Schwedens "Flensburg-Connection" mischt die WM auf

Trainer Glenn Solberg (l.) und Jim Gottfridsson

Zusammenarbeit und ganz viel Tempo

Schwedens "Flensburg-Connection" mischt die WM auf

Von Robin Tillenburg

20 Jahre lang ist Schweden bei Männer-Handball-Weltmeisterschaften nun schon ohne Medaille. Dieses Jahr wird das für die mit Bundesligaspielern gespickte Auswahl anders. Ein "Flensburger Block" ist daran nicht ganz unschuldig.

Zwölf Spieler aus dem schwedischen Aufgebot verdienen ihr Geld in Deutschland. Das war in den letzten Jahren bei großen Turnieren mehr oder weniger immer in dieser Dimension der Fall. Neu ist aber unter anderem der Trainer.

Der Norweger Glenn Solberg, früher als Spieler in Nordhorn und Flensburg aktiv, hat nach Platz sieben bei der Euro 2020 von Kristjan Andresson übernommen. Und die Mannschaft ohne die Chance auf viele Trainingseinheiten oder Testspiele schon extrem schnell weiterentwickelt.

Enger Austausch mit Gottfridsson

Der bei der EM noch fehlende Flensburger Linksaußen Hampus Wanne spielt jedenfalls beispielsweise im von Solberg verordneten blitzschnellen Gegenstoßspiel stark auf und hat genau wie Positionskollege Lucas Pellas eine exzellente Quote. Die beiden sind die besten Schützen ihres Landes bisher. Die Fäden zieht Wannes Flensburger Teamkollege Jim Gottfridsson. Der 28-jährige Spielmacher ist die prägende Person im noch relativ jungen Team. In den Auszeiten ist meist er es, der spricht. Der einschwört und die taktische Marschroute vorgibt.

Handball-WM - Schwedens Anführer Gottfridsson im ARD-Interview Sportschau 28.01.2021 02:35 Min. Verfügbar bis 28.01.2022 Das Erste

Dass das überhaupt möglich ist, liegt am engen Austausch von Solberg und Gottfridsson. Gemeinsames Videostudium, enger Austausch in jeder Trainingseinheit - Solberg fordert immer wieder die Meinungen und Ideen seines Führungsspielers ein und nimmt dann auch entsprechende Anpassungen vor, wie Gottfridsson selbst im Gespräch mit Sportschau-Experte Dominik Klein erzählte.

Tobias Karlsson mischt als "Spezialist" mit

Solberg vertraut aber nicht nur auf die Expertise seines Starspielers, sondern auch auf die von Schwedens Abwehr-Legende Tobias Karlsson. Der spielte, man erahnt es, genau wie Solberg und aktuell Gottfridsson und Wanne, in Flensburg und war dort jahrelang der Abwehrchef. Genau wie in der Nationalmannschaft.

Jetzt gibt der von der Tribüne über ein Earpiece Beobachtungen und Erkenntnisse an seinen "Chef" weiter. Ein Modell fast wie beim American Football, wo es für fast jede Positionengruppe Spezialisten gibt und der Headcoach aus all diesen Expertenmeinungen dann das Gesamtkonzept strickt und seine Spieler entsprechend anleitet.

Für das ja so wichtige Defensivzentrum haben sich Solberg und Karlsson für eine Bundesliga-Kombination als Ideallösung entschieden. Max Darj vom Bergischen HC und Jonathan Carlsbogard vom TBV Lemgo, vor dem Turnier erst mit einem Länderspiel, stabilisieren die Abwehrmitte im Wechsel mit Frederic Petterson, der in Montpellier sein Knäckebrot verdient.

Gegenstoßspiel und sichere Abwehr

Im Viertelfinale gegen Katar, das aber bei allem gebotenen Respekt auch wohl das schwächste Team unter den letzten acht war, stand die Abwehr in Kombination mit Andreas Palicka von den Rhein-Neckar Löwen so bombenfest, dass es vorne gar nicht die ganz großen handballerischen Feinheiten bedurfte. Aus dieser gesicherten Defensive rollte ein schwedischer Tempogegenstoß nach dem anderen auf das Tor der überforderten Kataris zu.

Weil die individuelle Qualität der Schweden im Rückraum neben Gottfridsson in Abwesenheit von Lukas Nilsson (Rhein-Neckar Löwen) nicht in der allerhöchsten Etage der Weltspitze angesiedelt ist, sollte man meinen, dass einfach "nur" das Tempospiel der Schweden gestoppt werden muss.

Das ist in der Theorie auch wahrscheinlich richtig. Das Team, das es schafft, wenige Ballverluste und sichere Abschlüsse zu kreieren, hat durchaus passable Chancen, bei einer stabilen eigenen Defensive die Schweden zu schlagen. Das gelang Belarus und Slowenien in der Hauptrunde bei zwei Unentschieden beinahe.

"Frischevorteil" im Halbfinale gegen Frankreich?

Aber es gelang eben ganz vielen Nationen auch nicht. Katar ging am Ende mit 35:23 (14:10) baden und auch die russische Handballföderation bekam beim 34:20 (17:8) eine echte Abreibung. Dementsprechend konnte Solberg auch immer wieder wichtigen Akteuren kurze Pausen geben und die jungen Talente spielen lassen. Die zeigten: Die gelb-blaue Handballzukunft durchaus rosig aus.

Stand: 30.01.2021, 12:08

Darstellung: