Anarchie in der Premier League - Die Zeit der Außenseiter 

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Chaos in der Premier League 

Anarchie in der Premier League - Die Zeit der Außenseiter 

Von Hendrik Buchheister (Manchester)

Anarchie in der reichsten Liga der Welt: Die Topteams der Premier League straucheln, Chelsea, Arsenal, Man City und United stehen in der unteren Tabellenhälfte und die Außenseiter stehen in der Tabelle oben. Das liegt nicht nur an Corona.

Bing, bing, bing, bing: So hat Jürgen Klopp das Spiel seines FC Liverpool unter der Woche gegen den FC Midtjylland in der Champions League beschrieben. Am Ende stand es zwar 2:0 für den englischen Meister, doch mit etwas mehr Cleverness hätten die Gäste aus Dänemark auch einen Punkt aus dem leeren Anfield-Stadion entführen können. Es passte zum zerfahrenen Charakter der Partie, dass Klopp sich hinterher nur halbherzig über den Sieg freuen konnte. Seine Stimmung wurde getrübt dadurch, dass er den nächsten Verletzten beklagen musste, nämlich Aushilfs-Abwehrchef Fabinho. Dieser kam zuletzt nur deshalb in der Innenverteidigung zum Einsatz, weil Virgil van Dijk wegen seiner Kreuzband-Schädigung aus dem Derby beim FC Everton möglicherweise für den Rest der Saison ausfällt. 

Bing, bing, bing, bing. Das ist auch eine passende Zusammenfassung für das, was sich in der heimischen Liga des FC Liverpool in diesen Wochen abspielt. Auf den Plätzen der Premier League herrscht Chaos. "Anarchy in the UK", sozusagen, wie einst von den Sex Pistols besungen. Eine Torflut wie seit Jahrzehnten nicht mehr und absurde Ergebnisse wie Liverpools 2:7 bei Aston Villa oder das 3:3 zwischen Tottenham Hotspur und West Ham United (nach 3:0) belegen das ebenso wie die Tabelle, die vor dem siebten Spieltag an diesem Wochenende aussieht, wie per Zufallsgenerator erstellt.

Chelsea, Arsenal, City und United in der unteren Tabellenhälfte

Everton steht vor Liverpool an der Spitze, die weiteren Champions-League-Plätze belegen Aston Villa und Leicester City. Aufsteiger Leeds United ist Sechster, punktgleich mit dem FC Southampton, Crystal Palace und den Wolverhampton Wanderers. Große Namen wie der FC Chelsea und der FC Arsenal, Manchester City und Manchester United sind in der unteren Tabellenhälfte zu finden.

Bei der Erklärung für die Rebellion der Außenseiter kommt man an der Corona-Pandemie nicht vorbei. Die Vorbereitung war zerrüttet, der Spielplan ist eng wie nie, vor allem für die Vereine, die neben den nationalen Wettbewerben auch im Europapokal gefordert sind. Sie haben einen Nachteil gegenüber den Klubs, die sich auf die Premier League konzentrieren können. Liverpool und Arsenal zum Beispiel haben schon jeweils elf Pflichtspiele gemacht, Leeds dagegen erst sieben.

Die höhere Belastung erhöht das Verletzungsrisiko. Darüber hinaus bringen Corona-Fälle die Kader durcheinander. Manchester City etwa musste/muss in dieser Saison wegen Verletzungen oder Ansteckungen mit dem Virus unter anderem schon auf Aymeric Laporte, Ilkay Gündogan, Kevin De Bruyne und die beiden Stürmer Sergio Agüero und Gabriel Jesus verzichten. Die komplette Abwesenheit von Zuschauern trägt zusätzlich zur Unberechenbarkeit der Premier League bei.

Umbruch bei den Großen - Gute Arbeit bei den Kleinen

Es wäre aber zu einfach, die Anarchie in der reichsten Liga der Welt alleine auf äußere Umstände zu schieben. Außer Liverpool sind alle Topklubs mehr oder weniger im Umbruch. Der FC Chelsea mit seinen neuen Attraktionen Kai Havertz und Timo Werner ist auf der Suche nach der Balance zwischen Offensive und Defensive. Bei Manchester City offenbart der schwächste Saisonstart für Pep Guardiola in seiner Trainerkarriere (nur zwei Siege aus fünf Spielen) den Substanzverlust nach den Weggängen von Vincent Kompany, David Silva und Leroy Sané. Stadtrivale United bleibt trotz des 5:0 in der Champions League gegen Leipzig eine Großbaustelle, auf der die Eignung von Bauleiter Ole Gunnar Solskjaer alle paar Wochen neu diskutiert wird.

Dazu kommt, dass viele Vereine aus dem mittleren Segment der Liga gute Arbeit leisten. Southamptons Trainer Ralph Hasenhüttl wird längst als Kandidat für höhere Aufgaben gehandelt. Aufsteiger Leeds spielt einfach weiter Marcelo Bielsas furiosen Pressingfußball. Aston Villa konnte nach dem knappen Klassenerhalt in der Vorsaison den wichtigsten Spieler Jack Grealish zum Verbleib überreden und hat sich gut verstärkt mit Profis wie dem bei Chelsea überzähligen Ross Barkley oder Ollie Watkins von Fast-Aufsteiger Brentford. Und bei Everton unterschreiben dank Trainer Carlo Ancelotti neuerdings auch Prominente wie James Rodríguez.

Nur eine Momentaufnahme?

Die Phrase davon, dass die Tabelle eine Momentaufnahme ist – sie gilt auch in der Premier League, insbesondere in dieser seltsamen Corona-Saison. Von einem Titelanwärter Aston Villa oder einem Abstiegskandidaten Manchester City ist noch nichts zu lesen in der englischen Presse. Vermutlich werden sich die wilden Zustände in den kommenden Wochen und Monaten zum Teil normalisieren. 

Klar ist aber auch, dass diesmal wohl nicht die 99, 98 oder 100 Punkte zur Meisterschaft nötig sein werden, mit denen Liverpool und zweimal Manchester City zuletzt den Titel holten. "Ich will wieder dahin kommen, dass um die 85 Punkte reichen. Das heißt, man verliert mehr Spiele und es ist mehr Spannung da. Diese Saison könnte einzigartig werden", glaubt der einstige Liverpool-Verteidiger und Sky-Sports-Fachmann Jamie Carragher. Die Chance für einen Außenseiter ist also günstig, so günstig wie zuletzt wohl vor vier Jahren. Da wurde Leicester sensationell Meister.

Stand: 30.10.2020, 09:00

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