Dreikampf um den Tournee-Gesamtsieg – wer hat die besten Chancen?

Skispringen, Vierschanzentournee, Karl Geiger, Ryoyu Kobayashi, Dawid Kubacki (v.l.n.r.) nach dem Springen in Oberstdorf

Halbzeit bei der Vierschanzentournee

Dreikampf um den Tournee-Gesamtsieg – wer hat die besten Chancen?

Von Dirk Hofmeister

Da waren es nur noch drei. Nach dem zweiten Springen bei der Vierschanzentournee ist der Kreis der Favoriten auf den Gesamtsieg auf ein Trio geschrumpft. Erweist sich Karl Geiger als "Karl der Große"? Wiederholt Ryoyu Kobayashi seinen Vorjahrstriumph? Oder setzt sich Außenseiter Dawid Kubacki aus Polen durch? Wir haben bei dem Trio den Formcheck gemacht.

Die Zahlen

Zur Halbzeit der Tournee führt Vorjahressieger Ryoyu Kobayashi aus Japan mit 587,2 Punkten vor Karl Geiger aus Oberstdorf (580,9 Punkte) und Dawid Kubacki aus Polen (578,7 Punkte). Umgerechnet in Metern hat Geiger vor den abschließenden beiden Springen einen Rückstand von etwa 3,5 Metern auf Spitzenreiter Kobayashi, Kubacki liegt etwa fünf Meter hinter dem Japaner.

Die weitere Konkurrenz um Garmisch-Sieger Marius Lindvik aus Norwegen liegt mit rund 20 Punkten Rückstand auf Kobayashi schon deutlicher abgeschlagen.

Die Form der Top-Springer, Stärken und Schwächen

Skispringen, Vierschanzentournee - Der Goldene Adler, die Trophäe des Gesamtsiegers

Ryoyu Kobayashi – der Gejagte

Der wortkarge Japaner bleibt der Top-Favorit auf den Tournee-Gesamtsieg. Auch wenn seine Erfolgsserie beendet ist und er den alleinigen Rekord von sechs Tournee-Siegen in Serie verpasst hat. Kobayashis Stärken liegen ganz klar im phänomenal explosiven Übergang von der Schanze ins Fliegen. So schnell und so aggressiv wie er kommt sonst niemand vom Bakken weg. Nervenstärke zeigte der 23-Jährige zudem beim zweiten Sprung von Garmisch, als er einen schwächeren ersten Sprung mit einem 141-Meter-Satz konterte.

Doch, auch das zeigt die Tournee in diesem Jahr: "Ein Zauberer ist er nicht", wie Karl Geiger es schon in Oberstdorf wusste. Anders als noch im Vorjahr, als er den "Grand Slam" von vier Siegen in den vier Springen schaffte, ist Kobayashi in diesem Jahr anfälliger. Sein riskant-aggressives Sprungsystem provoziert Fehler, wie beispielsweise bei den Probedurchgängen oder dem ersten Wertungssprung von Garmisch. Da war der Japaner zu zeitig am Tisch und konnte sein System nicht perfekt ins Fliegen bringen. Mit der kommenden Schanze in Innsbruck verbindet Kobayashi gemischte Gefühle. Hier siegte er vor einem Jahr bei der Tournee, blieb bei der WM im Februar aber ohne Medaille.

Karl Geiger – "Karl der Große"?

Karl Geiger

Geiger: "Will schon angreifen"

Zuverlässig, cool, nervenstark wie nie und bescheiden wie seit jeher. Karl Geiger tritt in diesen Tagen endgültig aus der zweiten Skisprung-Reihe. Der 26-Jährige überzeugte bei der Tournee bisher mit zwei zweiten Plätzen und war für Bundestrainer Stefan Horngacher "in Garmisch sogar der Sieger. Nicht auf dem Papier, aber er war der beste Springer. Was Karl macht, ist außergewöhnlich. Wir sind froh, dass wir einen Mann haben, der ganz vorne auf dem Level mithalten kann", sagte der Österreicher einen Tag nach dem Neujahrsspringen am Donnerstag (2.1.2020).

