Die schönen Geschichten des Sportjahres 2020

Leon Draisaitl, Mario Götze und Sophia Popov

Sport in Zeiten von Covid-19

Die schönen Geschichten des Sportjahres 2020

Von Tim Beyer

Das Jahr 2020 wird man für immer mit Covid-19 in Verbindung bringen. Auch der Sport hat unter der Pandemie gelitten. Er hat aber auch viele rührende Geschichten geschrieben.

Natürlich, der FC Bayern hat das Triple geholt, Lewis Hamilton ist mal wieder Formel-1-Weltmeister geworden, und eventuell haben sich bei der Vergabe der WM 2006 nicht alle an die Regeln gehalten. Einiges wusste man schon, manches hat man in diesem Jahr erfahren. Doch was ist sonst noch passiert im Sportjahr 2020?

Es gab auch im Jahr von Covid-19 schöne Geschichten aus der Welt des Sports, abseitig, überraschend, emotional. Ein (sehr subjektiver) Jahresrückblick.

Mario Götze - aus der Traufe hin zum Segen

Sechs Jahre sind eine lange Zeit, im Leben eines Fußballers sogar eine sehr lange. Mario Götze, 28, hat Deutschland an einem Tag im Juli 2014 zum Weltmeister geschossen, es ist ein Tor für die Ewigkeit. Es war Verheißung und Bürde zugleich, das darf man heute sagen. Was folgte, war nicht die Entwicklung hin zur Weltklasse, sondern Ernüchterung. Götze war oft nur Ersatz, erst beim FC Bayern, später beim BVB. Im Sommer lief sein Vertrag in Dortmund aus, es kam nicht zu einer Verlängerung. Anfang Oktober unterschrieb Götze bei der PSV Eindhoven in den Niederlanden, man hatte damit nicht gerechnet. Doch der Trainer Roger Schmidt setzt dort auf ihn.

Zwei Wochen später debütierte Götze, er traf auch gleich. "Die Eredivisie hat einen klugen Spieler und schnellen Denker mehr", schrieb die Tageszeitung "Algemeen Dagblad". Es ist ein Transfer, von dem alle profitieren. Man kann Götzes Einsätze für die PSV auf diversen Streaming-Portalen verfolgen, es lohnt sich. Neulich hat sich Götze in einer einzigen Bewegung um zwei Gegenspieler herumgedreht, dann hat er zu einem Mitspieler gepasst. Vielleicht ging das für alle ein wenig zu schnell, auch für die Menschen hinter der Kamera. Einen Augenblick lang ruhte die Kamera noch auf Götze, als der Ball schon weg war. Götze lächelte.

Roger Schmidt über Götze-Transfer: "Genau das Richtige" Sportschau 17.10.2020 00:53 Min. Verfügbar bis 17.10.2021 Das Erste

Krawietz/Mies, zweiter Teil: Die Frage nach dem Bierkonsum

An einem Tag im Oktober lagen Andreas Mies und Kevin Krawietz nebeneinander auf einem Tennisplatz, zwischen sich nur ein paar Meter, unter ihnen die rote Asche von Roland Garros. Sie hatten es tatsächlich wieder getan. Sie hatten noch einmal die French Open im Herrendoppel gewonnen. Mies hat später erzählt, wenn ihm Monate zuvor jemand prophezeit hätte, dass er nach 2019 auch 2020 gemeinsam mit Krawietz gewinnen würde, dann hätte er demjenigen ganz sicher eine Frage gestellt. "Wie viele Bier hattest du?"

Man konnte ihn schon verstehen. Die Monate nach dem ersten Triumph waren nicht die erfolgreichsten des Duos "KraMies" gewesen, dann kam die Corona-Pandemie und Krawietz hatte einige Wochen damit zu tun, Regale im Supermarkt ein- und auszuräumen. Ein halbes Jahr später lagen sie dann nebeneinander in Paris, unter ihnen die rote Asche. Roland Garros sei eben "ein magischer Ort", sagte Mies. Sie werden wiederkommen.

