Mentale Gesundheit Judo-Weltmeisterin Wagner kämpft gegen das mentale Loch

Stand: 02.06.2022 11:23 Uhr

Anna-Maria Wagner ist Deutschlands erfolgreichste Judosportlerin. 2021 wurde sie Weltmeisterin, gewann zwei Medaillen bei Olympia in Tokio. Doch statt ihre Erfolge genießen zu können, leidet sie unter Depressionen. Im Gespräch mit Sportschau.de spricht die Kölnerin darüber, wie sie versucht, ihre Probleme zu meistern.

Es geht Anna-Maria Wagner gut in diesen Tagen. Das ist eine sehr gute Nachricht für sie, denn nach den Olympischen Spielen 2021 fiel sie in ein großes mentales Loch. Die Judo-Weltmeisterin stellte selbst die Fortsetzung ihrer Karriere in Frage.

Inzwischen aber hat Anna-Maria Wagner neue sportliche Motivation gefunden. Sie wird in dieser Woche beim Grand-Slam Turnier in Tiflis an den Start gehen.

Sportschau: Nach dem Trubel rund um ihre Olympia-Erfolge 2021 haben sie sich lange aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Wie ist es ihnen in jener Zeit ergangen?

Anna-Maria Wagner: Für mich war relativ schnell nach Olympia klar: Judo willst du erstmal gar nicht sehen. Ich war antriebslos, wollte eigentlich gar nicht mehr aus dem Bett.

Sport, der ja eigentlich mein Leben ist, mein Beruf, wollte ich auch nicht wirklich machen. Ich war oft schlecht drauf, sehr sensibel, sehr nah am Wasser gebaut, manchmal auch grundlos.

Anna-Maria Wagner

Sportschau: Auch in früheren Jahren hatten sie schon mit emotionalen Schwankungen zu kämpfen. Wie schwierig ist der Umgang damit?

Wagner: Ich wusste schon, irgendwann geht es vorbei. Aber man kann es nicht steuern. Das hat mich am meisten gestört. Man wartet eigentlich nur die ganze Zeit darauf, dass es besser wird, aber kann es selbst nicht ändern. Das war immer ein kleiner Teufelskreis.

Sportschau: Gab es einen Punkt, an dem sie dachten, sie hätten es überwunden?

Wagner: Über den Jahreswechsel war ich im Urlaub in Amerika, bin dort viel Laufen gegangen. Das hat mir viel Spaß gemacht. Dann aber kam direkt nach der Rückkehr meine Corona-Infektion, genau an dem Tag, als wieder mein erstes Trainingslager beginnen sollte.

Das hat mir noch einmal richtig den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich musste 14 Tage in Quarantäne, war ganz allein zu Hause. Ich habe das Bett nicht verlassen und überlegt, ob das vielleicht Schicksal war. Ich habe wirklich viel darüber nachgedacht, ob ich noch einmal zurück auf die Matte gehe.

Sportschau: Vor Olympia in Tokio haben sie sich jahrelang auf dieses Ereignis fokussiert. Lange gab es einen engen Zweikampf um den einen deutschen Startplatz, dazu die pandemiebedingte Verschiebung. Welche Rolle hat das gespielt?

Wagner: Es war die ganze Zeit ein Dauerdruck da. Gerade im letzten halben Jahr vor Olympia war mein Stresslevel enorm. Da hieß es immer, sich zu bewiesen, zu zeigen, ich bin die Stärkere. Das war sehr kräftezehrend.

Das Einzige, was mich wirklich die ganze Zeit gehalten hat, war das Ziel Olympische Spiele. Ich will dahin, ich will da oben stehen und diesen Kindheitstraum wahr werden lassen. Grundsätzlich empfinde ich Druck aber eher als eine Art Motivation: Ich gehe da hin, ich hole Gold, ich will gewinnen.

Sportschau: Im Januar haben sie Ihr Problem in Absprache mit Ihrem Sportpsychologen Moritz Anderten öffentlich gemacht. Warum dieser Schritt und welche Reaktionen hat es darauf gegeben?

Wagner: Es hat mir wahnsinnig gutgetan, öffentlich über meine Probleme zu sprechen. Mir haben auch viele Sportler geschrieben, denen es genauso geht, die sich aber nicht öffentlich äußern. Das hat mir geholfen, das hat mir Energie gegeben. Danach habe ich mir gesagt: Du machst weiter, du schaffst das.

Ich finde das Wort Depression wird viel zu hart als eine krasse Krankheit gesehen. Oder ein Wort, das man gar nicht in den Mund nehmen darf. Es ist nicht so, sondern ein Gemütszustand, ein Moment, in dem man sich nicht gut fühlt. Man kann nicht immer Vollgas geben. Es ist einfach okay, wenn es einem Mal nicht gut geht.

Sportschau: Wie haben Sie ihren Weg zurück auf die Judo-Matte erlebt?

Wagner: Ich habe lange gebraucht, um wieder richtig in den Sport hineinzufinden. Am Anfang hatte ich keinen Spaß, habe aber trotzdem trainiert und für mich gesagt, irgendwann musst Du anfangen und irgendwann kommt der Punkt, da macht es dir wieder Spaß. Und den habe ich dann auch gefunden.

Anna-Maria Wagner (links im blauen Kampf-Anzug) hält ihre französische Kontrahentin Madeleine Malonga (im weißen Kampf-Anzug) mit dem rechten, ausgestreckten Arm auf Distanz.

Sportschau: Im April sind sie erstmals wieder bei einem Wettkampf gestartet, haben das Turnier sofort gewonnen. In dieser Woche nehmen sie beim Grand Slam in Tiflis teil. Liegen die dunklen Tage jetzt komplett hinter ihnen?

Wagner: Ich bin mir natürlich bewusst, dass es wieder schlechte Zeiten geben wird. Das Leben ist eine Achterbahnfahrt. Es kann nicht immer nur nach oben gehen. So lange es gut geht, geht es gut. Und wenn es mal bergab geht, dann nehme ich neuen Anlauf für die nächste Bergfahrt.

Ich bin noch nicht bei 100 Prozent, aber ich bin auf einem guten Weg. Ich glaube, mit Start der Olympia-Qualifikation Ende Juni packt es mich wieder. Ich habe da schon noch ein Ziel vor Augen und eine Rechnung offen um die Goldmedaille bei Olympia.

Das Interview führte Florian Kurz.