Ungarische Nationalspieler und Fans in Budapest bei der Handball-Em

Handball | EM

Corona-Fiasko bei der Handball-EM: Die Mitschuld der Veranstalter

Stand: 18.01.2022, 11:06 Uhr

Dass sich bei der Handball-EM in Ungarn und der Slowakei die Corona-Fälle häufen, war absehbar, auch für die Veranstalter. Sie müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, zahlreiche Infektionen fahrlässig in Kauf genommen zu haben. Ein Kommentar.

Von Volker Schulte

Der europäische Handballverband (EHF) hat zwar ein ausführliches EM-Hygienekonzept für die Europameisterschaft 2022 entwickelt. Dieses stammt allerdings aus Zeiten, in denen noch niemand die Virusvariante Omikron kannte.

Damals konnte die EHF noch hoffen, dank ihrer 2G-Regel ein halbwegs sorgenfreies Turnier organisieren zu können. Doch Omikron ändert die Situation dramatisch. Geimpfte und Genesene sind ohne Booster kaum gegen eine Ansteckung geschützt. 2G hilft gegen Ausbrüche also kaum.

Das war nach wissenschaftlichen Erkenntnissen schon im Dezember absehbar. Spätestens aber Anfang Januar, als die Fallzahlen europaweit steil nach oben gingen und die EM-Teilnehmernationen einen Coronafall nach dem anderen aus ihren Trainingslagern meldeten, hätten alle Alarmglocken schrillen müssen.

EHF reagiert einseitig

Was tat die EHF? Sie erweiterte die Möglichkeiten, Spieler während der EM nachzunominieren. Und sie verkürzte die 14-tägige Quarantänezeit für infizierte Spieler deutlich. Sie dürfen sich mittlerweile schon nach fünf Tagen freitesten, sind dann nach zwei negativen PCR-Tests in Folge wieder spielberechtigt.

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Diese Maßnahmen hatten vor allem ein Ziel: Spielabsagen vermeiden. Auch Teams mit vielen Coronafällen sollten weiter teilnehmen können - das Turnier soll laufen, bis zum Finale.

Unverständlicher Verzicht auf Turnier-Blase

Was der europäische Handballverband dagegen seltsamerweise nicht tat, war zu versuchen, den Infektionsschutz zu verbessern. Dabei lagen bewährte Mittel auf dem Servierteller. Bei der WM 2021 in Ägypten trugen eine strenge Turnier-Blase, tägliche Tests und leere Ränge dazu bei, dass sich während des Turniers kaum noch Beteiligte infizierten. Das war zu jener Zeit im Januar ohne Impfschutz enorm wichtig.

Jetzt, ein Impf-Jahr später, haben alle Beteiligten der Handball-EM immerhin einen Schutz vor schweren Covid-19-Verläufen. Das entschärft die gesundheitlichen Risiken deutlich, aber grundsätzlich gilt weiterhin: mit einer Virusinfektion Hochleistungssport zu betreiben, ist keine gute Idee.

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Mit Virus auf der Platte

Genau dies aber ist bei der EM wiederholt passiert, wohl auch im deutschen Team. Wer am Tag nach einem Spiel positiv getestet wird, hat das Virus wahrscheinlich auch am Vortag schon in sich getragen.

Hier rächt sich, dass die EHF auf tägliche PCR-Tests verzichtet. Diese sind nur alle zwei Tage Pflicht, an Spieltagen nicht. Dort werden bei Verdachtsfällen Antigen-Schnelltests genutzt - diese sind wegen ihrer geringeren Sensibilität allerdings kaum geeignet für solch riskante Situationen.

Volle Ränge ein Irrsinn

Komplett irrsinnig ist die 100-prozentige Zuschauerauslastung in den ungarischen Hallen. Dass sehr viele Tribünengäste die Maskenpflicht nicht allzu ernst nehmen, war absehbar. Die Bilder von jubelnden Massen sind ein Schlag ins Gesicht für alle anderen Sportligen, die vor leeren Rängen antreten - sogar bei Freiluftveranstaltungen.

Das nationalistisch regierte Ungarn ist für seinen fahrlässigen Umgang mit der Coronapandemie bekannt, abzulesen an den hohen Sterbezahlen. Aber die EHF hat ebenfalls nicht gebremst, sondern die vollen Ränge dankend angenommen.

Wettbewerb wird zur Farce

Jetzt trägt Europas Handballverband eine Mitschuld daran, dass Top-Leistungen überlagert werden von den Corona-Schlagzeilen. Dass der sportliche Wettbewerb zur Farce wird. Dass Verbände überlegen müssen, ob sie ihre Teams nicht doch besser zurückziehen. Dass Spieler auch im deutschen Team einspringen müssen, die kaum im Training sind. Und dass zu viele Beteiligte bange Momente erleben, bei den Tests, bei den Spielen, in der Quarantäne.

Grundsätzlich ist es richtig zu versuchen, die für den Handball so wichtige Europameisterschaft auch in Pandemiezeiten auszurichten. Aber dann bitte mit größtmöglicher Vorsicht.

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