Handball-Bundesliga - Titelkampf wohl (fast) ohne Nationalspieler

Jannik Kohlbacher (l.), Paul Drux (m.) und Julius Kühn

Vor dem Start in die Saison

Handball-Bundesliga - Titelkampf wohl (fast) ohne Nationalspieler

Von Robin Tillenburg

In der Handball-Bundesliga geht es im Titelkampf in dieser Saison wohl wieder nur über Kiel oder Flensburg - aus Sicht der deutschen Nationalmannschaft ist das nicht optimal.

Uwe Gensheimer, Hendrik Pekeler, Steffen Weinhold und Johannes Bitter sind nach den Olympischen Spielen aus der Nationalmannschaft zurückgetreten oder stehen im Fall von Bitter nur noch für Notfälle zur Verfügung. Damit sind zehn deutsche Meisterschaften aus dem DHB-Team verschwunden.

Schaut man auf die anderen dreizehn Spieler aus dem Olympia-Kader, bleiben noch drei Bundesliga-Meistertitel übrig, wobei Tobias Reichmann, der 2010 und 2012 mit dem THW Kiel triumphierte, in Tokio nicht zum Einsatz kam. Kreisläufer und Abwehr-Hüne Johannes Golla konnte mit der SG Flensburg-Handewitt im Jahr 2019 den Titel gewinnen. Das war's.

Nur fünf Spieler "kennen" den Kampf um die deutsche Meisterschaft wirklich

Selbst wenn man den erweiterten 28er Kader betrachtet, kommen da nur noch die drei Meistertitel des Kielers Rune Dahmke, der nach dem Gensheimer-Rücktritt auf Linksaußen wohl wieder öfter dabei sein wird, und die beiden von Rechtsaußen Patrick Groetzki (RN Löwen) dazu. Und sollte Patrick Wiencek, eigentlich ja Abwehrchef, bald wieder zurückkehren, wären es immerhin noch einmal fünf weitere.

Aber auch Wienceks Rückkehr würde bedeuten: Von dann noch 25 potenziellen Nationalspielern, mit denen Alfred Gislason arbeiten kann, kennen nur fünf das Gefühl einer deutschen Meisterschaft. Und ernsthaft um eine mitgespielt haben auch nicht viele mehr.

Trotz Verstärkungen bei den Verfolgern: Die Lücke ist wohl zu groß

Wenn man nun auf die neue Saison schaut, muss man konstatieren: Das dürfte sich kaum ändern. Die Kieler gehen mit einem fast unveränderten Aufgebot in die neue Spielzeit - der Titelverteidiger war am Ende der vergangenen Saison mit 68 Punkten gleichauf mit der SG Flensburg-Handewitt, dahinter klaffte ein riesiges Loch. Es folgten der SC Magdeburg (53 Punkte), die Füchse Berlin (52) und die Rhein-Neckar Löwen (50). Die MT Melsungen, die sechs deutsche Olympiafahrer stellte, landete mit 41 Zählern nur auf Rang acht.

Magnus Saugstrup

Und auch wenn die Füchse mit dem Spanier Viran Morros, die Magdeburger mit Nationalspieler Philipp Weber und Dänen-Kreisläufer Magnus Saugstrup, die Löwen mit DHB-Talent Juri Knorr und die Melsunger mit Portugals Athletik-Wunder André Gomes allesamt attraktive Zugänge vorzuweisen haben, ist es doch unwahrscheinlich, dass sich die 15-Punkte-Lücke zu den beiden Topteams schließen lässt.

Zumal die Flensburger ihren Kader deutlich verstärken konnten und mit den Dänen Emil Jakobsen und Rückkehrer Kevin Moller sowie dem Schweden Anton Lindskog gleich drei Spieler holten, die bei der WM 2021 Gold oder Silber gewannen.

Handball: Ligastart mit Zuschauern

Sportschau 05.09.2021 02:26 Min. Verfügbar bis 05.09.2022 ARD


Vergleiche mit internationaler Spitze fehlen

Bleiben also, wenn nicht ein Team eine wirklich überraschend starke Saison spielt, Wiencek, Dahmke und Golla, die im Meisterschaftsrennen mitmischen. Die zwei Kreisläufer und Abwehrstrategen und dazu der vermutlich zweite Linksaußen des DHB-Teams.

In der "stärksten Liga der Welt", was die Bundesliga in der Breite ohne Frage immer noch ist, ist auch Platz drei, vier oder fünf für einen Großteil der Nationalspieler erst einmal überhaupt kein "Problem". Doch die Teilnahme an der Champions League ist den Plätzen eins und zwei vorbehalten.

Ratlose Gesichter bei der MT Melsungen

Der Vergleich auf internationalem Topniveau bleibt somit beispielsweise für die Melsunger um die Rückraumspieler Kai Häfner und Julius Kühn, oder Rechtsaußen Timo Kastening aus. Bis sie eben zu den großen Turnieren anreisen und dort dann auf Spanien, Dänemark, Frankreich oder Norwegen treffen.

Bei Kiel und Flensburg ziehen andere die Fäden

Dass ein Großteil der Spieler der Dänen in der Bundesliga spielt, gehört zwar auch zur Wahrheit, aber der Vize-Olympiasieger hatte in Tokio gleich sechs Spieler im Kader, die 2021/22 für Flensburg oder Kiel spielen. Gerade im Rückraum sind Kiel und Flensburg mit dem Norweger Sander Sagosen, dem Schweden Jim Gottfridsson, dem Dänen Mads Mensah oder dem Kroaten Domagoj Duvnjak eben nicht mit deutschen Nationalspielern auf den entscheidenden Positionen besetzt.

Immerhin: Linkshänder Franz Semper verpasste fast die komplette vergangene Saison bei den Flensburgern wegen eines Kreuzbandrisses und soll im Laufe der Hinrunde wieder für die SG auf der Platte stehen. Wenn er gesund bleibt, wäre Semper definitiv ein Kandidat, der auch für den Bundestrainer infrage kommt. Solange hofft Handball-Deutschland darauf, dass Melsungen, Berlin, Magdeburg oder die Löwen irgendwie dann doch aus dem Zweikampf an der Spitze einen echten Drei- oder Mehrkampf machen können.

Stand: 07.09.2021, 07:51

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