Fußball | WM-Quali Ukraine nach verpasster WM-Teilnahme: "Es gibt Wichtigeres als Fußball"

Stand: 06.06.2022 12:31 Uhr

Wales und die Ukraine haben am Sonntag um das letzte europäische Ticket für die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar gespielt. Wegen des Krieges hatte das Spiel für viele Ukrainer eine besondere Bedeutung. SWR Sport hat eine Gruppe junger Ukrainer während der Partie begleitet.

Vadym Elkind und seine Mannschaftskollegen sind begeisternde Fußballfans. Auf der Waldau kicken sie gemeinsam beim FC Stuttgarter Junta, einem Team, das hauptsächlich aus Ukrainern besteht, in der Amateurliga Württemberg. Wenn Vadym und seine Kumpels nicht selbst auf dem Platz stehen, reisen sie gerne zu Länderspielen. In Lissabon und Vilnius waren die jungen Männer schon zusammen. Und wenn die Ukraine sich gegen Wales für die WM qualifizieren kann - das zweite Mal, nach 2006 - dann sind sie selbstverständlich auch am Start. Diesmal allerdings nicht in Cardiff. Sie schauen sie sich das wichtige Spiel der ukrainischen Nationalmannschaft aber im Irish Pub in Stuttgart-Vaihingen an, denn längst haben sich die Prioritäten verschoben.

"Klar, wäre es schön, wenn wir uns für die WM qualifizieren. Aber es gibt derzeit einfach Wichtigeres."

Quelle: Vadym Elkind, ukrainischer Fußballfan

Die Ukraine wartet seit 2006 auf WM-Teilnahme

Es wäre die erste WM-Teilnahme für die Ukraine seit 2006. Damals scheiterte man im Viertelfinale an Italien. Nach den verpassten Turnieren in Südafrika, Brasilien und Russland wollte die Ukraine in dieser schwierigen Zeit nun endlich wieder mit dabei sein. "Fußball ist eine gute Möglichkeit, um sich für 90 Minuten mal ein bisschen abzulenken", sagt Dimitri Kutovyi, der vor fünf Jahren nach Deutschland kam und seitdem auch beim FC Stuttgarter Junta spielt. Seine Familie ist in der Ukraine geblieben - auch jetzt während des Krieges. In Dimitris Heimatstadt Uman, etwa 200 Kilometer südlich der Hauptstadt, gehe es aktuell aber glücklicherweise relativ ruhig zu. Trotzdem lebe der 30-Jährige in ständiger Angst um seine Angehörigen.

Die Ukraine verliert nach Eigentor von Jarmolenko gegen Wales

Der Traum von etwas Ablenkung durch eine erfolgreiche WM-Qualifikation zerplatzt allerdings Stück für Stück. Die ukrainische Nationalmannschaft ist gegen Wales gut aufgelegt, spielt strukturiert und mutig nach vorne. Die 33.280 Zuschauer im Cardiff City Stadium merken der Mannschaft von Trainer Oleksandr Petrakov kaum an, dass sie sich seit Beginn des Krieges überwiegend mit Freundschaftsspielen und Benefiz-Spielen fit gehalten und beim 3:1-Sieg am Mittwoch in Schottland das erste Pflichtspiel absolviert hat. Doch Viktor Tsygankov (9.) und Roman Jaremtschuk (12.) können ihre Chancen nicht zur frühen Führung nutzen.

Und nach der guten Anfangsphase wird Andrej Jarmolenko zum tragischen Helden. Der erfahrene Mittelfeldspieler von West Ham United fälscht einen Freistoß von Gareth Bale ins eigene Tor ab (34.). Anschließend beißen sich die Urkainer am waliser Keeper Wayne Hennessey die Zähne aus. Der 35-Jährige, bei Crystal Palace ausgemustert und bei Premier-League-Absteiger FC Burnley nur Ersatzmann, wächst in der zweiten Halbzeit über sich hinaus und lässt Jarmolenko und Co. verzweifeln. Trotz guter Chancen in der Schlussviertelstunde bringen die Ukrainer den Ball nicht im Tor unter und verpassen durch das 0:1 gegen Wales die WM im Katar.

Hilfslieferungen an die ukrainische Grenze

Bei Vadym, Dimitri und den anderen Mannschaftskameraden vom FC Stuttgarter Junta sitzt die Enttäuschung nach Spielende tief. "Die Chancen waren da, aber wir haben sie einfach nicht genutzt", ärgert sich Vadym, der als kleiner Junge mit seiner Familie aus der Ukraine nach Deutschland kam und ergänzt: "Die Welt geht aber nicht unter, es gibt immer noch wichtigere Sachen als Fußball".

Deshalb wollen er und seine Teamkollegen sich auch weiter abseits des Rasens engagieren. "Viele sind als freiwillige Helfer sehr viel und sehr lange unterwegs. Wir haben schon sehr viel organisiert", erzählt Dimitri Schulz und spricht etliche Hilfslieferungen an die Grenze an.

Dimitri Schulz: "Wir haben schon sehr viel organisiert"

"Wir haben direkte Informationen, woran es fehlt und können auch so Sachen beschaffen, die die Jungs an der Front direkt brauchen", ergänzt der in Feuerbach niedergelassene Zahnarzt. Etwa mit Kleider-Lieferungen und Verbandszeug wollen sie die Menschen in der Ukraine von Stuttgart aus unterstützen. Durch ihr Engagement fehlt es den Kickern zwar manchmal an Zeit fürs Fußballspielen, aber das ist nicht wichtig. Schließlich gibt es noch Wichtigeres.