Keine Wettkämpfe, keine Trainingslager - Para-Sportler vor Tokio in Not

Sylvi Tauber in Aktion

Viele offene Fragen vor den Paralympics

Keine Wettkämpfe, keine Trainingslager - Para-Sportler vor Tokio in Not

Von Olaf Jansen

Im September sollen in Tokio die Paralympics stattfinden. Doch die Para-Sportler geraten durch das Coronavirus immer stärker in Not. Wegen fehlender Wettkämpfe und Trainingslager fehlt bei vielen noch die Qualifikation und Klassifizierung.

Sylvie Tauber sitzt in ihrem Rollstuhl und genießt die Sonne am Schwarzen Meer. "Vormittags fahre ich gern an den Strand und schaue ein bisschen auf die Wellen. Das tut der Seele gut", sagt die 41-Jährige. Zum Urlauben ist die Rostockerin allerdings keineswegs nach Odessa gekommen. Sie ist Ende Januar hergereist, um ungestört trainieren zu können. Denn die Rollstuhlfechterin hat ein großes Ziel: die Paralympics in Tokio.

"Daheim in Rostock konnte ich wegen Corona meine Wohnung so gut wie gar nicht mehr verlassen. Hatte auch keine Trainingspartner mehr. Mir war klar: Wenn ich mein großes Ziel, die Paralympics in Tokio, wirklich erreichen will, muss ich etwas unternehmen", erklärt sie. Also kratzte sie all ihre Ersparnisse zusammen und mietete für vier Wochen eine kleine Wohnung nicht weit von der örtlichen Sporthalle in Odessa. Dort trainiert sie nun unter Anleitung von Bundestrainer Alexander Bondar. Praktisch: Bondar stammt aus Odessa und hat das Trainingslager mit einem privaten Heimatbesuch verknüpft. "Sonst wäre das alles auch nicht zu finanzieren gewesen", sagt Sylvie Tauber.

Nach komplexer Krankengeschichte in den Rollstuhl

Tauber sitzt seit der Pubertät im Rollstuhl. Bereits mit einem Leberschaden auf die Welt gekommen, musste ihr das Organ mit 14 entfernt werden, es schloss sich eine komplexe Krankengeschichte an, so dass die ausgebildete Elektrowerkerin schon bald Frührente in Anspruch nehmen musste. Seither ist Sport ihr ein und alles.

Tauber begann in der Jugend mit Basketball, als das aus gesundheitlichen Gründen auch nicht mehr ging, wechselte sie zum Rollstuhlrugby. Und seit 2012 ist sie nun beim Fechten dabei. Wo sie rasch bis in die Weltspitze aufstieg. Nur hauchdünn verpasste sie 2016 die Paralympics in Rio, umso schärfer ist sie darauf, die Spiele in Tokio zu erreichen.

Für ihr großes Ziel hat sie im wahrsten Sinne des Wortes viel investiert. Neben dem Trainingslager in der Ukraine sind ihre bescheidenen Einnahmen aus ihrer Rente und der Deutschen Sporthilfe komplett in den Sport investiert. Allein ihr spezieller Rollstuhl kostet über 5.000 Euro. "Mein Geld geht komplett in den Sport", sagt sie.

Corona - keine Wettkämpfe, keine Trainingslager

Doch die Corona-Pandemie könnte ihr einen Strich durch die Rechnung machen. "Wir hatten schon seit einem Jahr wegen der Pandemie keine Wettkämpfe mehr. Es weiß keiner mehr so genau, wo er sportlich steht", sagt die Fechterin. Das größte Problem dabei: Tauber fehlen auch noch Wettkämpfe, um sich endgültig für Tokio zu qualifizieren.

Die Europameisterschaften im Mai in Ungarn wären eine Möglichkeit, danach bliebe nur noch vier Wochen später ein Weltcup in Brasilien. "Bei der EM sollte ich sowohl mit dem Säbel wie auch mit dem Degen unter den besten sechs landen. Dann müsste ich die Qualifikation in der Tasche haben", hat Tauber sich ausgerechnet.

