Michael Hartmann, Ex-Jugendtrainer bei Hertha BSC, nun bei Bayern München. / imago images/Kirchner-Media

Interview | Ex-Profi und Jugendtrainer Michael Hartmann "Wir haben im Nachwuchs zuletzt zu viel Wert auf taktische Dinge gelegt"

Stand: 12.01.2023 06:09 Uhr

Michael Hartmann lief mehr als 200 Mal für Hertha BSC auf und prägte viele Jahre die Nachwuchsarbeit der Berliner. Mit der A-Jugend wurde er Meister. 2022 wechselte er zu Bayern München. Was dort anders ist - und woran es in der Jugendarbeit hapert.

rbb|24: Herr Hartmann, neun Jahre waren Sie als Trainer im Jugendbereich von Hertha BSC tätig und wurden mit der U19 deutscher Meister. Im vergangenen Sommer wechselten Sie dann an die Akademie des FC Bayern München. Was hat Sie zu diesem Schritt bewegt?
 
Michael Hartmann: Ich wollte eine neue Herausforderung finden. Der FC Bayern München ist auf mich zugekommen und hat mir den Job angeboten. Aufgrund der Veränderungen, die es zu diesem Zeitpunkt in Berlin gab, habe ich abgewägt, ob das noch der Weg ist, den ich gehen will oder ob ich etwas anderes machen will. Deshalb habe ich mich zu diesem Schritt entschieden und ihn bis jetzt auch nicht bereut.

Auf welche Veränderungen bei Hertha spielen Sie da konkret an?
 
Ich war ja nicht nur neun Jahre als Trainer dort, sondern zuvor auch als Spieler über 20 Jahre im Verein. Wenn sich dann die Strukturen verändern und neue Leute neue Ideen reinbringen, dann muss man für sich entscheiden, ob man diesen neuen Weg mitgehen möchte oder das ein bisschen anders sieht. Ich habe mich für eine neue Aufgabe entschieden und bin froh und glücklich, jetzt Teil des FC Bayern München zu sein.
 
War der neue Job eine große Umstellung für Sie?
 
Nein. Ich mache bei Bayern genau die Dinge, die ich auch bei Hertha gemacht habe. Es geht grundsätzlich immer darum, die Jungs voranzubringen. Das mache ich mit meiner Art, so wie ich es immer gemacht habe. Es war also keine große Umstellung, was das Arbeiten mit den Jungs angeht.
 
Und wie ist es mit den Dingen drumherum? Gibt es zum Beispiel Unterschiede in der Struktur und der Philosophie?
 
Was die Philosophie angeht, hat jeder Verein andere Schwerpunkte. Aber das hat aus meiner Sicht auf die Arbeit mit den einzelnen Spielern keinen großen Einfluss. Bei der Struktur gibt es hingegen schon Unterschiede. Hertha BSC hat, was die Kombination von Schule und Sport angeht, eine in Deutschland einmalige Situation. Die Schule ist mit auf dem Trainingsgelände und die Wege sind deshalb sehr kurz. Das ist in München nicht so. Aber man muss die Dinge so nehmen, wie man sie vorfindet.

Ist es in München schwieriger, die Spieler auf ein so hohes Niveau zu bekommen, dass sie Chancen auf einen Platz in der ersten Mannschaft haben? Schließlich haben sie dort - anders als bei Hertha - absolute Superstars vor der Nase, die wohl kaum von ihren Positionen zu verdrängen sind.
 
Die Jugendspieler bei Hertha waren auch alles gute Jungs. Der ein oder andere schafft es dort aber vielleicht einen Tick schneller oben anzukommen, als das bei Bayern der Fall wäre. Es ist klar, dass man hier für die erste Mannschaft ein ganz anderes Niveau braucht. Schließlich soll man auch in der Champions League spielen können, was bei Hertha eben zuletzt nicht der Fall war. Aber es gibt ja auch andere Wege. Viele Spieler werden ausgeliehen und können so auf einem gewissen Niveau herangeführt werden. Wenn sie zurückkommen haben sie dann die Chance, Teil der ersten Mannschaft zu werden. Wir versuchen sie beim FC Bayern München bestmöglich auf das Profigeschäft vorzubereiten, sodass der ein oder andere den Sprung dann auch wirklich schafft.

Berlin hat den großen Vorteil des Einzugsgebietes. Da hast du einfach sehr viele Spieler zur Verfügung.

Die Jugendakademien in München und Berlin gehören durchaus zu den besten Ausbildungen in Deutschland. Sie haben in beiden gearbeitet - was zeichnet diese gute Jugendarbeit aus?
 
Da muss man zwischen beiden unterscheiden. Berlin hat den großen Vorteil des Einzugsgebietes. Da hast du einfach sehr viele Spieler zur Verfügung. Wenn man da seine Hausaufgaben macht, muss man nicht unbedingt zusätzlich Jungs von außerhalb dazu holen. Das ist in München sicherlich ein bisschen anders, weil es einfach nicht so groß ist. Hier müssen wir also Spieler von weiter weg dazu holen und profitieren von dem sehr guten Scouting. Nur so kannst du die besten Talente des Landes finden. Und dann spielt immer noch eine Rolle, was du für Trainer hast. Da wird sowohl in München als auch in Berlin sehr gut und im Team gearbeitet.

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Wie steht es denn gerade allgemein um die Jugendarbeit in Deutschland? Ist zum Beispiel das zuletzt schlechte Abschneiden der DFB-Elf ein Indikator dafür, dass es da Probleme gibt und guter Nachwuchs fehlt?
 
Nein, das würde ich auf keinen Fall sagen. Wir haben gute Jungs im Nachwuchs. Es liegt grundsätzlich an etwas anderem. Jeder Spieler braucht gewisse Basics, um oben anzukommen. Das sind Dinge wie Intensität, das Arbeiten nach vorne und nach hinten auf dem Platz und das Zweikampfverhalten. Ich glaube, dass wir im Nachwuchs zuletzt zu viel Wert auf taktische Dinge gelegt haben und uns weniger um diese Basics gekümmert haben. Da müssen wir zulegen, aber letztendlich liegt es an dem entsprechenden Verein, was er von den Trainern einfordert. Andere Nationen sind uns da meiner Meinung nach ein bisschen voraus. Wir sind alle taktisch gut geschult, aber die Basics, auf die es am Ende ankommt, sind glaube ich wichtiger.
 
Vielleicht können Sie uns zum Abschluss noch einen kleinen Insider-Einblick geben. Welchen Spieler in der Bayern-Jugend sollten wir schon jetzt auf dem Schirm haben, weil er das Potential zu einer großen Karriere hat?
 
Da gibt es einige, die sehr spannend sind und richtig gutes Potential haben. Aber ich will jetzt keine Namen nennen.

Vielen Dank für das Gespräch!
 
Das Interview führte Lukas Witte, rbb Sport.