Handschuhpflicht und Lunchpaket - wie der Wintersport die Weltcups sichern will

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Hygieneregeln

Handschuhpflicht und Lunchpaket - wie der Wintersport die Weltcups sichern will

Von Dirk Hofmeister

Was bei der Fußball-Bundesliga in Zeiten der Corona-Pandemie funktioniert, soll auch beim weniger finanzstarken Wintersport klappen. Mit ausgeklügelten Hygiene-Konzepten sollen Sportler und Zuschauer vor Infektionen geschützt werden. Und natürlich sollen alle Weltcups stattfinden. Wie kann das gehen?

Fabian Rießle musste kurz überlegen, dann lachte er. Der viermalige Olympiamedaillengewinner und dreimalige Weltmeister in der Nordischen Kombination wurde gefragt, wie groß die Wahrscheinlichkeit sei, dass er einen möglichen Staffelsieg bei der Heim-WM im Februar in Oberstdorf mit ausgelassenen Umarmungen feiern werde. "Es kann schon sein, dass die Emotionen dann durchbrechen", sagte Rießle, und ergänzte: "Aber ich hoffe, dass dann schnell unsere Betreuer kommen und uns erinnern, dass wir die Füße stillhalten sollen."

Kein gemeinsames Jubeln, keine Umarmungen

Gemeinsames Jubeln, Händeschütteln oder Umarmungen - das sollen Rießle und die anderen Wintersportler in diesem Winter lieber bleiben lassen. So schreibt es der Deutsche Ski-Verband in den "Leitlinien Infektionsschutz" vor. Aufbauend auf einem vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) entwickelten Hygiene-Rahmenkonzept für seine 90.000 Vereine hat der DSV in einem 40-seitigen Papier für den Wintersport angepasste Hygienerichtlinien formuliert. So sollen die Skisportler möglichst ohne Corona-Infektion durch den Winter kommen.

DSV-Geschäftsführer Stefan Schwarzbach erklärt: "Wir haben jetzt verbindliche Leitplanken, an denen sich der deutsche Sport orientieren kann." Dafür habe man die Agentur beauftragt, die das Hygiene-Konzept für die Fußball-Bundesliga entwickelt hat. Damit habe der DSV in einem dreistufigen Modell mit den DOSB-Vorgaben als Basis und den regionalen Anpassungen als Spitze das Mittelstück ausgefüllt, erklärt Schwarzbach. "Mit dieser einheitlichen Vorgehensweise vermeiden wir den berühmten Flickenteppich".

Speiseräume bei der FIS - Lunchpakete bei der IBU

So ist ein Konzept entstanden, das verpflichtende Hygieneregeln aufnimmt wie Mund-Nasen-Schutz oder Mindestabstand, das aber auch sportartenspezifische Regeln definiert. Dazu gehört eine Handschuhpflicht für die Skicrosser im Startgate, Vorgaben für die Nordischen Kombinierer beim Benutzen von Shuttles zum Langlaufstadion oder Festlegungen für Alpin-Rennfahrer oder Skispringer beim Benutzen eines Liftes.

Dazu werden Regeln der Weltverbände aufgenommen. Beispiel Verpflegung: Der Ski-Weltverband FIS fordert einen Speisebereich für Sportler in den Stadien, der Biathon-Weltverband IBU untersagt das Essen im Stadion, die Sportler sollen für unterwegs lieber Lunchpakete bekommen.

Peiffer und Lesser - bis Weihnachen in der Mini-Blase

"Unser Verband hat sich da richtig Gedanken gemacht", sagt Biathlet Arnd Peiffer. Der Niedersachse ist derzeit noch bei einem Lehrgang im finnischen Muonio und wird bis zum Vorweihnachts-Weltcup in Hochfilzen in einer Mini-Blase fast ausschließlich Kontakt zu Zimmerkollege Erik Lesser haben. Beim Essen, beim Krafttraining, bei der Ski-Auswahl - überall sollen die Kontakte reduziert werden.

Der Sportschau-Olympia-Podcast #9 - Der Winter naht

Sportschau 17.11.2020 52:56 Min. Verfügbar bis 17.11.2021 ARD


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"Wir halten alle Regeln minutiös ein. Wir müssen hier auch Vorbild sein", sagt Andreas Bauer, Skisprung-Bundestrainer der Frauen, der seinen Sportlerinnen über den DSV-Katalog hinaus empfiehlt. "Meine Athletinnen sollen die sozialen Kontakte auf ein Minimum reduzieren und auf die Familie beschränken."

Langlauf-Bundestrainer Peter Schlickenrieder sagt: "Wir bilden Fahrgemeinschaften mit immer gleichen Kleingruppen. In Bussen und Liften werden immer FFP2 oder FFP3-Masken getragen." Und: "Kein Athlet, der nicht einen negativen Test hat, fährt zu einem Lehrgang."

Blase plus Test plus Hygiene ... plus Reisen?

Bisher scheint das Konzept zu funktionieren. Vor dem am kommenden Wochenende startenden Wintersport-Weltcup wurde nur die Corona-Infektion eines Nachwuchs-Alpin-Fahrers bekannt. Der Knackpunkt, das weiß auch Jürgen Galler, Bundestrainer der Alpin-Frauen, ist die Reisetätigkeit. "Spannend wird es jetzt, wenn der Winter losgeht und alle reisen. Diesen Prozess zu koordinieren, das wird ein Riesending, wie wir es noch nie gehabt haben."

Um die Reisetätigkeit zu sichern, gehen die Verbände unterschiedliche Wege. Der Ski-Weltverband FIS setzt auf gemeinsame Charterflüge - und reduzierte Kontakte durch das Zusammenstreichen von Weltcups. So werden im finnischen Levi nur die Frauen fahren und nicht wie in den Jahren zuvor beide Geschlechter. Beim Bob, Skeleton und Rodeln fehlen zumindest bis zum Ende des Jahres die Sportler aus Übersee - die kanadischen und US-amerikanischen Nationalverbände haben entschieden, dass es keine gute Idee ist, mitten in der Pandemie nach Europa zu reisen.

Tests, Tests, Tests

Der Biathlon-Weltverband IBU hat den Kalender zusammengestrichen - die Anzahl der Weltcuporte wurde reduziert, die meisten Wettkämpfe finden jetzt zwei Wochen lang am Stück statt. Für die Reise vom finnischen Kontiolahti im Dezember nach Hochfilzen wurden Charterflüge gebucht. Wenn es im Januar von Oberhof ins italienische Antholz geht, will der Biathlon-Tross das mit Kleinbussen bewältigen. Und auch die IBU setzt darauf, "dass der Sport im Inneren einer so genannten Eventblase stattfinden kann, damit nicht so viel ‘Ansteckungspotential’ in die Blase reinkommt", erklärt Felix Bitterling, Sportdirektor der IBU, im Sportschau-Gespräch.

Um Fälle schnell entdecken und Infektionsketten nachvollziehen zu können, setzen sowohl DSV als auch IBU auf Tests. Der Skiverband plant mit Zusatzkosten von rund einer Million Euro für die Saison und hat dafür bereits "die notwendigen Testkapazitäten geblockt", wie DSV-Geschäftsführer Schwarzbach erklärt: "Und zwar unter der klaren Maßgabe, dass wir auf gar keinen Fall Testkapazitäten belegen, die unter Umständen notwendig sind, um andernorts Leben zu retten." Der Biathlon-Verband geht von Pandemie-Extrakosten von vier bis fünf Millionen Euro aus und leistet sich ein eigenes Testlabor: "Wir haben Fachleute, die die Tests machen. Wir haben im Prinzip ein Labor, das mit uns mitreist", erklärt Bitterling.

Fragezeichen und Unsicherheiten bleiben

Dennoch bleiben Fragezeichen. Bei welcher Infektionsrate Wettkämpfe abgesagt werden, zum Beispiel. "Wir haben da keine starre Zahl", sagt Bitterling. Letzlich sei es immer eine Entscheidung regionaler Behörden, ob die Veranstaltungen stattfinden. Man habe mit dem Covid-19-Eventkonzept eine gute Grundlage geschaffen, so Bitterling.

Sportlich bleibt die Frage nach der Wertigkeit eines Gesamt-Weltcups. Die Rodel-Gesamt-Weltcupsiegerin des Vorjahres, Julia Taubitz, prognostiziert: "Im Gesamt-Weltcup werden wir immer wieder Corona-positive Fälle haben, die Sportler fehlen dann zwei Wochen und können keine Punkte sammeln." Daher liege ihr Fokus auf der WM im Februar.

System bleibt fragil

Wie fragil das ganze System ist, zeigt sich im Bob und Skeleton. Mit rund 1.000 Tests wollte der Bob- und Schlittenverband sicherstellen, dass die "BSD-Blase" coronafrei zum Weltcupauftakt nach Sigulda reist. In Lettland wurden nun aber Corona-Fälle bekannt - mutmaßlich von Sportlern anderer Länder. "Genau diese Unsicherheit fliegt jetzt mit durch die Weltcups", sagte Spies.

Bisher gehen die Veranstalter davon aus, dass die Weltcups stattfinden - was übrigens auch für das finanzielle Überleben essenziell ist. Und so jubelt Fabian Rießle bei der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf vielleicht gar nicht zwingend wegen einer Medaille - sondern, weil die Wettbewerbe überhaupt stattfinden.

Stand: 18.11.2020, 13:33

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