Eine Rote Karte (Bild: IMAGO/Rolf Poss)

Interview | Berliner Schiedsrichterin über Amateurfußball "Jede Woche Tätlichkeiten und ernsthafte Bedrohungen"

Stand: 07.06.2022 20:36 Uhr

Verbale und auch physische Gewalt, insbesondere gegen Schiedsrichter, sind ein großes Problem im Amateurfußball. Theresa Hoffmann vom Berliner Fußball-Verband widmet sich diesem und spricht im Interview über Ursachen, Ausmaß und Lösungsansätze.

rbb|24: Frau Hoffmann, Ihr Jobtitel beim Berliner Fußball-Verband (BFV) lautet "Referentin für Schiedsrichterwesen" mit dem Schwerpunkt Gewaltprävention. Was genau kann man sich darunter vorstellen?
 
Theresa Hoffmann: Ein großes Themenspektrum. Es geht im Wesentlichen um zwei Schwerpunkte, die damit zusammenhängen, dass Schiedsrichter auf Berlins Fußballplätzen einfach sehr viel Gewalt erleben – sowohl körperliche Gewalt, aber vor allem verbale und psychische Gewalt. Der eine große Teil ist, Schiedsrichter zu betreuen, denen etwas passiert ist. Anrufen, nachfragen, darüber sprechen und auch gucken, was du anders machen kannst, um aus einer ähnlichen Situation glimpflicher herauszukommen und zu deeskalieren. Das andere ist, die Schiedsrichter zu schulen. Was ist Deeskalation überhaupt, wie setze ich das ein und was kann ich präventiv machen, bevor es überhaupt zu irgendwelchen Situationen kommt?

Was erleben Sie beim Aufarbeiten der Vorfälle mit den Schiedsrichtern?
 
Aus Kapazitätsgründen schaffe ich es nur, diejenigen anzurufen, die tätlich angegriffen oder bedroht worden sind. Weil wir pro Spieltag von 200 bis 250 Schiedsrichtern sprechen, die beleidigt werden. Diejenigen, die bedroht worden oder tätlich angegangen sind, sind erstmal froh darüber zu reden und zu berichten. Was mich am meisten überrascht ist, dass die meisten sagen: "Ja, das war schlimm und hat mich zwei Tage beschäftigt, aber ich bin drüber hinweg, weil es ja irgendwie dazugehört." Das Positive hieran ist die große Widerstandsfähigkeit unserer Schiedsrichter. Jedes Mal wieder negativ ist, wie sehr Teil der Normalität das mittlerweile ist.
 
Wie normal ist Gewalt im Jugend- und Amateurfußball heutzutage?
 
Ich telefoniere mit zwei bis fünf Schiedsrichtern pro Wochenende wegen Tätlichkeiten und ernsthaften Bedrohungen. Wir hatten diese Saison in Berlin 65 Spielabbrüche, die ins DFBnet (Anm. d. Red: Verwaltungssystem des DFB) eingetragen wurde. Insgesamt sind es vermutlich 80 bis 100 Spielabbrüche – von der E-Jugend bis in die Verbandsliga der Herren. Wir haben im Herrenbereich 800 Sportgerichtsurteile und 500 Staffelleiterurteile.

Gibt es unterschiedliche Tendenzen, abhängig von Alter, Spielklasse und Geschlecht?
 
Man muss das natürlich in Relation zur Anzahl der Spiele setzen. Aber zum Vergleich: Bei den Frauen haben wir ganze acht Sportgerichtsurteile. In der Bezirksliga und abwärts tendenziell mehr Fälle, aber es unterscheidet sich eher die Intensität. In den höheren Ligen haben wir nicht die wahnsinnig hohe Intensität, aber auch da kommt es immer wieder zu Vorfällen.
 
Bei einem Jugendspiel des BAK gegen den SC Staaken gab es jüngst einen Vorfall, bei dem ein Vater einen Jugendlichen gewürgt hat und andere Eltern mit einem Messer bedroht haben soll. Sind solche Fälle die große Ausnahme oder bekommt man sie schlicht nicht öfter mit?
 
Zum Fall selber darf ich mich nicht äußern, weil die Sportgerichtsverhandlung ja erst noch kommt und noch gar nicht nachgewiesen ist, was genau passiert ist. Man kennt ja bisher auch nur verschiedene Berichte aus verschiedenen Quellen, die sich mitunter auch widersprechen.
 
Dann etwas allgemeiner gefragt: Werden häufig neben den Spielern noch andere Akteure wie etwa Eltern und andere Zuschauer ausfällig oder gar handgreiflich?
 
