Donald, Simon und Pascal jubeln nach dem Berlin-Marathon (rbb/Lynn Kraemer)

Reportage So hat "Run Punk" Pascal seinen ersten Berlin-Marathon erlebt

Stand: 26.09.2022 10:11 Uhr

Der Berliner Pascal Adler hat sich das erste Mal der Herausforderung Marathon gestellt. Als Unterstützung an seiner Seite: das "Run Pack Berlin". 42,195 Kilometer mit einem Antrag, mentalen Knackpunkten und viel Konfetti. Von Lynn Kraemer

Der Asphalt auf der Straße des 17. Juni ist an diesem Sonntagmorgen noch leicht feucht vom Nieselregen der Nacht. Die Straße ist noch recht leer. Die perfekten Bedingungen für Pascal Adler, der sich als Morgenläufer sieht. Er liebe "die Ruhe dieser chaotischen Stadt, die Lichtstimmung und den Geruch", den Berlin um diese Uhrzeit hat.
 
Nur dass er heute nicht alleine läuft, sondern mit rund 35.500 anderen. Die Autos fehlen, weil die Strecke für den 48. Berlin-Marathon abgesperrt ist. Und innerhalb von kürzester Zeit werden sich der Tiergarten und der Bereich vor der Siegessäule füllen. Dann wird es brechend voll sein.
 
Während in der U2 in Richtung Olympiastadion die ersten Festival-Fans mit schnellen Brillen [mehr zum Thema "schnelle Brillen" bei den Kolleg:innen von Funk auf Youtube], Bauchtaschen und Glitzer in den Haaren sitzen und zum Lollapalooza fahren, steigen rund um den Tiergarten Marathonteilnehmende mit noch schnelleren Brillen, Turnbeuteln und Wärmedecken aus.
 
Für Pascal Adler ist es der erste Marathon. Er läuft zwar schon seit fast zehn Jahren, doch an die 42,195 Kilometer hat er sich bisher noch nicht getraut: "Wenn ich Halbmarathon gelaufen bin, konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, diese Distanz zu verdoppeln."

Pascal mit Läufern des Run Packs vor dem Start (rbb/Lynn Kraemer)

Pascal und Läufer des Run Packs warten in der Startzone | rbb/Lynn Kraemer

Das "Run Pack Berlin"

Als Motivation, es doch zu versuchen, diente seine Laufgruppe, das "Run Pack Berlin". Jedes Jahr positionieren sie sich an der Strecke, um ihre Läufer anzufeuern. 2019 war auch Pascal dabei und schwenkte die übergroße Flagge der Gruppe, wie er erzählt. "Ich war völlig darauf fokussiert zu geben, aber ich habe auch ultra viel zurückbekommen von den lächelnden Freunden. Und an dem Abend dachte ich so,: Ich will das auch."
 
Am Treffpunkt im Tiergarten haben sich kurz vor Rennbeginn alle zehn Mitglieder des "Run Packs" versammelt, die in diesem Jahr mitlaufen. Mit ihren schwarzen Tank-Tops, die das Logo dr Laufgruppe ziert, sind sie unverkennbar.
 
Die Verbindung zum "Run Pack Berlin" geht bei Pascal Adler sogar unter die volltättowierte Haut. Auf der rechten Wade prangt der Schriftzug "Run Punk" - sein Spitzname verbunden mit dem Logo der Gruppe. Den Namen hat er wegen seiner Liebe zur Musik und seiner unkonventionellen Trainingsart bekommen. Pascal läuft nicht nach Trainings-Plan, sondern nur, wenn er Lust hat.
 
Bei seinem ersten Marathon hat er mit Simon und Robert zwei erfahrene Marathonläufer an seiner Seite. "Unser Ziel ist es, Pascal sicher ins Ziel zu bringen. Ich persönlich möchte meine Bestzeit verbessern und wir teilen uns das Tempo, machen so ein bisschen auf", sagt Robert, bevor es losgeht. Sie peilen eine Zeit von etwa 3:45 Stunden an.

