Fitness-Wettkampf Fitness-Wettkampf Hyrox: Ein Oldie beißt sich durch

Stand: 26.11.2022 19:43 Uhr

Der Fitness-Wettkampf Hyrox ist zu einer Erfolgsstory geworden. Klaus-Dieter Rösener aus Hamburg zeigte am Sonnabend in den Messehallen eindrucksvoll, dass er bei weitem nicht nur etwas für junge Menschen ist. Mit 71 Jahren war er einer der ältesten Teilnehmer.

Von Christian Görtzen

Eigentlich wäre jetzt ein ziemlich guter Zeitpunkt, um einmal innezuhalten, durchzupusten und vielleicht sogar etwas demütig zu werden. Schließlich ist es nur noch eine gute halbe Minute bis zum Start der nächsten Gruppe von 35 Sportlern beim Fitness-Wettkampf Hyrox in den Hamburger Messehallen, und die Sekunden ticken runter. So einigen Athleten ist im Starttunnel, in dem zu motivierenden Ansprachen vom Band stetig blaue und rote Lichter aufflackern, auch tatsächlich ein leicht flaues Gefühl anzusehen.

Klaus-Dieter Rösener nicht. Der mit 71-Jährige treibt Scherze, macht mit seinem Smartphone noch ein Selfie und lächelt unentwegt. Mehr noch: Es ist schon fast ein Grinsen - ganz so, als wollte er damit zum Ausdruck bringen: So, und jetzt werde ich dem Parcours mit Routine mal ein schönes Schnippchen schlagen.

"Ich habe ein gutes Gefühl."
— Klaus-Dieter Rösener

Und so zieht er nach dem Startschuss dann auch los. Nicht stürmisch, denn das wäre bei den anstehenden Herausforderungen von acht Laufrunden von je einem Kilometer im Wechsel mit acht knackigen Kraftübung-Stationen auch reichlich fahrlässig. Sondern, bei allem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, kontrolliert - dabei für sein Alter aber ziemlich zügig. Ein Scheitern befürchtet er ohnehin nicht. Das hat er auch schon während des Aufwärmens zum Ausdruck gebracht: "Ich habe ein gutes Gefühl. Mein Ziel ist eine Zeit um die zwei Stunden."

Schon zweimal Weltmeister geworden

Der Hamburger ist dem Fitness-Wettbewerb verfallen, von der ersten Begegnung an. Gleich bei der Premiere - damals firmierte die Veranstaltung noch unter dem Namen Curox - im Jahr 2017 war er dabei. "Ich habe es damals am Mittwoch in der Zeitung gelesen, habe mich am Donnerstag angemeldet, und am Sonnabend stand ich an der Startlinie", so Rösener, der seitdem zweimal Hyrox-Weltmeister (2019 und 2020) in seiner Altersklasse wurde.

3.000 Athletinnen und Athleten in den Messehallen

In seiner Heimatstadt ist der frühere Diplom-Betriebswirt in den Messehallen einer von sehr vielen Starterinnen und Startern. Im fünften Jahr seines Bestehens hat sich der Fitness-Wettkampf zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt. Der unter anderem von Hockey-Olympiasieger Moritz Fürste in Hamburg ins Leben gerufene Wettbewerb lockte am Sonnabend 3.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an.

So auch Joshua Wichtrup aus Flensburg, der in der Fördestadt ein Fitness-Gym betreibt. Mit einer Zeit von 59:07 Minuten ist der 30-Jährige, der auch intensiv Crossfit betreibt, erstmals unter der Marke von einer Stunde geblieben. "Das große Plus von Hyrox ist die Flexibilität. Beim Fußball hast du 22 Spieler und Millionen an Zuschauern. Hier sind 3.000 Menschen, und die machen alle mit. Und man geht zum Training, wann man will, und muss nicht zu festen Zeiten irgendwo sein", sagt Wichtrup.

Röseners Hassdiszipin: Schlittendrücken

Rösener hat derweil unter den Augen seiner Tochter Maike Kocket und den Enkelkindern Amelie und Ben die ersten drei von acht Workout-Stationen absolviert. Beim Ski-Erg, einem Langlauf-Ergometer, müssen 1.000 Meter zurückgelegt werden, beim Sled-Push wird ein 125 kg schwerer Schlitten zweimal über eine Distanz von 25 Metern geschoben und beim Sled-Pull dann nochmal gezogen. Rösener hebt danach den Daumen, lacht und sagt: "Alles gut. Das Schlimmste ist jetzt vorbei." Er meint damit das Schieben des Schlittens. Fünf Stationen sind es aber noch.