Auf jeden Fall. Wir dürfen auf keinen Fall die Trainer vergessen, die ähnlich nah am Spielgeschehen sind und auch einen großen Anteil haben. Die Zuschauer auch. Gerade bei allem, was abseits der 90 Minuten in der Halbzeit, vor oder nach dem Spiel passiert. Wir haben Schiedsrichter, die auf dem Weg in Kabine verfolgt werden, irgendwo abgefangen werden oder nach dem Umziehen vor ihrer Kabine jemanden finden, der auf eine nicht so nette Art nochmal mit ihnen reden will.

Wie erklären Sie sich das?
 
Es geht mit sehr starken Emotionen einher, die wir im Sport haben und auch haben wollen. Davon lebt der Fußball, deswegen spielen Leute Fußball und deswegen kommen die Fans. Weil diese Emotionen auf dem Platz etwas Besonderes sind. Es kommt oft viel zusammen: Ein schlechter Tag bei einem Spieler, dazu vielleicht ein Missverständnis und eine gewisse Kultur, die in den letzten Jahren entstanden ist. Bei Tätlichkeiten reicht die Palette bis hin zu denjenigen, die nur zum Fußball gehen, um Stunk zu machen.
 
Wie kann man verbaler und auch physischer Gewalt mit diesem Wissen entgegenwirken?
 
Wir gehen ganz viel über das Thema Qualifizierung. Wir sprechen mit unseren Schiedsrichtern ab dem Anfängerlehrgang darüber, was ihnen passieren kann. Damit niemand auf den Platz geht und einen Realitätsschock erlebt. Der kommt zwar trotzdem, weil sich das keiner so krass vorstellt, aber trotzdem ist diese Vorbereitung wichtig. Zu fragen: Was macht ihr in den verschiedenen Situationen? Spielt sie vorher gedanklich durch, unterhaltet euch mit anderen Schiedsrichtern, macht euch Gedanken, welche Kommunikation ihr wählt und wie ihr deeskalieren könnt. Darüber hinaus versuchen wir, Plattformen zum Austausch zu schaffen.

Haben Sie ein Beispiel?
 
Ich habe am Wochenende einen Trainer-Workshop gegeben, bei dem es den ganzen Tag nur darum ging, wie Trainer und Schiedsrichter während des Spiels miteinander umgehen. Wir haben einen Perspektivwechsel gemacht und geguckt: Was erlebt man als Schiedsrichter überhaupt? Wie ist es, in der Mitte ein Spiel zu leiten, während außen alle herumpöbeln? Unser Ansatz ist, zu sagen: Jeder muss Verantwortung übernehmen.
 
Und trotzdem schreiben Sie dem Schiedsrichter eine Sonderrolle zu. Wieso?
 
Der Schiedsrichter ist derjenige, der erstmal am wenigsten Emotionen in einem Spiel hat und deswegen am rationalsten handeln kann und auch sollte. Da kommt es ganz stark darauf an, welche Beziehungsebene man aufbaut, wie man – vielleicht auch schon vor dem Spiel – mit den Trainern und Kapitänen spricht. Bin ich während des Spiels derjenige, der alles ignoriert? Oder bin ich derjenige, der mit ein bisschen Empathie arbeiten und manche Situationen sogar mit Humor auflösen kann? Das klappt auch nicht in jedem Spiel. Manchmal hat man auch einfach Personen, bei denen man mit Kommunikation ab einem gewissen Punkt nicht mehr weiterkommt. Aber man sollte es zumindest versuchen.

Inwiefern ist die Dringlichkeit des Handlungsbedarfs auch bei Vereinen und Spielern angekommen?
 
Ich glaube, dass das schon länger angekommen ist. Spätestens, wenn ein Spieler vom Sportgericht für zwei oder mehr Spiele gesperrt wird, muss man sich mit dem Thema beschäftigen. Ich habe eher das Gefühl, dass viele solchen Situationen ein bisschen hilflos gegenüberstehen, sich fragen: "Wie kann ich den damit umgehen, wenn ich sehr emotional werde oder mir auf dem Spielfeld die Sicherungen durchbrennen." Da ist noch viel Bedarf da, auch an Präventionsarbeit.
 
Auch deshalb sucht der BFV aktuell sogenannte „Spielabbruchstrainer“. Was verbirgt sich hinter der Bezeichnung?
 
Uns geht es um die Spielabbrüche, die durch Tätlichkeiten zustande kommen. Bei denen wollen wir unsere Vereine nicht alleine lassen. Wir sind uns schließlich alle im Klaren darüber, dass ähnliche Situationen wiederkommen werden. Da wollen wir den Vereinen das Angebot machen, dass externe Personen zu ihnen kommen, das Geschehene aufarbeiten und fragen: Was hätte man anders machen können, um den Spielabbruch zu verhindern? Der Fahrplan ist, das zur neuen Saison wieder anbieten zu können.

Sendung: rbb24 Inforadio, 08.06.2022