Die Stärken Geigers liegen in seiner Konstanz und Ruhe. In den vergangenen Jahren ist der Oberstdorfer dank akribischer und disziplinierter Arbeit zum Podestspringer gereift. Ein Sprücheklopfer ist Geiger nicht – auch wenn er zur Halbzeit der Tournee selbstbewusst verkündet: "Ich will schon angreifen. Meine Kontrahenten zaubern alle nicht und kochen auch nur mit Wasser."

Dass Zeug zum Siegspringer hat Geiger, der bisher zwei Weltcupsiege feierte. Und bisher hat der den Trubel um seine Person bei der Tournee gut ausblenden können. Dass Geiger in seiner achten Weltcup-Saison tatsächlich zum Tournee-Sieger gereift ist, muss er aber noch unter Beweis stellen. Ähnlich wie Kobayashi hat auch Geiger gemischte Erinnerungen an die kommende Tournee-Station in Innsbruck: Bei der Tournee von einem Jahr wurde er nur 24., bei der WM feierte er dafür Einzel-Silber und Mannschafts-Gold. Geiger greift nach dem ersten deutschen Tournee-Sieg seit 18 Jahren – das Vokabular von 2002-Sieger Sven Hannawald hat er übrigens bereits übernommen. Er wolle "sein Zeug machen", betont Geiger immer wieder, so wie es einst Hannawald immer wieder sagte.

Dawid Kubacki – der Überraschungs-Mitfavorit

Dritter in Oberstdorf, Dritter in Garmisch, Dritter in der Gesamtwertung – Dawid Kubacki ist die positive Überraschung der Tournee. Der 29-Jährige wird in der polnischen Mannschaft wegen seiner Zuverlässigkeit in Team-Wettbewerben geschätzt. In Einzelspringen war Kubacki bisher nur für sporadische Erfolge bekannt – wie bei seinem überraschenden WM-Gold von der Normalschanze in Seefeld 2019.

Die Stärken des Team-Olympiadritten liegen im kraftvollen Absprung, mit dem er an der Schanze schnell Höhe gewinnt. Wenn er den Absprung gut erwischt, trägt es ihn weit. Ein Flugkünstler ist Kubacki dagegen nicht. Zudem verzichtet er auf den so genannten "polnischen Wunderschuh", eine maßgeschneiderte Fußbekleidung, die die Verbindung zwischen Ski und Athleten verbessern soll. Mit Erfolg, Kubackis "Wunderschuh"-Kollegen Kamil Stoch und Maciej Kot sind bei der Tournee weit entfernt von den Top-Platzierungen.

Das Potenzial von Kubacki sieht auch sein langjähriger Trainer Stefan Horngacher, der jetzt das deutsche Team betreut. Allerdings, so sagte Horngacher am Donnerstag, "schätze ich Karl Geiger derzeit noch höher ein." Kubacki selbst bleibt gelassen: "Ich freue mich, dass sich meine harte Arbeit jetzt auszahlt", sagte er nach dem Neujahrsspringen. "Jetzt schaue ich auf jedes Einzelspringen, nicht auf die Gesamtwertung."

Innsbruck: Jubel bei Kobayashi und Geiger

Blick auf Innsbruck bei der Nordischen Ski-WM 2019

Blick auf Innsbruck bei der Nordischen Ski-WM 2019

Die Schanze in Innsbruck ist mit einer Hillsize von 130 Metern die kleinste Schanze der Tournee. Die Bergiselschanze ist recht windanfällig, im vergangenen Jahr erlebte Markus Eisenbichler auf Gesamt-Platz zwei liegend bei Föhnsturm einen bösen Absturz – für dieses Jahr ist aber glücklicherweise nur wenig Wind angesagt. Die Schanze kommt Springer mit einem guten Abdruck von der Schanze entgegen. Geiger und Kobayashi durften hier bereits 2019 bei WM und Tournee jubeln.

Bischofshofen: Kubacki hält Schanzenrekord

Die "Paul-Außerleitner-Schanze" beim Finale in Bischofshofen ist dagegen mit einem Hillsize von 140 Metern die größte Tournee-Schanze. Besonderheit der Schanze ist ein langer und flacher Anlauf. Den Schanzenrekord von 145 Metern stellte übrigens ein gewisser Dawid Kubacki bei der Quali für das Tournee-Springen 2019 auf. Es bleibt spannend im Kampf um den Tournee-Gesamtsieg.

Stand: 02.01.2020, 13:46

Darstellung: