"Unvergesslich geblieben": Der Büchsenwurf vom Bökelberg

Alessandro Mazzola (l.) übergibt Schiedsrichter Jef Dorpmans die Cola-Dose, die angeblich einen Mailänder Spieler getroffen hat.

Europapokal 1971

"Unvergesslich geblieben": Der Büchsenwurf vom Bökelberg

Es gilt als bestes Spiel der Klubgeschichte von Borussia Mönchengladbach - und gleichzeitig auch als größter Betrug: Das 7:1 gegen Inter Mailand vor 50 Jahren im Europapokal der Landesmeister. Im Mittelpunkt: eine rote Cola-Dose.

Die berühmte Cola-Dose sieht auch nach 50 Jahren noch gut erhalten aus, sie hat einen besonderen Platz im Borussen-Museum und hängt hinter Glas in einem Raum mit dem Namen "Magische Nächte".

Ein Stück rotes Blech, kaum verrostet, hinter dem sich eine wahrlich unsterbliche Geschichte verbirgt. "Dieser Büchsenwurf gehört zur DNA des Klubs", sagte der damalige Torhüter und ehemalige Nationalspieler Wolfgang Kleff. Und auch Max Eberl, ein Vertreter der jüngeren Borussen-Generation, weiß um die Bedeutung dieser Geschichte für den Verein. "Seit ich in Gladbach bin, umschwirrt uns der Name Boninsegna und das 7:1 gegen Inter 1971", sagte Borussias Sportdirektor.

Historie: Der Büchsenwurf von Gladbach

Sportschau 20.10.2021 03:30 Min. Verfügbar bis 20.10.2022 ARD


Ein Spiel, das aus den Statistiken gelöscht wurde

Die Geschichte eines Europapokalspiels, von dem es nur wenige TV-Bilder gibt, hat weit über die Grenzen Mönchengladbachs hinaus Berühmtheit erlangt, auch weil sie am 20. Oktober 1971 nicht endete. Nachdem der italienische Nationalspieler Roberto Boninsegna in der 28. Minute von einer Cola-Dose angeblich am Kopf getroffen worden sein soll, sackte er zusammen und hatte sich im Tumult vom Platz tragen lassen.

Die grandiose Partie der Gladbacher, vielleicht eine der besten in der Vereinsgeschichte, wurde annulliert, wiederholt, und am Ende schieden die Borussen nach einem 2:4 und einem 0:0 gegen Inter Mailand aus. "Dass dieses Spiel aus den Statistiken gelöscht wurde, tut weh. Man hat uns diesen fantastischen Abend genommen", sagte Gladbachs Weltmeister Rainer Bonhof. Mit Boninsegna hat sich Borussias heutiger Vize-Präsident ausgesprochen, doch der Italiener bleibt bis heute bei seiner Version von Ohnmacht und Kopftreffer.

Der Büchsenwurf vom Bökelberg: Eine Tragödie in Bildern

Der berühmte Büchsenwurf am Mönchengladbacher Bökelberg jährt sich zum 50. Mal. Der 7:1-Triumph gegen Inter Mailand gilt als bestes Spiel in der Geschichte der "Fohlen" - doch er zählte am Ende nicht.

Guenter Netzer (Mitte) und Sandro Mazzola bei der Platzwahl

20. Oktober 1971: Borussia Mönchengladbach trifft in der zweiten Runde des Europapokals der Landesmeister auf den italienischen Titelträger Inter Mailand.

20. Oktober 1971: Borussia Mönchengladbach trifft in der zweiten Runde des Europapokals der Landesmeister auf den italienischen Titelträger Inter Mailand.

Das Spiel gilt als größtes jener "Fohlen"-Generation um Berti Vogts, Günter Netzer, Jupp Heynckes und Rainer Bonhof, die zwischen 1970 und 1979 fünf deutsche Meisterschaften und zwei UEFA-Pokal-Siege holte. Und mehr noch: Es ist bis heute eines der besten Fußballspiele eines deutschen Teams auf internationaler Bühne.

Die Mannschaft von Trainer Hennes Weisweiler fegte das Spitzenteam aus Italien förmlich vom Platz. Heynckes, Netzer, Ulrik le Fevre und Klaus-Dieter-Sieloff erzielten die Tore. Roberto Boninsegna gelang der zwischenzeitliche Ausgleich.

Doch jener Boninsegna war es, der für eine noch heute unfassbar sportliche Ungerechtigkeit sorgte. Die Borussia liegt mit 2:1 in Führung, als in der 28. Minute eine Büchse in Richtung Spielfeld fliegt. Der Italiener sinkt zu Boden. "Ich war an der Außenlinie auf dem Weg zum Tor, da traf mich die Büchse am Kopf. Ich war sofort bewusstlos", sagte Boninsegna: "Aber ihr Deutschen wollt mir einfach nicht glauben."