Rollstuhlfechten - Sylvie Tauber im Einsatz Sportschau 01.03.2021 00:48 Min. Verfügbar bis 01.03.2022 Das Erste

Vielen fehlt noch Qualifikation und Klassifizierung

Wie Sylvie Tauber geht es einem großen Teil der Parasportler, die sich Hoffnungen auf die Paralympics machen. "Seit einem Jahr fällt ein Großteil aller Veranstaltungen aus, die Trainingsmöglichkeiten vor allem für Indoor-Sportarten sind extrem eingeschränkt. Uns fehlen die Standortbestimmungen", sagt Jörg Frischmann.

Der Geschäftsführer der großen Parasport-Abteilung Bayer Leverkusens hat zudem ein weiteres großes Problem ausgemacht: "Vielen Sportlern fehlt neben der Qualifikation für die Paralympics auch noch die sogenannte Klassifizierung. Die kann nur bei offiziellen Wettkämpfen erteilt werden - und genau die fehlen uns."

Beucher: "Als Verband die Hände gebunden"

"In der aktuellen Corona-Pandemie sind uns als Verband die Hände gebunden", sagt Friedhelm Julius Beucher, Vorsitzender des Deutschen Behinderten-Sportverbandes. "Seit einem Jahr versuchen wir immer wieder, Wettkämpfe zu organisieren, mussten die dann aber eigentlich alle wenig später wieder absagen."

Vor allem im internationalen Vergleich sieht Frischmann die deutschen Athleten*innen durchaus benachteiligt. "Viele unserer Sportler gehören der Risikogruppe an, entsprechend vorsichtig müssen wir sie vom Verband behandeln. Offizielle Trainingslager im sonnigen Ausland, die beispielsweise für unsere Leichtathleten extrem wichtig wären, können wir unter diesen Umständen kaum organisieren, weil das Risiko einer Ansteckung zu groß ist. Unsere ausländische Konkurrenz ist da oftmals weniger empfindlich. Die machen das einfach und verschaffen sich so natürlich einen Wettbewerbsvorteil."

Ist bei den Paralympics alles sicher?

Die Sorge vor einer Corona-Infektion treibt auch Fechterin Sylvie Tauber um. Auch im Hinblick auf die Paralympics im September, zu denen viele Arthleten trotz dann fortgeschrittener Impfungen mit einem flauen Gefühl reisen werden. Wenn sie denn überhaupt stattfinden. "Wir wissen ja nicht, wie die Athleten aus den anderen Ländern mit dem Coronavirus umgehen. Es wird eine große Unsicherheit und Angst vor einer Infektion bleiben, zumal wir ja fast alle zur absoluten Risikogruppe zählen", sagt Tauber.

Eine Einschätzung, die Verbandschef Beucher nur bestätigen kann: "Man versucht derzeit alles, die Paralympics stattfinden zu lassen. Aber allen muss klar sein: Es werden Spiele, die mit früheren nicht zu vergleichen sein werden. Ohne Zuschauer in einer geschützten Blase wird die Stimmung fehlen. Es wird eben nicht das Multi-Kulti-Sportfest werden können, wie wir es in den vergangenen Auflagen kennen- und lieben gelernt haben."

Abstand halten

Für Sylvie Tauber ist schon klar: Sie wird sich – sollte sie sich qualifizieren – in Tokio rigoros von Menschenansammlungen fernhalten. "Ich bin unwahrscheinlich anfällig für Infektionen. Daher werde mir eine eigene Blase schaffen und mein Apartement nur verlassen, wenn es unbedingt nötig ist. Von einem paralympischen Sportfest, das den Reiz auch aus der Begegnung mit anderen Sportlern zieht, werde ich mit Sicherheit nichts mitbekommen."

Stand: 03.03.2021, 08:04

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