Serie A - Was kommt nach Juve?

Robin Gosens (v.l.), Romelo Lukaku, Ciro Immobile

Italien, vor dem 37. Spieltag

Serie A - Was kommt nach Juve?

Von Jo Herold

Ganz nah dran waren Inter Mailand und Atalanta Bergamo in der italienischen Serie A, Dauer-Meister Juventus Turin vom Thron zu stoßen. Juve wird nach seinem neunten Titel in Folge wieder bejubelt. Doch die Vorherrschaft scheint fragiler denn je.

Noch bejubeln sie in Italien Juventus Turin und verneigen sich ehrfürchtig vor der "Alten Dame". Gerade hat sich Juve mit einem 2:0 gegen Sampdoria Genua zum 36. Mal den Scudetto gesichert, das kleine, schildförmige Abzeichen, mit dem der italienische Fußballmeister in der folgenden Saison seine Trikots beflocken lassen darf. "Unendliches Juve", war bei der Zeitung "Tuttosport" zu lesen. Und in Anlehnung an das Jubiläumsjahr des deutschen Komponisten Ludwig van Beethoven nannte das Blatt "La Repubblica" den Titelgewinn die "Neunte Symphonie". Doch wie lange wird die Jubelarie anhalten?

Schwierigster Titel

Auch bedingt durch die verheerenden Auswirkungen der Corona-Pandemie in Oberitalien glich der Meisterschaftsgewinn weniger einer Kür als vielmehr einem Kraftakt. Zwar ist Juventus zwei Spieltage vor dem Saisonende mit sieben Zählern Vorsprung nicht mehr einholbar. Aber beispielsweise Nationalspieler Leonardo Bonucci, neunmaliger italienischer Meister, sagte: "Das ist der schönste Titel, weil es der schwierigste war."

Es ist nicht überliefert, warum genau für Bonucci der Titelgewinn diesmal so besonders schwer war. Natürlich auch wegen der Coronakrise. Die lange Pause mit vielen Unsicherheiten und dem Restart unter "Geisterbedingungen" setzten auch den Leistungssportlern zu. Sicherlich weniger physisch, als vielmehr psychisch: "Die Spieler sind erschöpft", sagte Meistertrainer Maurizio Sarri. Vielleicht auch erschöpft vom Kampf Sarris, das "System Juve" zu modernisieren. Er war zu Saisonbeginn im Sommer '19 nach Turin gewechselt und hatte sich auf die Fahnen geschrieben, die Spielweise jünger und attraktiver zu machen. Viel wurde in Italien darüber geschrieben, gelästert, und Sarris Position auf dem Trainerstuhl war und ist alles andere als zementiert.

"Wenn du mit mir gewinnst, musst du stark sein" entfuhr es dem 61-jährigen Sarri nach dem Titelgewinn - ein doppeldeutiger Spruch, der zum einen Selbstironie ausdrückt, zum andern aber auch den Kritikern galt. Immerhin ist sich der Coach bewusst, dass die Meisterschaft zu großen Teilen Cristiano Ronaldos Verdienst ist: Im deutlich harmonischer gewordenen Zusammenspiel mit Sturmpartner Paulo Dybala und den daraus resultierenden bislang 32 Toren des Portugiesen in der noch laufenden Spielzeit lag, laut Sarri, der Schlüssel zum aktuellen Erfolg.

Apropos Erfolg - Dybala verletzt

Es könnte - apropos Erfolg - für Maurizio Sarri schnell aus sein mit dem Engagement bei Juventus. Das Pokalfinale im Juni ging gegen den SSC Neapel verloren und - noch schwerwiegender - im Achtelfinale der Champions League rennen "I Bianconeri" (Die Weiß-Schwarzen) einer 0:1-Hinspielpleite bei Olympique Lyon hinterher. Und nun wird wohl auch noch jener Dybala im Rückspiel nach einer Verletzung aus der Partie gegen Genua fehlen. Das Ausscheiden aus der Champions League könnte Sarri den Job kosten. Noch dazu, wo Atalanta Bergamo nach zwei überzeugenden Siegen gegen den FC Valencia bereits fürs Viertelfinale qualifiziert ist. Die gewonnene Meisterschaft wäre vermutlich nicht mehr allzu viel wert.

Wie also geht es weiter in der Serie A?

Bergamo und Inter wetteifern mit Lazio noch um die Vize-Meisterschaft - aber dabei geht es auch ein wenig darum, wer Juve in der Zukunft gefährlich werden könnte. Ronaldo ist zwar ungebrochen stark, aber dennoch inzwischen 35 Jahre alt. Turins Erfolg scheint untrennbar mit ihm verbunden zu sein. Inter soll kürzlich mit der Verpflichtung von Lionel Messi geliebäugelt haben - eher Wunschgedanke als realistisches Szenario. Dafür aber soll der finanzstarke Klub mit dem chinesischen Investor Zhang im Hintergrund weiter an der grundlegenden Architektur des Erfolgs der kommenden Jahre arbeiten.

Beispielweise soll der deutsche Weltenbummler Lutz Pfannenstiel als Chef-Scout verpflichtet werden, eine Position, die der frühere Torhüter bereits acht Jahre lang bei 1899 Hoffenheim erfolgreich bekleidet hat. Und das wegen seiner teils radikalen Fans oft kritisierte Lazio Rom stellt aktuell mit dem 30 Jahre alten Ciro Immobile den heißesten Anwärter auf die Torjägerkrone. Dort am Tiber wartet man seit 2000 auf die (dann dritte) Meisterschaft.

Ausverkauf in Bergamo?

In Bergamo derweil geht die Furcht vor einem Ausverkauf um. Das Team mit dem deutschen Nationalmannschafts-Kandidaten Robin Gosens begeistert durch seinen "Hurra-Fußball" und steht kurz davor, in den verbleibenden beiden Partien der Serie A die 100-Tore-Marke zu knacken. Ein in Italien extrem seltenes Phänomen. Aber "Die Göttliche", wie die Oberitaliener pathetisch auch genannt werden, hat durch ihren Erfolg viel Aufmerksamkeit bei den Scouts in Europa hervorgerufen. Zwar steht dort, in der Nähe des Comer Sees, mit Antonio Percassi auch ein milliardenschwerer Besitzer im Hintergrund. Aber die Finanzmittel sind bei den direkten Konkurrenten um ein Vierfaches größer. Dementsprechend könnten Rechtsaußen Dejan Kukulevski, der Anfang 2020 für 35 Millionen an Juve verkauft wurde, weitere Leistungsträger folgen. Nicht zuletzt äußerte Gosens mehrfach, dass er gerne in der Bundesliga spielen würde. Hertha BSC soll aktuell interessiert sein.

Neunte Meisterschaft in Folge - Juves Fans feiern mit Vernunft Sportschau 27.07.2020 00:36 Min. Verfügbar bis 27.07.2021 Das Erste

Das Restprogramm im Kampf um die Vizemeisterschaft

37. Spieltag:
28.07.2020, 19:30 UhrParma Calcio : Atalanta Bergamo1:2
28.07.2020, 21:45 UhrInter Mailand : SSC Neapel2:0
29.07.2020, 19:30 UhrLazio Rom : Brescia Calcio
38. Spieltag:
02.08.2020, 15:00 UhrAtalanta Bergamo : Inter Mailand
SSC Neapel : Lazio Rom

Stand: 28.07.2020, 23:46

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