züge noch kein Sieger feststeht, sieht der WM-Modus einen Tie-Break vor. Dort wird dann Schnell- und Blitzschach gespielt. 2016 (gegen Sergej Karjakin) und 2018 (gegen Fabiano Caruana) hatte Weltmeister Carlsen dort große Vorteile und verteidigte dadurch seinen Titel.

Carlsen wird auch in dieses WM-Spiel als Favorit gehen. Trotz der schlechten Bilanz gegen "Nepo" ist Carlsen der Ausnahmespieler schlechthin im Schach. In engen Partien mit nur noch wenigen Figuren ist er fast unschlagbar. Für Schachfans ist dieses nun feststehende Duell trotzdem eine gute Nachricht. Denn Ian Nepomnjaschtschi hat gezeigt, dass er es gegen Carlsen kann. Er wird nicht versuchen, in einem WM-Kampf nur eine gute Figur abzugeben. Er tritt an, um zu gewinnen.

Stand: 26.04.2021, 18:40

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