French-Open-Sieger Krawietz/Mies: Kisten schleppen statt Regeneration Sportschau 22.10.2020 01:14 Min. Verfügbar bis 22.10.2021 Das Erste

Leon Schäfer überbietet Weltrekord, den er selbst aufgestellt hat

Als es vollbracht war, als Leon Schäfer seinen eigenen Weltrekord im Weitsprung in der Klasse der einseitig Oberschenkelamputierten noch einmal um 25 Zentimeter verbessert hatte, sagte er: "Ich wusste, dass ich es in mir habe. Ich weiß selbst nicht, warum es erst im sechsten Versuch geklappt hat." Es war ein Sprung, von dem andere Athleten nur träumen. Nie zuvor hatte in seiner Startklasse ein Weitspringer die Sieben-Meter-Marke übersprungen, Schäfer sprang dann gleich mal auf 7,24 Meter.

Spätestens seit diesem Tag im August kennt man Schäfer in Deutschland als einen Para-Athleten, der Weltrekorde kann - am liebsten auf der eigenen Anlage. Schäfer startet für den TSV Bayer 04 Leverkusen, hier ist er 2019 6,99 Meter gesprungen und hier hat er sich dann auch selbst noch einmal überboten. Er sagt: "Zu Hause ist es immer am schönsten."

Schäfer springt neuen Weltrekord im Para-Weitsprung Sportschau 22.08.2020 00:59 Min. Verfügbar bis 22.08.2021 Das Erste

Golferin Popov - eine Siegerin, der die Worte fehlen

Im Moment des größten Erfolgs ihrer Karriere war die Profigolferin Sophia Popov ohne Worte. Es war der 23. August und Popov, die als Nummer 304 der Weltrangliste bei den British Open gestartet war, hatte das älteste Golfturnier der Welt tatsächlich gewonnen. Es war keine Überraschung, es war eine Sensation. Nun stand Popov da, die Flasche Sekt in der Hand, plötzlich waren alle Augen auf sie gerichtet. Sie sagte: "Ich kann kaum etwas sagen."

Und man konnte sie ja verstehen. Noch ein Jahr zuvor hatte Popov ernsthaft darüber nachgedacht, ihre Karriere zu beenden. Nun hatte sie als erste deutsche Profigolferin ein Majorturnier gewonnen. Das alles sei "ein wenig bizarr und unwirklich", sagte Popov und meinte womöglich auch das Preisgeld von 575.000 Euro.

Sophia Popov: Großer Golf-Triumph statt Karriereende Sportschau 30.08.2020 03:03 Min. Verfügbar bis 30.08.2021 Das Erste

Comeback von Mikaela Shiffrin - ein "bittersüßer Sieg"

Mit dem Erfolg kamen auch die Tränen. Als die Skifahrerin Mikaela Shiffrin Mitte Dezember zum 67. Mal in ihrer Karriere ein Weltcup-Rennen im Riesenslalom gewonnen hatte, lagen harte Monate hinter ihr. Anfang Februar war ihr Vater Jeff verstorben, Shiffrin hatte deswegen mehrere Rennen ausgelassen. Dann brach die Corona-Pandemie über die Welt herein. Als Shiffrin nun die Ziellinie überquert hatte, ging sie in die Knie und weinte.

Später stand Shiffrin vor den Fernsehkameras. Sie sah aus, als sei sie stolz auf sich und trauere doch, Tränen rollten ihr über das Gesicht. Es sind Bilder, die man nicht vergessen wird. "Ich habe nach dem Tod meines Vaters eigentlich gedacht, dass ich es nicht mehr schaffe. Es ist verrückt, wieder zurück zu sein", sagte Shiffrin. "Es ist ein bittersüßer Sieg, ein spezieller Moment."

DFB-Pokal - der unglaubliche Abend im Leben des Torhüters Batz

An einem Tag Anfang März staunten Fußballfans in ganz Deutschland über einen Mann, dessen Namen die meisten zuvor noch nie gehört hatten: Daniel Batz, Torhüter des 1. FC Saarbrücken. Im DFB-Pokalviertelfinale gegen Fortuna Düsseldorf hielt Batz fünf Elfmeter, er war der Held des Abends. Saarbrücken war damals noch ein Viertligist - und wurde in dieser Pokal-Saison das erste Team überhaupt aus dieser Spielklasse, das sich für ein Halbfinale qualifizieren konnte.

Im Halbfinale beendete Leverkusen Saarbrückens Pokalmärchen - und trotzdem stimmte es diesmal wirklich, das Sprichwort vom Pokal mit den eigenen Gesetzen. Der Torhüter Batz wird sich daran noch lange erinnern können, man wird aber auch ihn nicht vergessen. Als im August ausgewählte Sportjournalisten bei einer Abstimmung des Fachmagazins "Kicker" den Fußballer des Jahres 2020 wählten, bekam Batz drei Stimmen - so viele wie Barcelonas Marc-André ter Stegen.

Bernhard Langer - Rekorde stellt er noch mit 63 auf

Rory McIlroy stand etwas abseits und sah einigermaßen erstaunt aus, auch überrascht. Es war ein Tag Mitte November und McIlroy, immerhin viermaliger Major-Champion im Golf, hatte gerade Bernhard Langer, 63, dabei zugeschaut, wie der den kleinen weißen Ball aus 20 Metern ins Loch bugsiert hatte. Es war ein anspruchsvoller Schlag, Langer schleuderte seine Kappe in die Luft und sah überhaupt sehr zufrieden aus.

Er hatte ja auch allen Grund dazu: Mit ingesamt 285 Schlägen beendete er das 37. Masters seiner Karriere auf Rang 29, er war besser als Tiger Woods. Und einen neuen Rekord stellte Langer auch noch auf. Nie war ein Golfer älter gewesen, der in Augusta den Cut geschafft hatte. Langer sagte: "Hoffentlich kann ich noch ein paar Jahre spielen und diesen Ort genießen."

Leon Draisaitl, Deutschlands Sportler des Jahres - wer auch sonst?

An einem Sonntag im Dezember saß Leon Draisaitl in Edmonton und lächelte bis nach Baden-Baden. Er trug über dem weißen Hemd ein dunkles Jackett, und es hätte einen nicht gewundert, wäre beides geplatzt - so stolz sah Draisaitl aus. Gerade hatte Draisaitl erfahren, dass ihn Journalisten zu Deutschlands Sportler des Jahres gewählt hatten. Nun war er per Video nach Baden-Baden geschaltet. Er sagte: "Wir haben so viele geniale Sportler in Deutschland. Es ist etwas ganz Besonderes."

Besonders waren auch seine Leistungen im Jahr 2020. Als erster deutscher Profi hatte Draisaitl die reguläre Saison in der NHL als Topscorer abgeschlossen. Als erster Deutscher wurde er zum MVP, zum wertvollsten NHL-Spieler, gewählt. Und nun auch noch der Titel als Deutschlands Sportler des Jahres, als erster Eishockeyspieler überhaupt und als zweiter Mannschaftssportler nach Dirk Nowitzki.

Schottlands Fußballer - geweint wird nur auf dem Zimmer

Als Schottlands Nationaltrainer Steve Clarke an einem Freitagabend Mitte November vor die Presse trat, hatten sich seine Fußballer gerade mit einem Sieg nach Elfmeterschießen gegen Serbien für die Europameisterschaft 2021 qualifiziert. Die Zeitung "The Scotsman" sollte später von einer Zeit des Schmerzes berichten, die in dieser Nacht in Belgrad endlich zu Ende gegangen sei. Die jüngere Geschichte der schottischen Nationalmannschaft war bis dahin eine, in der viel gelitten wurde, man sollte das wissen: Zuletzt hatte Schottland 1998 an einem großen Turnier teilgenommen.

Womöglich schien Clarke auch deshalb zunächst gar nicht glauben zu können, was passiert war. Er sagte: "Normalerweise scheitern wir an der letzten Hürde oder versagen jämmerlich." Diesmal versagten seine Nationalspieler nicht, sie erarbeiteten sich Heldenstatus. Als der Torhüter David Marshall, 35, den entscheidenden Strafstoß von Aleksandar Mitrovic parierte, verspürte der Trainer Clarke ein "leichtes Glimmern" in den Augen. Keine Tränen, sagte Clarke, natürlich nicht, nicht in diesem Moment. "Vielleicht weine ich dann, wenn ich später in meinem Zimmer bin."

Stand: 27.12.2020, 05:00

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