DFB-Kinderfußball - Revolution auf Raten

Horst Wein bei einer Trainer-Fortbildung beim FC St. Pauli 2015

"Funino" gegen den Mitgliederschwund

DFB-Kinderfußball - Revolution auf Raten

Von Olaf Jansen

Der DFB möchte den Kinderfußball umgestalten: Kleine Teams, Turniere ohne Torwart. Aber: Der DFB kann nicht befehlen, sondern den Hunderten von Fußballkreisen nur Empfehlungen aussprechen. Und genau dort sitzen viele Gegner dieser Umgestaltung.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat ein Problem: "Uns geht der Nachwuchs verloren", sagt Markus Hirte, Leiter der DFB-Abteilung "Talentförderung". In Zahlen ausgedrückt heißt das: Wurden 2018 noch 87.526 Mannschaften zum Spielbetrieb angemeldet, sind es 2019 nur noch 84.076 gewesen. "Auf dem Weg von der E-Jugend bis zur A-Jugend hören grob gesagt die Hälfte aller Spieler irgendwann auf mit Fußball", sagt Hirte. Blickt man etwas weiter in die Vergangenheit, wird das Ausmaß der Krise noch krasser: Von 2009 bis 2019 hat der DFB 18 Prozent seiner Nachwuchsmannschaften eingebüßt und neun Prozent seiner jugendlichen Mitglieder.

Um diesem Trend entgegenzutreten, ist der DFB in diesen Tagen nochmals in die Offensive gegangen. Hat einen Online-Workshop mit Jugendtrainern organisiert und Kontakt zur Presse aufgenommen. Es soll jetzt endlich die Idee transportiert werden: Die Ausbildung im Kinderfußball muss revolutioniert werden.

Mehr Spaß, weniger Ergebnisdruck

Man hat erkannt: Die Kids von der G- bis zur E-Jugend, also die Fünf- bis Zehnjährigen, sollen mit mehr Spaß und weniger Druck an den Fußball herangeführt werden. "Einmal in der Woche 7 gegen 7 gegen einen anderen Verein ist kontraproduktiv", sagt Hirte. Der DFB glaubt: Weil die Trainer unbedingt gewinnen wollen, lassen sie nur ihre Besten ran. Sieg oder die Niederlage bestimmen dann die nächste Woche. "Das sorgt vor allem für Frust bei den Kids", ist sich Hirte sicher.

Markus Hirte

DFB-Mann Markus Hirte

Also haben Hirte und seine Mitarbeiter eine Kinderspielform entworfen, die ganz anders aussieht. In einer Art Turnier-Event, die "Funino" genannt wird, treffen sich mehrere Teams und spielen auf mehreren Plätzen immer gleichzeitig 2 gegen 2 , 3 gegen 3 oder 4 gegen 4. Anstatt auf zwei große wird auf vier kleine Tore gespielt, einen Torwart gibt es nicht. Während des Turniertages wechseln die siegreichen Teams immer eine Stufe höher, wo sie auf andere Siegerteams treffen. Die Teams, die verloren haben, spielen gegen andere Verlierer. "So haben alle Teams und Kinder Erfolgserlebnisse, ein einzelnes Resultat verliert an Brisanz", erklärt Hirte.

"Funino" holt den Straßenfußball zurück

Ganz nebenbei wird auch noch die Ausbildungsqualität erhöht, weil die Kids im 3 gegen 3 viel mehr am Ball sind. Dribblings und Durchsetzungsvermögen werden wieder verstärkt geschult. Qualitäten, die man zuletzt sogar im deutschen Spitzenfußball vermisste. "So holen wir Merkmale des Straßenfußballs zurück in unsere Ausbildung", sagt Hirte.

Aber, und das ist das große Problem des DFB: Bei weitem nicht alle Jugendverantwortlichen in den Verbänden, Kreisen und Vereinen sind einverstanden mit den neuen Spielformen. Und weil der DFB in solchen Dingen keine Weisungsbefugnis hat, sondern den angeschlossenen Fußballkreisen nur Empfehlungen aussprechen darf, läuft die Reform überaus zäh.

In den sozialen Medien prasseln die Proteste von der Basis auf die Fußball-Modernisierer herunter. Steigende Kosten für die Vereine (Man benötigt mehr Tore) sowie fehlende Ehrenamtler (Jedes Spiel braucht eine erwachsene Aufsicht) sind die Hauptargumente dagegen.