Die Laufschuhe von Pascal Adler mit Regenbogenstreifen (rbb/Lynn Kraemer)

Pascals Laufschuhe mit Regenbogenstreifen | rbb/Lynn Kraemer

Achtsam laufen

Zum "Doh-doh-doh Doh-doh-doh" von "Uptown Funk" überquert die Gruppe um 9:46 Uhr die Startlinie. Pascal trägt für den besonderen Tag seine Lieblings-Laufschuhe, über die sich mittig ein Regenbogen zieht. "Ich habe dieses Modell seit 2018 immer wieder nachgekauft. Jetzt wird es nicht mehr produziert und das ist das letzte Paar, das ich habe." In den Sohlen stehen die Worte "Mindfulness" und "Breathe". Sie sollen ihn tragen.
 
Kurz vor der Sieben-Kilometer-Marke auf Höhe des Kanzleramts ist das Lächeln von Pascal Adler groß. Im Lauf dreht er sich leicht ein, um kurz zurückzuschauen und zu winken. Für den 43-Jährigen gehe es beim Laufen vor allem darum, bei sich selbst zu sein, hat er vorab erzählt. "Als ich damit angefangen habe, habe ich in einer Produktionsfirma gearbeitet. Die Tage waren 14, 16 Stunden lang und ich habe meinen Kopf nicht ausgekriegt. Ich wollte einfach Ruhe im Kopf."
 
Nach einem langen Arbeitstag habe er sich dann überwunden und sich nach Hause gekämpft. "Mir ging es nicht gut, der Körper hat gestreikt, aber ich habe gefühlt eineinhalb Stunden nicht über Arbeit nachgedacht." Danach baute er langsam eine Routine auf. Inzwischen läuft er drei Mal pro Woche. Jeden Dienstagabend mit dem "Run Pack".
 
Obwohl Pascal gerne für sich läuft und dabei Hörbücher hört, verzichtet er beim Berlin-Marathon auf die Knöpfe im Ohr: "Ich habe mich gefragt: Möchte ich den für mich laufen? Tendenziell mache ich das für meine Gesundheit und meinen Geist." Bei den langen Trainingsläufen seien sie aber immer zu dritt und ohne Musik gewesen. "Deswegen mache ich das hier jetzt auch so. Ich laufe mit den Jungs und wir unterhalten uns oder schweigen zusammen."

Vorgezogenes Runners High

Für Pascals Lauffreund Robert kommt das "Runners High" schon nach knapp neun Kilometern. Während Pascal das Smartphone zückt, steuert Robert am Streckenrand auf eine Frau mit Herzjacke und Lauf-Buggy zu und fällt nach einem ersten Kuss aufs linke Knie: "Willst du mich heiraten?" Einen Kuss später muss er auch schon weiter. "Das war sehr schnell gerade", lacht seine jetzt Verlobte Sabine und schaut dem "Run Pack" hinterher.

Das Pack wurde auch erst kurz vorher in Roberts Pläne eingeweiht: "Er hat es uns am Start gesagt - und wir so: Okay, go for it", sagt Pascal. "Wir haben uns noch kurz abgesprochen, ob wir filmen oder Fotos machen sollen. Ich habe Fotos gemacht und ich finde es großartig."
 
Auch nach 18 Kilometern steht dem Berliner noch ein Lächeln ins Gesicht geschrieben. Von Schweiß keine Spur. "Wir sind total steady. Wir sind gut, es macht total Spaß und es läuft, wie man sieht."
 
Zehn Kilometer später sind sie nur noch zu zweit. Robert musste sich etwas zurückfallen lassen. Pascal wirkt nach über der Hälfte gelöst: "Bei mir läuft es erstaunlicherweise immer noch gut. Wirklich. Ich genieße es total und trinke doch mehr als ich dachte. All good."
 
Das Basecap sitzt und an seiner Brust flattert eine kleine grüne Schleife. Der Berliner nutzt den Lauf auch dafür, um auf das Thema Depressionen aufmerksam zu machen. Als Läufer sei er auch ein bisschen Litfaßsäule, sagt Pascal: "Ich zeige: Das gibt es und man sollte darüber reden." Vor dem Lauf hat er seine Kilometerzahl gespendet. Der 43-Jährige wird auch von dem angetrieben, was noch vor ihm liegt: die Cheer Zone der Running Crews.

