Enttäuschte Bremer

NDR-Sport Werder Bremen im Check: Nur bedingt bereit für die Bundesliga

Stand: 22.06.2022 13:57 Uhr

Werder Bremen ist zurück in der Bundesliga. Aber kann der Aufsteiger in seiner aktuellen Zusammensetzung dort auch bestehen? Der Datencheck zeigt, dass der Kader in vielen Mannschaftsteilen noch Verstärkungen braucht.

Von Matthias Heidrich

Die Euphorie rund ums Weserstadion war riesig, als Werder Mitte Mai den sofortigen Wiederaufstieg perfekt gemacht hat. Zehntausende Fans feierten ihre Aufstiegshelden rund um den Osterdeich. Gute fünf Wochen später ist die grün-weiße Herrlichkeit Club-Geschichte und es stellt sich die Frage: Geht die Party auch in Liga eins weiter - ist der Bremer Kader bereits bundesligatauglich? Schließlich sind die Hanseaten zurückgekommen, um zu bleiben.

Werner: "Klar, dass wir noch was machen müssen"

Damit dies gelingt, kündigte Trainer Ole Werner beim offiziellen Trainingsstart am Mittwoch weitere Transfers an. "Es ist klar, dass wir noch was machen müssen und machen werden", sagte Werner, der sich unter anderem noch im Mittelfeld und in der Offensive Verstärkungen wünscht: "Es wird in den nächsten Wochen noch etwas passieren."

Die Bremer hätten für diesen Bereich gerne Daniel-Kofi Kyereh geholt, doch den zieht es offenbar eher nach Freiburg. St. Paulis umworbener Offensivmann wäre als einer der besten Mittelfeldspieler der vergangenen Zweitligasaison eine Art "Königstransfer" für die Bremer gewesen. Denn in diesem Bereich hakt es in der Mannschaft am meisten. Aber der Reihe nach. Mit Hilfe der GSN-Daten durchleuchtet der NDR die einzelnen Mannschaftsteile des Werder-Kaders.

Tor

Die Position zwischen den Pfosten ist eine der vielen Bremer "Backup-Baustellen". Jiri Pavlenka ist die klare Nummer eins im Werder-Tor, was auch seine Werte widerspiegeln. Mit einem GSN-Index von 69,77 bestehen bei dem Tschechen keine Zweifel an der Bundesligatauglichkeit, er kratzt sogar an der "internationalen Klasse".

Was ist der GSN-Index?

Vier-Säulen-Prinzip:

  • 1. "fußballerische Eigenschaften": Technik, Spielübersicht oder der erste Kontakt: Einschätzungen über 130 fußballspezifische Eigenschaften von mehr als 300 Scouts weltweit.
  • 2. "fußballerisches Potenzial": Wo werden Spieler besser, wo stagnieren sie oder entwickeln sich zurück? Ein Algorithmus analysiert Daten aus der ersten Säule und vergleicht Spielertypen.
  • 3. "Performance auf dem Spielfeld": Tore, Pässe, Fouls, Schüsse oder auch Abseitspositionen: die Spiel-Basisdaten und weiterführende Analysen wie "Expected goals" oder "Action scores" werden durch einen Algorithmus in einen übergeordneten Kontext gesetzt - zum Beispiel positionsbezogen.
  • 4. "Spielniveau": Jede Mannschaft oder Liga hat einen Zahlenwert, der ihre Stärke bemisst. Oberliga oder Champions League: Umso höher das Spielniveau des Gegners, desto positiver wirkt es sich auf den GSN-Index aus.
Bewertungs-Skala:
  • 85 - 100: Weltklasse
  • 70 - 85: internationale Klasse
  • 60 - 70: Durchschnitt Bundesliga bzw. der Top 5 Ligen
  • 50 - 60: Durchschnitt 2. Bundesliga
  • 40 - 50: Durchschnitt 3. Liga
  • 30 - 40: Durchschnitt Regionalliga
Zwei GSN-Index-Werte:
  • aktueller GSN-Index: zeigt die aktuelle, allumfassende Qualität eines Spielers basierend auf den Daten der vier Säulen und Algorithmus-Berechnungen.
  • möglicher GSN-Index: Künstliche Intelligenz ermittelt anhand der Daten das bestmögliche, zukünftige Leistungsniveau eines Spielers.

Das Problem liegt eher hinter Pavlenka. Michael Zetterer (53,21) und Dudu (54,26) sind "nur" Zweitliga-Durchschnitt. Dudu bringt mit einem möglichen GSN-Index von 64,37 das Potenzial für mehr mit, braucht aber noch Zeit. Eine Nummer zwei, die jetzt schon Bundesliganiveau hat, wäre für Werder wichtig.

Innenverteidiger

Der Abgang von Kapitän Ömer Toprak ist ein großer Verlust, aber hier ist Bremen schon aktiv geworden und kann die Innenverteidigung von der Baustellen-Liste streichen.

Neuzugang Niklas Stark (68,04) von Hertha BSC bringt laut GSN-Index gehobenes Bundesliganiveau mit und könnte mit 27 Jahren auch außerhalb des Platzes eine Führungsrolle übernehmen. Bielefeld-Einkauf Amos Pieper (64,23) ist vier Jahre jünger, hat aber ebenso wie die arrivierten Marco Friedl (64,74) und Milos Veljkovic (66,77) Erstliga-Kompetenz.

Die Grafik zeigt, welche Stärken und Schwächen Werder-Spieler Niklas Stark hat.

Die Grafik zeigt, welche Stärken und Schwächen Werder-Spieler Niklas Stark hat.

Außenverteidiger

Auf der linken Seite wird Anthony Jung (65,92) gesetzt sein und in der Beletage des deutschen Fußballs mithalten können. Kyu-Hyun Park (49,24) ist hier aber keine echte Option, dafür stehen Linksfuß Friedl oder Felix Agu als Backups bereit. Allerdings ist Agu (69,93) zurzeit der einzige Rechtsverteidiger im Werder-Kader und klopft auf seiner angestammten Position schon an die Tür zur internationalen Klasse.

Hier müsste auf jeden Fall noch eine Alternative her. Am liebsten würden die Werder-Verantwortlichen diese Lücke mit Leihspieler Mitchell Weiser (66,25) schließen, der dann mehr als ein Ersatz wäre. Die Verhandlungen mit Bayer Leverkusen laufen.

Defensives Mittelfeld

Eine der großen Werder-Baustellen: Mit Jean-Manuel Mbom (64,62) hat Bremen einen guten Balleroberer, der durch seinen Achillessehnenriss aber noch auf unbestimmte Zeit ausfällt. Nicolai Rapp (61,01) ist der Typ Abräumer. Aber es fehlt ein Spielmacher mit Bundesliganiveau für die Zentrale. Ilia Gruev mit einem GSN-Index von 55,12 wäre eine schwache Lösung für diese wichtige Position. Routinier Christian Groß (55,59) ist eher der Allrounder. Auf ihn ist Verlass, aber in der Bundesliga dürfte die Luft für den 33-Jährigen dünner werden.

Offensives Mittelfeld

Für die offensiven Mittelfeldpositionen ist Grün-Weiß mit Romano Schmid (67,19), Leonardo Bittencourt (66,94) und auch Eren Dinkci gut besetzt. Dinkci bringt das Potenzial zum Senkrechtstarter mit. Der 20-Jährige hat bereits Bundesliganiveau (66,68), der mögliche GSN-Index des Rechtsaußen liegt aber in der internationalen Klasse und ist der höchste im Werder-Kader - 80,56.

Trotzdem haben die Hanseaten hier eine Baustelle, denn Bittencourt ist kein klassischer Linksaußen. Hier müsste Werder nachlegen, um auch taktisch flexibler sein zu können.

Angriff

Im favorisierten 3-1-4-2-System von Trainer Ole Werner sind die beiden Sturmpositionen das Prunkstück. Marvin Ducksch (63,83) und Niclas Füllkrug (69,88) waren mit insgesamt 40 Toren das beste Sturmduo der Zweiten Liga und werden auch in der Bundesliga ein Pfund sein. Allerdings könnte Bremens Kader hier einen reiferen Backup als den 20 Jahre alten Nick Woltemade (57,72) vertragen. Dinkci kann ebenfalls ganz vorne agieren, dürfte als Flügelspieler aber wertvoller sein.

Fazit

Werder Bremen ist in der aktuellen Zusammensetzung nur bedingt bundesligatauglich. Neben den großen Baustellen Spielgestalter und klassischer Linksaußen fehlen an einigen Stellen qualitativ bessere Alternativen zum Stammpersonal.

Mit einem durchschnittlichen GSN-Index von 61,97 reißt Werder gerade so die Grenze zum Bundesliga-Durchschnitt. Ein hochwertiger Transfer im Mittelfeld, wie mit Kyereh eben versucht, würde das Grundniveau signifikant steigern.

Die Grafik zeigt, wie die mögliche Startelf von Werder Bremen aussehen könnte.

Die Grafik zeigt, wie die mögliche Startelf von Werder Bremen aussehen könnte.

Qualität für Bremens Baustellen kostet allerdings Geld, und das ist an der Weser eher knapp. Gelingen keine Zukäufe der Kyereh-Kategorie, wird es der Aufsteiger in der Bundesliga über mannschaftliche Geschlossenheit, gutes taktisches Verhalten - Baustellen, die Coach Werner gut im Griff hat - und die auch in Liga eins hoffentlich treffsicheren "hässlichen Vögel" Ducksch/Füllkrug lösen müssen.

"Auch wenn wir auf stärkere Gegner treffen, wollen wir versuchen, mutig zu sein", sagte der Werder-Coach. "Wir wollen nicht nur dabei sein, sondern auch zeigen, dass wir mithalten und erfolgreich sein können."

Dieses Thema im Programm:
Sport aktuell | 22.06.2022 | 15:25 Uhr