Nada aus Saudi-Arabien an der Stange in ihrem Poledance-Studio

Poledance in Saudi-Arabien Mehr Selbstbewusstsein für Frauen durch Sport

Stand: 11.10.2022 17:21 Uhr

Öffentliche Auftritte sind noch undenkbar, dennoch gibt es in Saudi-Arabien Frauen, die sich dem Poledance verschrieben haben - in kleinen, verschwiegenen Studios.

Wenn sich die Tür des kleinen Fitness-Studios in Riad hinter ihr geschlossen hat, ist Nada komplett in eine andere Welt abgetaucht. Die 28-Jährige, die ihren Nachnamen lieber nicht preisgibt, pflegt im streng konservativen Königreich Saudi-Arabien ein Hobby, dessen Ausübung in ihrem Heimatland eine Menge Courage erfordert: Poledance.

"Poledance macht glücklich"

Einst ausschließlich als lasziver Stangentanz in Bars und Nachtclubs etabliert, hat es der Poledance in der westlichen Welt längst auch zu einem anerkannten Wettkampfsport gebracht. Daran ist in der muslimischen Welt nicht zu denken, Nada weiß ganz genau, dass sie ihrer Leidenschaft nur im Verborgenen nachgehen kann.

Und so übt sie regelmäßig nur für sich selbst und ihr eigenes Wohlbefinden. "Ich schäme mich nicht, meine Sinnlichkeit und Weiblichkeit anzunehmen, solange ich von niemandem die Gefühle verletze", sagte Nada der französischen Nachrichtenagentur AFP.

Als Persönlichkeit, so die ausgebildete Yogalehrerin weiter, habe sie sich durch die neue sportliche Herausforderung enorm weiterentwickelt: "Poledance macht glücklich, stärkt den Körper und das Selbstbewusstsein. Für mich ist das Wichtigste, dass eine Frau selbstbewusst ist."

Hindernisse für Frauensport in Saudi-Arabien

Dass Nadas Tun von der Obrigkeit zumindest geduldet wird, ist Teil einer Imagekampagne Saudi-Arabiens, nach wie vor ein Land, das wegen massiver Menschenrechtsverletzungen weltweit in der Kritik steht. Beim Sport für Frauen wurden deshalb zuletzt Lockerungen auf den Weg gebracht. So existiert mittlerweile im Fußball eine Nationalmannschaft, eine nationale Liga ist in der Planung.

May al-Youssef, in deren Fitness-Studio Nada trainiert, beobachtet derlei kleine Fortschritte mit vorsichtigem Optimismus: "Vor fünf bis zehn Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich einmal Poledance anbieten würde. Aber es ist jetzt schön zu beobachten, dass die Frauen mit der Zeit ihren Körper mehr lieben."

Noch aber gibt es in der Sieben-Millionen-Metropole Riad nur ganze drei Anlaufstellen für Poledance-Interessentinnen. Zum Vergleich: Knapp 200 Studios sind aktuell in Deutschland registriert, seit 2015 gibt es als Dachverband den Deutschen Pole Sports e.V.

Haug als Poledance-Pionierin in Deutschland

Dass das Turnen an einer vertikalen Stange tatsächlich in einen Leistungssport münden kann, dafür steht Yvonne Haug als personifiziertes Beispiel. Die mittlerweile 56-Jährige war von 1981 bis 1983 die beste deutsche Kunstturnerin, seit 2014 holte die Berlinerin in diversen Altersklassen sechs Weltmeistertitel.

"Poledance ist mittlerweile mein Leben. Mein Traum ist es, dass dieser Sport irgendwann olympisch wird", sagt Haug. Doch die Chancen stehen schlecht: Denn von der Balance der Geschlechter, die das IOC für neue Disziplinen fordert, ist Poledance, vorsichtig formuliert, noch sehr weit entfernt.