Run Pack-Läufer Daniel lässt sich in der Kurve feiern (rbb/Lynn Kraemer)

Run Pack-Läufer Daniel lässt sich in der Kurve feiern | rbb/Lynn Kraemer

Wer nicht läuft, jubelt

An der Kurve Bülowstraße werden die Läufer schon erwartet. Aus zwei Boxen dröhnt Musik. Der Boden rund um die Menge ist mit Konfetti bedeckt. Ein Blick aufs Schuhwerk, fast ausschließlich Laufschuhe, verrät, wer hier anfeuert. Hier hat das große "Run Pack" zusammen mit mehreren anderen Laufgruppen sein Lager aufgeschlagen. Die Stimmung ist ausgelassen. Wer vorbeiläuft, wird mit Trillerpfeifen, Topfschlagen und Jubeln angefeuert.
 
"Wir stehen seit neun Jahren an dieser Kurve und können es auch irgendwie nicht lassen an dieser Kurve zu stehen, weil es jedes Jahr größer wird", erklärt Henrik Niehus, Mitgründer des "Run Pack Berlin". Mit den Vorbereitungen für die Kurve habe er schon vor ein paar Wochen angefangen. Hinter der Bande stapeln sich mehr als 100 Konfettikanonen. "Wir sind immer so an der Grenze zwischen dem, was erlaubt ist, und was nicht", so Niehus. Die SCC-Helfer, die für den Streckenabschnitt zuständig sind, würden auch mal ein Auge zudrücken.
 
Als Pascal und seine Mitläufer in die Kurve einbiegen, drücken die Helfer beide Augen zu, während sich mehrere Mitglieder der Laufgruppe vor die Absperrung knien und lila Konfetti in den Himmel feuern. Für einen Moment ist der Lärm so ohrenbetäubend, dass die Anfeuerungsrufe unverständlich ineinander übergehen. Die letzten Konfettifetzen segeln noch durch die Luft, da ist von Pascal nur noch das umgedrehte Basecap zu sehen.

Eliud Kipchoge gewinnt den 48. Berlin-Marathon in Weltrekordzeit

Von Start bis Ziel lieferte der Kenianer Eliud Kipchoge beim 48. Berlin-Marathon eine unfassbare Leistung ab. In knapp über zwei Stunden absolvierte der 37-Jährige die 42,195 Kilometer und brach damit seinen eigenen Weltrekord aus dem Jahr 2018.mehr

Kopfsache

Vor ihm liegt der Teilabschnitt, der ihm vor dem Rennen die größten Sorgen bereitet hat. "In den längsten Trainingsläufen sind wir 38 Kilometer gelaufen. Da weiß ich, dass ich das kann und deswegen denke ich, in meinem Kopf ist die magische Zahl 38." Doch er zieht durch. Er läuft durchs Brandenburger Tor und wenig später ins Ziel. Und wirkt kaum erschöpft.
 
Während nach der Medaillen-Ausgabe zahlreiche Läuferinnen und Läufer an der Kante zu Boden sinken und vor Schweiß triefen, erzählt Pascal auf dem Weg zu den Versorgungsständen schon von seinen Erlebnissen: "Mir hat es total gut gefallen. Dieses gemeinsame Laufen, gerade bei einem Wettkampf, hat mich sicher fühlen lassen." Auf dem zweiten Teil der Strecke hatte sich mit Daniel noch ein weiteres "Run Pack"-Mitglied der Gruppe angeschlossen, um ihn zu supporten, während Simon und Robert etwas zurückfielen.
 
"Es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Ich muss gestehen, dass ich nicht weiß, ob ich es nochmal mache, weil es wirklich lang ist. Aber mein Gefühl ist schön", sagt Pascal. Mit einer Zeit von 3:48:38 Stunden hat er sein Ziel erfüllt - Marathon-Erstling Pascal ist unter vier Stunden geblieben. Bei 38,5 Kilometern habe es etwas geknirscht, den aufkommenden Krampf habe er aber ganz doll weggeatmet. "Viele sagen immer: Warte mal morgen oder übermorgen ab, wenn du deine Beine spürst. Warten wir erstmal ab. Jetzt erstmal alkoholfreies Bier."

Sendung: rbb Sport, 25.09.2022, 9 Uhr