In der Frühphase des Wettbewerbs hatte auch Hannah Urban ordentlich zu kämpfen. "Ich bin zu schnell angegangen. Mir wurde dann kurz schlecht", sagt die Duisburgerin, die sich aber durchgebissen hat. Genauso wie ihr Freund Mick Steegmann. "Als ich die Ziellinie erreicht habe, wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Ich war aber total erleichtert. Wir sind extra für Hyrox angereist, und es hat sich gelohnt."

Hyrox-Athlet Klaus-Dieter Rösener

Hyrox-Athlet Klaus-Dieter Rösener

Von der Ziellinie ist Rösener noch ein gutes Stück entfernt, auch wenn er souverän die Runden abspult und dazwischen eine Station nach der anderen abhakt. Die Burpees sind genauso überstanden wie das Pullen am Ruder-Ergometer. Und als der sportliche Senior, der alle bisherigen 25 Cyclassics-Radrennen in Hamburg absolviert hat, auch noch beim Farmers Carry zwei jeweils 24 kg schwere Kettlebells ohne ein einziges Absetzen ins Ziel bringt, winken ihm die Tochter und die Enkel begeistert zu.

"Wir sind megastolz auf ihn. Es gibt ja nicht viele, die das im Alter so machen wie er."
— Maike Kocket, Tochter von Klaus-Dieter Rösener

Allerdings: Eine sehr heftige Aufgabe wartet noch: die Wall Balls. An jener Station muss ein sechs Kilogramm schwerer Ball 100 Mal an eine Fläche in drei Metern Höhe geworfen werden. "Mein Vater ist ja Dauercamper. Und er hat sich auf dem Campingplatz am Weissenhäuser Strand eine solche Station nachbauen lassen, um die Übung dort trainieren zu können", so Kocket.

Noch aber ist es in den Messehallen nicht so weit. Rösener begibt sich auf seine vorletzte Laufrunde. Organisator Fürste genießt derweil den Blick auf das große Ganze, den Innenraum, in dem so viele Sportlerinnen und Sportler mit viel Engagement die Übungen verrichten. „52 Prozent der Leute heutzutage sagen, dass Fitness ihr Sport ist. Vor 20 Jahren waren es hauptsächlich klassische Sportarten wie Fußball, Handball, Hockey, Basketball, Tennis", so Fürste.

Organisator Fürste: Hyrox entspricht dem Zeitgeist

"Jetzt sagt jeder Zweite, sein Sport oder ihr Sport ist Fitness. Und das, obwohl es eben gar nicht so richtige Sportarten in dem Fitnesssegment gibt. Da sind wir auf die Idee gekommen diese Lücke, die in der Sportwelt nicht besetzt ist, auszufüllen."

Sportarten wie Hyrox würden einfach sehr gut ins Zeitalter passen. Fürste: "Die wenigsten Leute haben noch Lust, sich jeden Dienstag und Donnerstagabend um 19 Uhr zum Training zu treffen. Das Modell ist eines, das vor 15 Jahren gepasst hat. Heutzutage guckt keiner den Film um 20.15 Uhr, sondern dann, wenn du Bock hast. Und so ist es auch mit den Eventsportarten. Das Event findet zwar an einem bestimmten Tag statt, aber dafür trainieren kannst du das ganze Jahr, wann auch immer du willst. Wir leben in einem Zeitalter, in dem klassische Facetten immer weniger eine Rolle spielen."

Oldie Rösener beißt sich durch

Rösener biegt gerade auf die Zielgerade des Fitness-Wettkampfes ein. Die Sandsäcke an der vorletzten Station sind geschleppt, nun folgt noch das Werfen der Sechs-Kilo-Bälle. Leicht fällt ihm dies trotz der Trainingsstätte auf dem Campingplatz, die ihm sein Schwiegersohn gezimmert hat, allerdings nicht. Der Schweiß rinnt Rösener über Gesicht, Hals und Nacken.

Aber: Er beißt sich durch - wie so viele andere hier. Nach 2:04:35 Stunden überquert er die Ziellinie. Bei aller Erschöpfung mit einem Lächeln auf den Lippen. Kurz darauf denkt er schon an die EM in Maastricht im Januar, an die WM in Manchester im Mai - und auch darüber hinaus. "Beim Hyrox ist die Altersgrenze vor Kurzem auf 84 hochgesetzt worden", so Rösener. "Und so lange würde ich sehr gerne mitmachen."

Dieses Thema im Programm:
Hamburg Journal | 26.11.2022 | 19:30 Uhr