Golf-Profi Marcel Siem

NDR-Sport Golfer Siem: Vom Nachfolger Bernhard Langers zum Stehaufmännchen

Stand: 03.06.2022 20:44 Uhr

Marcel Siem knüpft bei den European Open in Winsen an der Luhe an vergessen geglaubte Zeiten an. Nach zwei Runden liegt er mit 143 Schlägen (eins unter Par) auf Platz acht. Fünf Schläge hinter dem Spitzenreiter Jordan Smith aus England.

Von Matthias Cammann

2020 schienen die Tage von Profigolfer Siem, der zur Jahrtausendwende als Nachfolger von Bernhard Langer galt, gezählt. Wegen ausbleibender Ergebnisse hatte er die Startberechtigung für die erste europäische Liga verloren. Und so stand der 41-Jährige vor der Entscheidung: Entweder wieder auf der unterklassigen Challenge Tour gegen 20 Jahre jüngere Spieler antreten oder ganz aufhören.

Siem, der trotz Millionen-Preisgeldern auch mit finanziellen Problemen zu kämpfen hatte, beschloss, es noch einmal zu versuchen - und startete damit ein überraschendes und vor allem erfolgreiches Comeback.

Siem: "Ein unglaubliches Erlebnis"

Dirk Schimmel, der auch Martin Kaymer in dessen erfolgreichen Jahren betreut hat, wurde sein neuer Berater. Und vor den Augen seiner Tochter erspielte er sich im vergangenen Jahr einen emotionalen Challenge-Tour-Sieg in Frankreich. Damit bekam er in der darauffolgenden Woche automatisch einen Startplatz beim einzigen europäischen Major-Turnier, den Open Championship.

Siem lag auf dem Links-Course in St. George’s nach zwei Tagen in der Spitzengruppe und wurde am Ende sensationeller 15. im Feld der Besten der Welt. Ein kaum für möglich gehaltenes Comeback und: "Ein unglaubliches Erlebnis. Ich bin von so vielen herzlich umarmt worden bei meiner Rückkehr. Das hat mir so gutgetan."

Marcel Siem ist ein emotionaler Mensch. Umso schwieriger, neben den sportlichen Tiefen auch schwierige private Phasen durchzustehen. Bei seiner Frau Laura wurde Krebs diagnostiziert, der mittlerweile, soweit man das sagen kann, verschwunden ist. Eine lästige Handgelenksverletzung hat er zu "90 Prozent" überstanden.

Green Eagle, der Lieblingsplatz

Gute Voraussetzungen für einen erfolgreichen Auftritt auf seinem Lieblingsplatz in Deutschland. Und tatsächlich. Gleich zu Beginn schaffte der Mann mit dem Zopf eine Runde unter Par. Zum ersten Mal beim fünften Start in Winsen an der Luhe: "Man sieht wie viel Herzblut 'Bleschi' in diese Anlage steckt. Es ist ein phantastischer, aber auch unglaublich schwieriger Platz."

Cut überstanden: Die Deutschen in Winsen/Luhe

  • Alexander Knappe (-1)
  • Marcel Siem (-1)
  • Yannick Paul (+1)
  • Matti Schmid (+1)
  • Freddy Schott (+2)
  • Marcel Schneider (+2)
  • Nicolai von Dellingshausen (+2)
  • Hurly Long (+4)

Mit "Bleschi" ist Michael Blesch gemeint. Gleichzeitig Besitzer und Head-Greenkeeper der Green Eagle Golf Courses und seit Jahren ein enger Freund von Siem. Deshalb verbringt der mittlerweile 41-Jährige auch immer mal wieder ein paar Trainingstage in Winsen.

Siem bestens vorbereitet

Ein großer Vorteil. Denn auf den Platz mit knapp 7.000 Metern Länge und Wasserhindernissen auf 17 von 18 Bahnen muss man mental vorbereitet sein. "Wir sind es gewöhnt, Par-5-Löcher mit zwei Schlägen zu attackieren. Hier geht das meistens nicht. Und bei den Par 4‘s hast du nicht wie sonst ein Eisen 9 oder ein Pitching Wedge ins Grün, sondern ein Eisen 5 oder 6. Das ist ein Riesen-Unterschied und macht es für den Kopf unglaublich anstrengend."

Erster Turniersieg eines Deutschen seit 2014?

Damit ist er dabei, wenn es am Wochenende um den Turniersieg geht. Es wäre der erste für einen deutschen Profi seit November 2014, als eben Marcel Siem gewann: "Ich weiß, es schlummert in mir, ich muss es nur wieder rausholen. Ich würde gern mal wieder gewinnen und vor deutschem Publikum wäre es natürlich grandios."

Traum vom großen Sprung in der Weltrangliste

Er hat sich aber weitere Ziele gesteckt. Seinen besten Platz in der Weltrangliste zu unterbieten. Das war Rang 49. Und er würde so gern dieses Jahr auch bei den British Open mitzuspielen, die zum 150. Mal stattfinden. Im "Home of Golf", im schottischen St. Andrews, nördlich von Edinburgh, feierte Siem 2004 sein erstes großes Turnier.

Das Problem: Noch ist Siem nicht qualifiziert - und die Chancen dafür werden auch immer kleiner, je näher das Turnier rückt. Aber er hat einen Alternativplan: "Ich habe mir überlegt, einen Brief an die Veranstalter der 'Open' in St. Andrews zu schreiben, ob sie mir nicht eine Einladung geben können. Ich habe gehört, dass sie ein paar verteilen dürfen."

Dieses Thema im Programm:
NDR 2 Sport | 03.06.2022 | 23:03 Uhr