Sind Frankreichs goldene Handball-Jahre vorbei?

Nikola Karabatic nach dem Vorrunden-Aus der Franzosen bei der Handball-EM 2020

Handball-EM, Vorrunde

Sind Frankreichs goldene Handball-Jahre vorbei?

Von Robin Tillenburg (Trondheim)

Die französischen Handballer sind bei der Europameisterschaft völlig überraschend in der Vorrunde vorzeitig ausgeschieden. Was bedeutet das für den französischen Handball?

Es gehört eigentlich schon fast zum guten Ton, den Abgesang auf die französische Nationalmannschaft anzustimmen und dann direkt beim nächsten großen Turnier eines Besseren belehrt zu werden. Deswegen soll dieser Text auch kein Abgesang sein. Aber zumindest eine Zäsur beschreiben.

Übergang nicht ganz so nahtlos wie erhofft

Spieler wie Daniel Narcisse und Thierry Omeyer haben schon länger aufgehört, Nikola Karabatic (35 Jahre), Luc Abalo (ebenfalls 35) und Michael Guigou (37) sind gemeinsam mit dem nicht mehr so oft eingesetzten Cedric Sorhaindo (35) die letzten Akteure aus der ganz großen, zu Recht "golden" genannten Generation.

Handball-EM: Frankreich gegen Norwegen - die Highlights Sportschau 12.01.2020 04:38 Min. Verfügbar bis 12.01.2021 Das Erste

Ganz natürlich haben alle drei nicht mehr die körperlichen Voraussetzungen wie noch vor wenigen Jahren, doch im französischen Handball war man guter Dinge, dass man einen nahtlosen Übergang hinbekommen würde. Die letzten Ausläufer des Teams, das über Jahre den Welthandball dominiert hatte, sollten die vielen jungen Talente heranführen und ihnen dann in den nächsten ein bis zwei Jahren das Zepter ganz übergeben. Spätestens seit heute ist klar: Ganz so nahtlos wird dieser Übergang nicht. Frankreich ist bei der Europameisterschaft schon in der Vorrunde ausgeschieden - nach zwei Spielen.

Gegen starke Gegner zu wenig Gefahr aus der Distanz

Fabregas (l.) im Zweikampf mit Sargosen (r.)

Die Gegner waren dabei allerdings richtig stark - die erfrischenden Portugiesen und die bis in die Haarspitzen motivierten Gastgeber aus Norwegen mit ihrem Superstar Sander Sagosen, der zehn Treffer gegen die Franzosen erzielte, werden in den nächsten Jahren voraussichtlich bei einigen Turnieren sehr weit kommen. Und die Franzosen waren gerade gegen die Norweger in einem extrem intensiven Spiel beim 26:29 (15:14) keineswegs chancenlos. Doch sie bekamen Sagosen nicht in den Griff und die vielen jungen, so hochveranlagten Talente konnten noch nicht auf den Punkt ihr volles Potenzial ausschöpfen.

Karabatic mühte sich, warf sich genau wie früher in jeden Zweikampf, hatte aber fast immer zwei Gegenspieler an sich hängen. Seine Nebenleute wussten den dadurch entstehenden Freiraum oft nicht zu nutzen und waren nicht durchschlagskräftig genug. Insgesamt vier Treffer aus der Distanz standen am Ende auf dem Statistikzettel. Viel zu wenig, um die Deckung so weit herauszulocken, dass Spieler wie Karabatic den nötigen Platz bekommen. Dika Mem (22), Elohim Prandi (21) und Co. strahlten gegen zwei ganz starke Gegner noch nicht die nötige Gefahr aus.

Sagosen hat schon viel gelernt

Über den Kreis, die Außen und den ein oder anderen Durchbruch blieb die Mannschaft von Trainer Didier Dinart zwar gefährlich und im Spiel, hatte aber gegen die Norweger in den entscheidenden Szenen immer wieder das Nachsehen und dabei noch Glück, dass Torhüter Vincent Gerard einige freie Würfe parieren konnte. Dass ausgerechnet Karabatic sich kurz nacheinander zwei Stürmerfouls leistete und am Ende der Partie Abalo mit seinem eigensinnigen Fehlwurf das Aus besiegelte, passte irgendwie in das Gesamtbild.

Eines von Karabatics Stürmerfouls zog ausgerechnet sein Pariser Teamkollege Sagosen. Es war kein glasklares, aber der Norweger bekam den Pfiff, weil er clever agierte und Karabatic eben auch einfach gezwungen war, es immer wieder mit der Brechstange zu probieren. Diese Szene symbolisch für die Übernahme des norwegischen (Handball-)Kronprinzen vom französischen König stehen zu lassen, wäre viel zu theatralisch, voreilig und übrigens auch gegenüber Spielern wie Mikkel Hansen nicht fair. Aber ein bisschen Symbolcharakter hatte es dann doch, so wie Sagosen da clever den Körperkontakt annahm und etwas heftiger fiel als er gemusst hätte - da dachte der ein oder andere in der Halle sicher auch an den jungen Karabatic.

Etwas Geduld gefragt

Nun ist es nicht so, als müssten französische Handballfans nun zwangsläufig einer langen Durststrecke entgegenblicken, auch wenn die Franzosen in diesem Jahrtausend zuvor erst einmal in einem großen Turnier in der Vorrunde ausgeschieden waren. Dafür sind die vielen jungen Spieler viel zu stark.

Doch die so erfolgsverwöhnten Anhänger (fünf WM-, drei EM- und zwei Olympia-Titel in diesem Jahrtausend) werden sich vielleicht ein bisschen gedulden müssen, bis die Youngster diese Mannschaft führen können. Die Norweger sind beispielsweise in ihrem Umbruch einfach schon einen Schritt weiter - und sie haben ihren Ausnahmespieler in Sagosen schon gefunden. Bei Frankreich muss sich noch herauskristallisieren, wer die Rolle von Karabatic einmal übernehmen soll.

In wenigen Monaten alles schon wieder ganz anders?

Andererseits: Dass Karabatic noch einmal bei Olympischen Spielen antreten will, ist sehr wahrscheinlich. Die Qualifikation für Olympia 2020 ist in drei Monaten. Auch in einer so kurzen Spanne können sich solche Toptalente, wie die Franzosen sie haben, durchaus enorm weiterentwickeln. Zudem wird Trainer Dinart aus diesem Aus seine Lehren ziehen und diese an die Mannschaft weitergeben. Wie gesagt: Das hier ist kein Abgesang.

Stand: 12.01.2020, 20:52

Darstellung: