Rollstuhlfechten | Hintergrund Deutsche Meisterschaft im Rollstuhlfechten: Medaillen für Tim Widmaier

Stand: 04.06.2022 22:09 Uhr

Tim Widmaier aus Weil der Stadt ist einer der besten deutschen Rollstuhlfechter. In Böblingen hat er mal wieder gezeigt, dass er die schnellsten Arme und den flexibelsten Oberkörper hat.

Reposte, Finte, Batutta, Coupé - auch beim Fechten im Rollstuhl sind vor allem Technik und Schnelligkeit entscheidend. Zu den besten in Deutschland zählt Tim Widmaier aus Weil der Stadt. Er ist mehrfacher Deutscher Meister und Mitglied des Nationalkaders. Rollstuhlfechten ist seine Leidenschaft und vor allem der Degen hat es ihm besonders angetan: "Die Faszination Degen ist, dass es ein sehr taktisches Spiel ist. Das kann man sich vorstellen, wie Schach - man muss immer wissen: Was macht der Gegner als nächstes?", erklärt Widmaier.

Rollstuhlfechter brauchen flotte Arme und flexible Oberkörper

Vor dem Gefecht werden die unterschiedlichen Armlängen der Kontrahenten gemessen. Daraufhin der Abstand zwischen den Rollstühlen eingestellt und mit einer Metall-Strebe fixiert. Je nach Beweglichkeit im Oberkörper kämpft man in der Kategorie A, B oder C.

Zudem besteht Anschnallpflicht für Fechter und Rollstuhl, um beim schnellen Vor- und Zurückbeugen nicht raus - oder gleich ganz mit dem Rollstuhl umzufallen. Ausweichen ist beim Rollstuhlfechten nur mit dem Oberkörper möglich. Das macht diese Sportart schwierig und spannend zu gleich. Schnelle Reaktionen sind das eine, eine gute Taktik das andere. "Ich war früher eher der Angriffsmensch und jetzt bin ich eher der Verteidiger", sagt Widmaier. "Denn wenn ich angreife, werde ich klassisch ausgekontert."

2019: Widmaier dreimal Deutscher Meister

Tim Widmaier kam zu früh auf die Welt. Infolge seiner Frühgeburt hat der 32-Jährige Einschränkungen bei der Feinmotorik und dem Gleichgewichtssinn. Er lebt weitgehend eigenständig und arbeitet im Qualitätsmanagement eines Autoherstellers.

Rollstuhlfechter Tim Widmaier in seiner Wohnung.

Trainiert wird meist fünfmal pro Woche. Fechten, Krafttraining, Physiotherapie - das alles nimmt er auf sich, denn Sport war ihm schon immer wichtig. "Früher war ich mal im Schwimmen, das wurde mir dann aber zu langweilig. Dann wollte ich eine Rollstuhl-Sportart ausprobieren und bin zufällig aufs Fechten gestoßen." In dieser Sportart war er beispielsweise bei der Deutschen Meisterschaft 2019 sehr erfolgreich: Im Säbel, Florett und Degen holte er jeweils den Titel.

Geflüchtete aus der Ukraine in Trainingsgruppe

Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine hat sich die Trainingsgruppe rund um das Nationalteam und Tim Widmaier verändert: Chefbundestrainer der Rollstuhlfechter Alexander Bondar, selbst gebürtiger Ukrainer, kümmert mit dem ganze Team um ukrainische Rollstuhlfechter, die in Deutschland untergekommen sind. Sie trainieren seit ihrer Ankunft in Deutschland in Rostock und Böblingen.

Bei den deutschen Meisterschaften waren sie zum Teil als Zuschauer dabei, selbst teilnehmen können sie noch nicht, dazu müssten sie mindestens ein Jahr Mitglied in einem Verein in Deutschland sein. Für Alexander Bondar war es eine Selbstverständlichkeit, dass das ganze Team die ukrainischen Sportler unterstützt. Zumal unter ihnen Medaillengewinner der Paralympischen Spiele in Tokio sind und sie mit ihren sportlichen Fähigkeiten auch die deutschen Sportler im Training pushen können, sagt der Chefbundestrainer Alexander Bondar: "Das ukrainische Team gehört zu den führenden Nationen im Rollstuhlfechten und wir profitieren natürlich von guten Gegnern und auch von sehr spannenden Gefechten", so Bondar im SWR-Interview.

Geflüchtete Rollstuhlfechter aus der Ukraine trainieren mit deutschem Team

Tim Widmaier holt wieder Medaillen bei der DM

Unter den Augen einiger ukrainischen Rollstuhlfechter schaffte es Tim Widmaier auch in diesem Jahr wieder bei der Deutschen Meisterschaft auf das Treppchen - zum Titel reichte es nicht ganz: Er gewann im Florett die Bronzemedaille und im Säbel sogar die Silbermedaille.