So hat auch sein damaliger Gegenspieler Ludwig Müller Zweifel. Statt am Kopf habe die Büchse Boninsegna "oben an der Schulter getroffen." Zunächst habe der Italiener nicht reagiert, "dann kam der Kapitän Sandro Mazzola auf ihn zu und rief, Roberto solle sich fallen lassen. Wie von Geisterhand ist Boninsegna dann dahingesunken und hat sein Schauspiel abgeliefert."

Bei einem Tritt gegen die Büchse kurz nach dem Vorfall habe Müller zudem gemerkt, "dass sie leer war und nicht voll, wie später behauptet wurde." Auch soll Boninsegna seinen Mitspielern beim Abtransport "zugezwinkert" haben. Aussage gegen Aussage.

Wie schwer die vermeintliche Blessur des Inter-Stürmers war, konnte später nicht einwandfrei festgestellt werden, denn ein deutscher Arzt erhielt keinen Zutritt zur Kabine der Italiener.

Die Folgen des Wurfes sind aus Gladbacher Sicht verheerend. Inter legt Protest ein und bekommt Recht, das Ergebnis wird annulliert. Die Begründung: Die Mannschaft sei geschwächt und geschockt gewesen. Überhaupt sei Sicherheit auf dem Bökelberg nicht gewährleistet gewesen. Erstmals in der UEFA-Geschichte muss ein Spiel wiederholt werden.

Vor dem Wiederholungs-Hinspiel findet zwei Wochen nach dem Büchsenwurf zunächst das Rückspiel in Mailand statt. Gladbach verliert 2:4.

Als zusätzliche Strafe muss die Borussia das Wiederholungsspiel in Berlin austragen, die Partie endet 0:0. Gladbach scheidet aus, Inter wird es bis ins Finale schaffen.

Schiedsrichter Dorpmans nahm die Dose mit

Wer die Büchse von der Tribüne des Bökelberg-Stadions geworfen hat, konnte nicht ermittelt werden. Ein zunächst Verdächtiger wurde wieder freigelassen. Es gab auch Spekulationen, dass die Büchse gar nicht Boninsegna treffen sollte und möglicherweise aus einer Gruppe italienischer Fans geworfen wurde. "Die Dose hatte mir gegolten, Boninsegna wurde zufällig getroffen", erzählte Borussias damaliger Abwehrspieler Ludwig Müller.

Dass die Cola-Dose heute im Vereinsmuseum zu bewundern ist, hat Borussia zunächst einmal einem Fan aus Tilburg und Mitautor des Online-Magazins "Torfabrik" zu verdanken. Der Niederländer hatte den damaligen und mittlerweile gestorbenen Schiedsrichter Jef Dorpmans ausgemacht und besucht. Dorpmans hatte die Büchse damals mitgenommen und später seinem Klub Vitesse Arnheim für das Vereinsmuseum übergeben.

Im Rahmen einer kleinen Feierstunde erhielten die Gladbacher 2012 dann nach mehr als 40 Jahren die Büchse zurück. "Das ist eine wunderschöne, freundschaftliche Geste von Vitesse", sagte Gladbachs Geschäftsführer Stephan Schippers bei der Veranstaltung.

Vor 50 Jahren: Der legendäre Büchsenwurf vom Bökelberg Sportschau 20.10.2021 02:38 Min. Verfügbar bis 20.10.2022 Das Erste

Der Mythos wird gepflegt

Borussia hat die ganze Geschichte kultiviert und den Mythos gepflegt. Ein Eventraum im Borussia-Park trägt heute den Namen "Büchsenwurf", und zum Jubiläum hat die Medienabteilung dem denkwürdigen Ereignis ein Buch mit Namen "Der Büchsenwurf vom Bökelberg - Die ganze Geschichte" gewidmet. Die Autoren Markus Aretz, Michael Lessenich und Matthias Rech wollen dem damaligen großen Spiel und den Geschehnissen "ein Denkmal setzen".

Das gefiel auch Borussias Mannschaftskapitän Günter Netzer, der in seinem Vorwort schreibt: "Dass man heute noch davon redet, dass man sogar Bücher darüber schreibt, das braucht der Fußball, das hält den Fußball am Leben. Das Spiel, unser Spiel, ist unvergesslich geblieben. Man wird noch von ihm erzählen, wenn wir alle nicht mehr sind."

dpa | Stand: 20.10.2021, 07:23

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