 "Kinder brauchen Idole - auch im TV"

Einer der Kritiker ist Peter Reinecker, Vorsitzender des Fußballkreises Lübeck. "Dass wir im Fußball Kinder verlieren, ist nichts Neues. Vor Jahren hat uns der DFB dazu gedrängt, im Kinderfußball die Spielerzahl von elf auf sieben zu verringern. Verändert hat sich nichts. Auch die neuen Änderungen werden nichts bewirken." Für den langjährigen Funktionär an der Basis wären andere Faktoren wichtiger, um die Kids zurückzugewinnen: "Die Kinder brauchen Idole und die sehen sie im Fernsehen. Aber dort verschwinden die ja alle hinter der Bezahlschranke des Pay-TV."

Holger Tesch vom SV Barth aus Mecklenburg-Vorpommern machte sich in einem öffentlichen Beitrag auf Facebook Luft. Unter dem Titel "Einfach Fußball spielen" erklärte der F-Juniorentrainer seine Sicht auf die neuen DFB-Ideen: "Wir wollen einfach Fußball spielen! Und nicht immer wieder mit Geld und Ressourcen verschlingenden Neuerungen, die oftmals mit dem eigentlichen Fußball nichts mehr zu tun haben, konfrontiert werden."

Ehrenamtler tun sich schwer mit Veränderungen

Für Florian Weißmann, Jugendleiter des Bayerischen Fußballverbandes, sind solche Aussagen lediglich vorgeschoben. "Viele ehrenamtlich arbeitende Trainer und Funktionäre an der Basis leben nach der Maxime ‚Was früher gut war, kann heute nicht schlecht sein‘. Die tun sich erfahrungsgemäß schwer mit Veränderungen jeglicher Art und lehnen alles Neue erst einmal ab."

Funino-Kritiker Tesch befürchtet, dass durch das Spiel auf dem Kleinstfeld sogar noch weitere Nachwuchskicker verloren gehen. "Ein kleiner Junge kommt zum Sportplatz und möchte Fußball spielen. Er hat im Fernsehen Manuel Neuer gesehen und will natürlich so werden wie sein neues Idol. Seine Eltern haben ihm überteuertes Outfit gekauft. Nun steht er da, und ich erkläre ihm wider besseren Wissens, dass es nach neuesten Erkenntnissen eines Verbandstheoretikers leider keinen Torwart mehr gibt", beschreibt der Übungsleiter des SV Barth ein Szenario und sieht auch die Betreuung von mehreren Mannschaften bei einem "Funino-Festival" als Problem: "Ich müsste mir ein zweites Paar Augen wachsen lassen."

Spielbetrieb mit Mini-Toren: Die Revolution im Kinderfußball Morgenmagazin 21.07.2020 01:54 Min. Verfügbar bis 21.07.2021 Das Erste Von Volker Schulte

 Bayern: Minifußball-Beauftragte installiert

Weißmann kennt derlei Kritik, hat aber mit seinen Funino-Turnieren, die es in Bayern schon seit 2015 gibt, nur gute Erfahrungen gemacht: "Überall, wo wir die Turnierform ausprobiert haben, waren die Reaktionen positiv." Für ihn hat die angestrebte flächendeckende Revolution des DFB daher ausschließlich mit Überzeugungsarbeit zu tun: "Man muss die Leute an der Basis einbinden."

Um das zu gewährleisten, hat sich Weißmann in der Vergangenheit bemüht, neue Fachleute an der Basis unterzubringen. "Wir haben Minifußball-Beauftragte in allen Fußballkreisen des Verbandes installiert. Leute, die mit dem Thema etwas anfangen können und die anderen an der Basis überzeugen."

Lübeck macht nicht mit

Genau diesen Weg will der DFB nun verstärkt einschlagen: In den vergangenen Wochen wurde eine Offensive auch im Netz gestartet, man ging mit Informationen und Arbeitsmaterial gezielt auf Funktionäre, Trainer und örtliche Pressevertreter zu. Resultat: Kam es bis 2019 bundesweit nur vereinzelt zu Test-Turnieren nach "Funino"-Beispiel, werden Pilotveranstaltungen ab 2021 in allen 21 Landesverbänden durchgeführt. 

Wie steinig der DFB-Weg hin zu flächendeckender Umsetzung seiner Idee ist, beweist das Beispiel in Lübeck. Dort sagt Kreisvorsitzender Peter Reinecker: "Nein, unsere Vereine haben sich gegen "Funino" entschieden. Wir bleiben bei unserem Ligensystem."

Stand: 11.11.2020, 04:00

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