Doping: heimliche Menschenversuche im DDR-Sport

Menschenversuche: die heimlichen Experimente im DDR-Sport Sportschau 26.02.2021 36:26 Min. Verfügbar bis 26.02.2022 Das Erste

Neuer Aspekt im systematischen Doping

Doping: heimliche Menschenversuche im DDR-Sport

Von Hajo Seppelt, Josef Opfermann und Jörg Mebus

In der DDR wurden Profisportler systematisch gedopt, das ist zu guten Teilen aufgearbeitet. ARD-Recherchen zeigen nun, dass an Freizeitsportlern regelrechte Menschenversuche durchgeführt wurden.

Die geheimen Experimente im DDR-Sport

Die geheimen Experimente im DDR-Sport

Es ist ruhig geworden um das Staatsdoping in der DDR. Die Prozesse gegen die Drahtzieher sind heute sporthistorische Fußnoten, zahlreiche Täter identifiziert. Unter vielen Athlet:innen, die von der systematischen Hormonmast betroffenen waren, verschwimmen die Grenzen zwischen Opfern, Mitläufern und Mittätern.

Die Politik schließt nach zwei Gesetzesinitiativen für DDR-Dopingopfer weitere Hilfspakete aus. Das dunkelste Kapitel des deutschen Sports seit Ende des Zweiten Weltkriegs – für viele scheint es abgehakt.

Recherchen der ARD-Dopingredaktion zeigen nun einen neuen Aspekt: In der DDR wurden bis zur Wende Freizeitsportler als Versuchskaninchen für Experimente missbraucht. Sie hatten Eingriffe auszuhalten, die die Drahtzieher des Staatsdopings ihren Stars nicht zumuten wollten. Menschenversuche für Medaillen.

"Es sollte alles benannt werden"

"Niemand wusste, dass es Leute wie mich gegeben hat, die Testpiloten für irgendwelche Mittel waren", sagt Hans-Albrecht Kühne. Der ehemalige Hobbyläufer, heute 69 Jahre alt, erzählt in der Dokumentation "Menschenversuche - Die heimlichen Experimente im DDR-Sport" aus der Reihe "Geheimsache Doping" seine Geschichte.

Geheimsache Doping: Menschenversuche an DDR-Freizeitsportlern

Sportschau 26.02.2021 02:33 Min. Verfügbar bis 26.02.2022 ARD Von Peter Wozny


Kühne diente als so genannter Volkssportproband am Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) in Leipzig. "Es ist mir sehr wichtig, dass man darüber spricht", sagt er. "Es sollte alles benannt werden, was zu diesem Kapitel gehört. Es gehört zum Gesamtbild des DDR-Leistungssports."

Extrem schmerzhafte Muskel- und Leberbiopsien

Von 1974 bis 1977 war Kühne Mitglied der "Forschungsgruppe Lauf" am FKS, die von dem Sportmediziner Hermann Buhl, einem ehemaligen Weltklasse-Hindernisläufer, geleitet wurde. Buhl starb 2014. Zum Standardprogramm in seiner Laufgruppe gehörte, sich zur Kontrolle von Stoffwechselprozessen extrem schmerzhaften Muskel- und Leberbiopsien zu unterziehen. Solche Biopsien sind in einer geheimen Filmproduktion des DDR-Fernsehens dokumentiert .

Der 1976 gedrehte Film, der der ARD-Dopingredaktion vorliegt, lief nie im Fernsehen. Er war ausschließlich für die Staatsführung, das SED-Politbüro bestimmt. Man sieht darin, wie sich Hans-Albrecht Kühne einer Biopsie unterzieht.

Hans-Albrecht Kühne: "Ich hatte Selbstmordgedanken" Sportschau 26.02.2021 07:29 Min. Verfügbar bis 26.02.2022 Das Erste

Kühne dokumentiert selbst

Doch bei dem Hobbyläufer und Journalistikstudenten Kühne erreichten die Versuche noch eine ganz andere Dimension. Obwohl Aufzeichnungen streng verboten waren, dokumentierte er seine Erlebnisse penibel in Tagebüchern, die er der ARD zur Verfügung stellte. Darin hat Kühne auch Vergaben der klinisch nicht zugelassenen "Steroidtestsubstanz" STS 648 notiert. Von dem anabolen Steroid Depot-Turinabol bekam Kühne den Aufzeichnungen zufolge im Jahr 1976 binnen sechs Monaten mindestens 1200 Milligramm gespritzt – das Vierfache der empfohlenen Maximaldosis.

Medaillen der Spartakiade

Darum ging es der DDR - möglichst viele Medaillen

Die Nebenwirkungen waren laut Kühne verheerend - starke Nierenschmerzen, Schwellungen der Hoden und blutige Verfärbungen des Ejakulats. Die seelischen Folgen waren noch gravierender: "Ich wurde depressiv und hatte Selbstmordgedanken." Bis heute leidet Kühne unter Depressionen. Die Biopsien zerstörten zudem das Lymphsystem in seinem linken Bein. Kühne ist bis an sein Lebensende auf medizinische Behandlungen angewiesen.

Versuche an "leistungsorientierten Volkssportlern"

Hans-Albrecht Kühne war kein Einzelfall. In der ARD-Dokumentation kommen weitere Testpersonen zu Wort. Recherchen in Stasi-Akten, Dissertationen und weiteren wissenschaftlichen Dokumenten belegen, dass es Experimente an Freizeitsportlern spätestens seit Beginn der Siebzigerjahre gab, vor allem in Leipzig im FKS. Unter anderem ist die Rede von Versuchen an "Studenten", "Sportlern im Nicht-Leistungstraining", "Volkssportprobanden", "leistungsorientierten Volkssportlern" oder auch an Soldaten der Nationalen Volksarmee. Häufig sind auch Dopingvergaben vermerkt.

Manfred Höppner, Cheforganisator des DDR-Dopingsystems, gab in seiner polizeilichen Beschuldigtenvernehmung, die der ARD vorliegt, im Oktober 1997 zu Protokoll: Die Trainer seien "mit Recht" der Auffassung, dass die Anwendung von neuen Dopingmitteln "zu risikohaft" sei. Deshalb habe sich das FKS dann Probanden aus Anschlusskadern gesucht, "oder tatsächlich aus dem Bereich des Freizeitsports."

Wohl "mehrere hundert" Betroffene

"Das ist ganz klar menschenrechtsverletzend gewesen", sagt Anne Drescher, Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur in Mecklenburg-Vorpommern. Drescher forscht seit Jahren auch zu Betroffenen aus dem Sport.

Die Versuchsreihen in Leipzig und anderswo sind für sie noch Neuland, aber basierend auf den nun vorliegenden Erkenntnissen sagt sie: "Wenn wir davon ausgehen, dass über einen Zeitraum von etwa 20 Jahren am FKS Forschungskonzeptionen in einer großen Fülle entwickelt und durchgeführt wurden, dann reden wir hier nicht von Einzelpersonen, sondern von mehreren hundert", sagt Drescher.

Stand: 26.02.2021, 06:00

Darstellung: