Deutsche Bundestrainer bekommen weiter Kettenverträge

Der damalige Schwimmbundestrainer Henning Lambertz 2017 am Beckenrand

Trotz neuem DOSB-Konzept

Deutsche Bundestrainer bekommen weiter Kettenverträge

Von Anke Feller

Kettenverträge im Vier-Jahres-Rhythmus, nicht vergütete Überstunden und Zukunftsängste sind weiter Alltag vieler deutscher Bundestrainer - obwohl der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) schon 2019 ein Konzept zur Verbesserung der arbeitsvertraglichen Rahmenbedingungen beschlossen hat.

"Ich habe die Leidenschaft für den Schwimmsport gegen Sicherheit eingetauscht. Dabei hätte ich lieber in meiner Leidenschaft Sicherheit gefunden." - 20 Jahre hat Henning Lambertz im Leistungssport gearbeitet, als Schwimmtrainer in Wuppertal und Essen, Bundesstützpunkttrainer und zuletzt sechs Jahre als Chef-Bundestrainer des Deutschen Schwimm-Verbandes. Im Dezember 2018 trat er überraschend zurück.

DOSB-Konzept ändert wenig

Inzwischen arbeitet der Vater von drei kleinen Töchtern als Biologie- und Sportlehrer an der Friedrich-Bayer-Realschule in Wuppertal. Im März steht die Prüfung zum 2. Staatsexamen an. "Man baut das Leben seiner Kinder auf die Hoffnung auf, dass man in vier Jahren erneut einen Vertrag bekommt. 20 Jahre kannte ich nichts anderes als befristete Verträge, meistens waren es Zwei- oder Vier-Jahresverträge", sagt Lambertz.

"Nach wie vor gängige Praxis", sagt Holger Hasse, der Präsident des Berufsverbandes der TrainerInnen im Deutschen Sport (BVTDS). Zwar hat der DOSB auf seiner Mitgliederversammlung im Dezember 2019 ein Konzept zur Verbesserung der arbeitsvertraglichen Rahmenbedingungen für TrainerInnen beschlossen, geändert habe sich seitdem wenig.

Hasse beruft sich auf die Ergebnisse einer neuen Umfrage unter Trainerinnen und Trainern. Zwei Drittel der teilnehmenden 180 Bundestrainerinnen und -trainer gaben an, sich in einem befristeten Anstellungsverhältnis zu befinden. Bei 25 Prozent von ihnen seien Arbeitsverträge bereits mehrfach befristet verlängert worden, sie befänden sich in sogenannten "Kettenarbeitsverträgen". Hasse kritisiert besonders, dass die Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio in das Jahr 2021 bei 28 Prozent der Bundestrainerinnen und -trainer zu einer Vertragsverlängerung von nur einem Jahr geführt habe. 

Vorgehen "nicht rechtmäßig"

Beim DOSB kann man diese Kritik nachvollziehen, begründet sie aber mit der 2016 beschlossenen neuen Fördersystematik, nach der die zukünftige Förderung der einzelnen Spitzenverbände unter anderem von den Ergebnissen der Olympischen Spiele in Tokio abhängt. Erst dann, argumentieren die Verbände, gibt es die finanzielle Grundlage, auf der die Verträge der Trainerinnen und Trainer angepasst werden könnten. "Die Begründung der Verbände, die Befristung abhängig vom olympischen Erfolg und von der Haushaltslage zu machen, ist zwar nachvollziehbar, macht dieses Vorgehen aber nicht rechtmäßig", hält der Berufsverband der TrainerInnen dagegen. 

Diese Einschätzung teilt auch der Sport- und Arbeitsrecht-Experte Prof. Dr. Martin Gutzeit von der Justus-Liebig-Universität Giessen. Als Projektbefristung wäre eine einjährige Vertragsverlängerung mit klar definierten Regeln und Zusatzaufgaben, die über die normale Tätigkeit hinausgehen, denkbar, so die Einschätzung des Juristen. Aber: "Grundsätzlich ist es arbeitsrechtlich nicht zulässig, da das wirtschaftliche Risiko nicht vom Arbeitgeber auf den Arbeitnehmer abgewälzt werden darf." Die Befristung eines Arbeitsvertrages ohne Vorliegen eines sachlichen Grundes ist ohnehin nur bis zur Dauer von zwei Jahren zulässig.

Trainer als Lebensberuf?

Positive Signale von einzelnen Verbänden gibt es aber auch. So hat der Deutsche Badminton-Verband in den vergangenen vier Jahren bereits Trainerverträge entfristet. Auch der Deutsche Schwimm-Verband beabsichtigt laut Leistungssportdirektor Kurschilgen ab Ende 2021 die derzeitig befristeten Arbeitsverträge seines Leistungssportpersonals zu entfristen.

BVTDS-Präsident Hasse kämpft dafür, dass der Trainerjob ein Lebensberuf wird, und nicht nur ein Lebensabschnitt: "Zu viel Wissen und Erfahrung gehen durch das Ausscheiden von erfahrenen Trainern verloren", sagt er. Hasse weiß, wovon er spricht. Fast 20 Jahre arbeitete er als Bundestrainer im Deutschen Badminton-Verband, die letzten vier davon als dessen Chef-Bundestrainer. Nach den Olympischen Spielen in Rio wechselte er als Geschäftsführer zum Badminton-Landesverbandes NRW, hat jetzt geregeltere Arbeitszeiten und wieder mehr Zeit für die Familie. Vor Rio war Hasse permanent unterwegs, reiste mit seinen Athleten von einem Qualifikations-Turnier zum nächsten, sammelte bis zu 800 Überstunden pro Jahr an. Drei Monate vor den Olympischen Spielen in Rio stand er kurz vor einem Burnout und musste einige Wochen kürzertreten.

Arbeitszeit um 25 Prozent überschritten

Auch in der Umfrage des Bundesverbandes spiegele sich wider, so Hasse, dass viele Trainer mehr arbeiten, als vertraglich vereinbart. Jeder dritte Trainer überschreite demnach seine Arbeitszeit um mehr als 25 Prozent. Knapp zwei Drittel von ihnen erhielten dafür keine Vergütung. "Zu Recht", sagt Sport- und Arbeitsrecht-Experte Gutzeit: "Ein Trainer darf nicht einfach mehr leisten als der Verband fordert und eine entsprechende Mehrvergütung einfordern. Der Arbeitnehmer muss nachweisen, wieviel er mehr gearbeitet hat, und die Überstunden müssen vom Arbeitgeber angeordnet sein."

Überstunden werden nicht gesondert vergütet, sondern sind mit dem Gehalt abgegolten, diesen Passus im Arbeitsvertrag kennt auch Henning Lambertz. Als Chef-Bundestrainer des DSV dokumentierte er zwei Jahre lang seine zeitliche Belastung: Pro Jahr war er circa 200 Tage für den DSV unterwegs, sammelte 80 Überstunden pro Monat an, circa1.000 pro Jahr. Die vielen Überstunden habe er öfters bei seinem Arbeitgeber angesprochen, geändert hätte dies nichts.

Auch seiner Bank bereiteten die befristeten Arbeitsverträge Sorgen. Als Henning Lambertz vor einigen Jahren in Wuppertal ein Haus kaufen und einen Kredit aufnehmen wollte, lehnte die Bank den Wunsch ab. "Sie haben einen Vier-Jahresvertrag. Was kommt danach?", wollte man dort wissen. Die Frage konnte Lambertz nicht beantworten. Sein Vater musste als Bürge eintreten, damit er einen Kredit aufnehmen konnte.

Stand: 18.02.2021, 08:30

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