Klimawandel bereitet Skispringern Sorge

Die Schanzenanlage in Oberstdorf am 28.12.2015

Wintersport

Klimawandel bereitet Skispringern Sorge

Schnee war bei der 68. Vierschanzentournee ein kostbares Gut. Wie sieht die Zukunft des Skispringens aus? In Zeiten des Klimawandels könnte sie möglicherweise auf Matten liegen.

Oberstdorf kratzte Schnee von Parkplätzen zusammen, Innsbruck begann die Schanzen-Präparierung bei 17 Grad, auch an den übrigen Stationen prägten grüne Bäume statt weißer Bergwelten das Bild: Schnee war bei der 68. Vierschanzentournee ein kostbares, weil immer selteneres Gut. "Natürlich machen wir uns Sorgen", sagte Norwegens Cheftrainer Alexander Stöckl, der in Zeiten des Klimawandels wie viele Kollegen um die Zukunft des Skispringens fürchtet.

Skispringen bald (nur noch) als Sommersport?

Dabei geht es den Weitenjägern noch vergleichsweise gut: Zwar fiel während der fast zweiwöchigen Tournee keine einzige Flocke vom Himmel, dank Kunstschnee, der inzwischen bewährten Eisspuren und "Schnee von gestern" aus dem Umland war kein einziger Wettkampf in Gefahr. Theoretisch wäre es möglich, dass Skispringen in Zukunft sogar zur Sommersportart wird: Längst gibt es eine Serie an Mattenspringen ab August, die bis zu 10.000 Zuschauer an die Schanzen lockt. Wird die Tournee also bald auf Matten ausgetragen? Stöckl will das nicht ausschließen. "Man sagt, Skispringen soll in einer Winterlandschaft stattfinden. Aber ich glaube, das können wir uns in 20, 30 Jahren abschminken", sagte der Österreicher der Tiroler Tageszeitung. Seine Prognose: "Der Internationale Skiverband wird sich irgendwann überlegen müssen, auf Mattenspringen umzustellen. Das ist eine Grundsatzentscheidung."

Richard Freitag beim Sommerskispringen in Hinterzarten

Richard Freitag beim Sommerskispringen in Hinterzarten

Zahlen bestätigen Befürchtungen

Tatsächlich gibt es bereits weiße, beschichtete Matten, die dem Schneegefühl nahe kommen und auf Schanzen mit Weiten bis zu 70 Meter getestet werden. Ob Fans jedoch im Winter wirklich "Plastik-Wettkämpfe" sehen wollen, ist fraglich. "Dann geht sicher viel verloren von der Stimmung. Damit müssen wir leben, denn es wird nicht mehr besser, nur noch schlechter", so Stöckl.

Neu ist eine Tournee ohne Schnee indes nicht. "In Oberstdorf haben wir uns früher schon zwischen den Krokussen aufgewärmt", sagte Österreichs Cheftrainer Andreas Felder. Auch Weltmeister Markus Eisenbichler meinte: "Wenn ich meinen Dad frage, sagt er, früher hat es auch schon so Winter gegeben." Doch der Trend ist nicht zu verleugnen. "Das Klima ist wärmer geworden, das ist so", sagt auch Eisenbichler.

Das bestätigen auch die nackten Zahlen. Alle zehn Jahre wird die Schneesaison um mehr als fünf Tage kürzer, stellte der Weltklimarat im September 2019 fest. Seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts nehmen auf der Nordhalbkugel Schneefälle ab. In der laufenden Weltcupsaison war das in Wisla, Klingenthal und Engelberg zu sehen, nirgends lag abseits der Schanze Schnee. Einzig am finnischen Polarkreis in Kuusamo sowie im russischen Nischni Tagil kam so etwas wie Winterstimmung auf.

Karl Geiger

Karl Geiger beim Springen in Finnland

Kleinere Ausrichter kapitulieren bereits

Während Innsbruck das Bergiselspringen mit 246 Lkw-Ladungen Schnee rettete, müssen kleinere Ausrichter kapitulieren. Im Continental Cup, der zweiten Liga des Skispringens, fielen zuletzt die Wettkämpfe in Engelberg und Titisee-Neustadt aus. Anders als die alpinen Kollegen können die Springer auch nicht in höhere Lagen ausweichen. Die höchstgelegene Weltcupschanze steht derzeit im italienischen Predazzo auf 1018 Meter.

Und so sieht die Zukunft offenbar wenig rosig aus. "Man glaubt immer noch: Nächstes Jahr wird sicher wieder ein besserer Winter", sagte Alexander Stöckl im Dezember in Engelberg, als das Thermometer 17 Grad zeigte.

Thema in: Wintersport im Ersten, 06.01.2020, Ab 17.15 Uhr

ten/sid | Stand: 07.01.2020, 08:00

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