Handball-EM - Deutschlands Fundament ist gelegt

Andreas Wolff hinter der deutschen Abwehr

Nach dem Sieg gegen Weißrussland

Handball-EM - Deutschlands Fundament ist gelegt

Von Robin Tillenburg (Wien)

Die deutschen Handballer haben sich beim klaren 31:23-Erfolg über Weißrussland in ihre eigentlichen Stärken hinein gearbeitet - und damit zumindest ein Fundament gelegt.

Andreas Wolff war schon vor dem eigenen Spiel "im Tunnel". Als er mit seinen Teamkollegen vom Spielfeldrand aus die Partie der Kroaten gegen Österreich beobachtete, waren noch fast zwei Stunden Zeit bis zum eigenen Anpfiff.

Doch Wolff sah kaum, wer da seinen Weg kreuzte und grüßte. Ehemalige Teamkollegen wie Domagoj Duvnjak oder Nikola Bilyk – Wolff grüßte zwar zurück, wandte seinen Blick aber kaum ab von … von wo eigentlich? Von den Erinnerungen an die bisherigen Spiele? Von den Wurfbildern der Weißrussen, die er nochmal durchging?

Wolff: "Gefühl, dass meine Beine am Boden festklebten"

Schon Sportvorstand Axel Kromer hatte vor dem Spiel am ARD-Mikrofon von der Stimmung im Mannschaftsbus erzählt. Es sei "mucksmäuschenstill" gewesen. Auch Wolff, eigentlich einer derjenigen mit dem größten Mitteilungsbedürfnis im Team, hatte geschwiegen. Eine solche Situation war dem 28-Jährigen eher neu.

Deutschland gegen Weißrussland - die Stimmen Sportschau 16.01.2020 09:45 Min. Verfügbar bis 16.01.2021 Das Erste

In seiner Zeit beim THW Kiel war Wolff öfter unzufrieden, weil seine Spielzeit hinter Niklas Landin nicht den eigenen Ansprüchen entsprach. Aber wenn er auf der großen Bühne das Feld betrat, vor allem im deutschen Trikot, lieferte er eigentlich immer. Mal ein schlechtes Spiel – ganz normal. Aber zwei komplett glücklose Partien hintereinander, die dann auch für die Mannschaft nicht gut laufen? Da musste der Keeper von KS Kielce wahrscheinlich tief in seinem Gedächtnis kramen.

Dass der oft so unerschütterlich selbstbewusst wirkende Wolff ins Grübeln gekommen war, zeigten seine Worte nach der Partie: "Ich hatte das Gefühl, dass meine Beine am Boden festkleben und das haben sie in der Videoanalyse im Nachhinein dann auch wirklich getan", erklärte er im Gespräch mit Alexander Bommes und Dominik Klein und ergänzte: "Nach dem Lettland-Spiel habe ich in der großen Runde natürlich nicht die Klappe aufgerissen. Jeder kehrt vor seiner eigenen Haustür, wie der Trainer das auch sagt."

Torhüter, Deckung und Tempo - das gewünchte Rezept

Das hat man offenbar gemacht. Auch wenn noch lange nicht alles perfekt war und die Weißrussen gerade im ersten Durchgang auch viele Fehler machten - bei fast allen Akteuren war eine Verbesserung im Vergleich zu den bisherigen Spielen zu erkennen. Das führte zu einer anderen Körpersprache und Herangehensweise, vor allem in der Abwehr.

Wie beweglich Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek sich im Innenblock zeigten und wie aggressiv auch die Halbpositionen verteidigt wurden, von Patrick Zieker, Jannik Kohlbacher und Co. - das sorgte dafür, dass die Defensive, die trotz und auch wegen der Ausfälle die absolute Stärke der Mannschaft sein muss, richtig bissig agierte.

Das Resultat: Tempogegenstöße und leichte Tore. Da war das Rezept, das Bundestrainer Christian Prokop vor dem Turnier ausgegeben hatte. Sichere Defensive, schnelles Angrifffsspiel. Man brauche acht bis neun Tempogegenstöße, um erfolgreich zu sein. Acht waren es diesmal.

Deutschland gegen Weißrussland - die Analyse Sportschau 16.01.2020 26:13 Min. Verfügbar bis 16.01.2021 Das Erste

Bitter als emotionaler Fixpunkt

Und das half dann auch Andreas Wolff. Ruhig war der Europameister von 2016 noch nach seinen ersten Paraden. Das Selbstvertrauen kehrte erst langsam zurück - am Ende lag seine Quote bei guten 34 Prozent. Der Lautsprecher war eher der zweite Mann. Johannes Bitter hatte erkannt, dass die Mannschaft ihn, den erfahrenen Routinier, auch abseits des Feldes dringend braucht. Er peitschte die Halle auf, er sprang als erster nach Wolff-Paraden von der Bank, klatschte alle Kollegen ab.

Gollas Einsatz kein Geschenk

Unter denen war erstmals (aktiv auf der Platte) auch Johannes Golla, fast den gesamten zweiten Durchgang lang. Die Berufung des Kreisläufers für den Rückraumspieler Marian Michalczik war gerade in den Sozialen Medien nicht nur auf Verständnis gestoßen. Er sei der vierte Kreisläufer im Aufgebot, dabei sei doch der Rückraum ein großes Problem - hieß es da. Zu kurz gedacht.

Deutschland gegen Weißrussland - die Zusammenfassung Sportschau 16.01.2020 00:33 Min. Verfügbar bis 16.01.2021 Das Erste

Der starke Pekeler, einer der vier Kreisläufer, sah schon in der ersten Hälfte seine zweite Zeitstrafe und wurde daher erst einmal vorsichtshalber nicht mehr eingesetzt. Wiencek braucht seine Energie ohnehin für die Abwehrarbeit und wird daher offensiv meist geschont, Kohlbacher musste vorne und hinten auf der Halbposition ebenfalls viel arbeiten.

Gollas Einwechslung am Ende der ersten Halbzeit war also bei weitem kein Geschenk des Bundestrainers: Golla wurde gebraucht. Für das Deckungszentrum, dessen Stammpersonal er so entlasten kann, dass die Kollegen ihre wichtigen Atempausen kriegen, aber auch vorn. Randnotiz: Sein erstes EM-Tor war eines der schönsten der Partie.

O-Ton-Collage - der Hauptrunden-Neustart der deutschen Handballer

Sportschau 17.01.2020 00:58 Min. Verfügbar bis 17.01.2021 ARD

Wie hart ist das Fundament?

Vor allem hinten bewies er aber seinen enormen Wert im Innenblock. Spielstand 20:14: Wolff hält einen Ball, Golla fischt reaktionsschnell nach dem Abpraller und leitet den Tempogegenstoß ein - Tor. So will der Bundestrainer es sehen. Das Fundament, das das Team so dringend braucht - es ist erst einmal gelegt. Gegen Kroatien (18.01.2020 im Live-Ticker bei sportschau.de) wird sich zeigen, ob der Beton schon ausgehärtet ist.

Stand: 17.01.2020, 08:49

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