Stefan Horngacher - Einen neuen Jens Weißflog haben wir nicht

Stefan Horngacher

Interview mit dem Skisprung-Bundestrainer

Stefan Horngacher - Einen neuen Jens Weißflog haben wir nicht

Von Sanny Stephan & Ronny Eichhorn

Stefan Horngacher ist seit dem Sommer Trainer der deutschen Skispringer. Im Interview mit sportschau.de spricht er u.a. über Gründe für den Wechsel, über Werner Schuster, Ambitionen seiner Sportler, Comebackpläne von Freund, Wellinger und Siegel, den deutschen Nachwuchs und die Gefährlichkeit der Sportart.

Frage: Willkommen zurück in Deutschland. Wie waren die ersten Monate als Cheftrainer der deutschen Ski-Adler?

Stefan Horngacher: "Sie waren sehr intensiv für mich, aber auch schön, wieder zurück zu sein - in Deutschland und beim Deutschen Skiverband. Die ersten Wochen waren voll von Planungen, Strukturierungen und Neuerungen."

Wie groß war die Freude in der Familie, dass der Papa und Ehemann nicht mehr die extrem weiten Wege fahren muss? Zumindest außerhalb der Wettkämpfe …

Horngacher: "Die Familie ist sehr froh, dass ich in Deutschland zurück bin, Kinder und Frau freuen sich, wenn der Papa wieder da ist."

Sie haben gesagt, es war immer Ihr Wunsch wieder zum Deutschen Skiverband zurückzukehren. Können Sie Ihre Gefühle beschreiben, als die Anfrage kam?

Horngacher: "Es war etwas dubios, weil Werner (Schuster - bisheriger Bundestrainer, d.Red.) ziemlich früh seinen Rücktritt bekannt gegeben hat. Danach waren lange viele Spekulationen im Raum. Ich habe im Laufe der Zeit einen Anruf vom Deutschen Skiverband bekommen, die Gespräche wollte ich aber erst nach der WM führen. So war es dann auch und dann ging alles relativ schnell."

Stefan Horngacher: "Lust hat man immer" Sportschau 02.02.2019 01:27 Min. Verfügbar bis 02.02.2020 Das Erste

Viele sprechen ja von den großen Spuren, die Werner Schuster hinterlassen hat. Aber Sie sind in ihren drei Jahren in Polen Olympiasieger, Vierschanzentourneesieger und Weltcup-Gesamtsieger geworden. Mehr geht eigentlich kaum. Mit diesen Erfolgen im Rücken könnten Sie Ihre Aufgabe beim DSV eigentlich recht entspannt angehen?

Horngacher: "Die Erfolge sind vorbei. Wenn man weiter erfolgreich sein will, muss man weiter nach vorn gehen. Was in Polen war, ist Geschichte. Das war sicherlich sehr gut und eine coole Zeit für mich. Ich versuche jetzt, meine Erfahrungen der letzten drei Jahre einzubringen. Es ist aber eine andere Situation und man kann nicht davon ausgehen, dass wir in kürzester Zeit den gleichen Erfolg haben werden wie in Polen. Aber auf lange Sicht ist es unser Ziel, mit dem gesamten Team erfolgreich zu sein."

Sie waren jahrelang Assistenztrainer unter Werner Schuster. Was hat ihn ausgezeichnet und was machen Sie anders?

Stefan Horngacher und Werner Schuster

Horngacher: "Werner war ein guter Lenker und Leiter vom ganzen Team. Er hat immer gute Visionen gehabt, hat nach vorn geschaut und den Überblick nie verloren. Ich schau natürlich auch nach links und rechts, bin aber 100 Prozent fokussiert auf uns. Ich bin mehr so der Trainertyp, der alles von den Athleten wissen will und danach versucht, anhand von den Daten und Meldungen ein anständiges Paket für jeden Athleten zu schnüren und anständig zu coachen."

Ist der Druck in Deutschland größer als in Polen, erfolgreiche Skispringer an den Start zu bringen?

Horngacher: (lacht) "Nein, in Polen ist es noch krasser."

Stichwort Verletzungen im Kniebereich – wie gefährlich ist das Skispringen derzeit?

Horngacher: "Es ist so gefährlich wie immer. Die Fliegerei ist stabiler geworden, das ist aber auf Kosten der Landung gegangen. Man kann Stürze und Verletzungen nicht komplett verhindern, aber man kann prophylaktisch im Training und beim Material Dinge einbauen, um die Verletzungsgefahr zu minimieren. Knieverletzungen rücken leider gerade in den Vordergrund. Wir sind dran, dagegen zu steuern. Aber eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht."

Mit schweren Knieverletzungen kennt sich Severin Freund aus. Wie ist der Stand, schafft er es zurück in die absolute Weltspitze?

Horngacher: "Wenn sein Körper fit ist, ist Severin definitiv ein Skispringer, der den Sprung zurück schaffen kann. Allerdings hat er aktuell wieder kleinere Probleme und muss eine Pause machen. Wir müssen schauen, wie es bei ihm in den nächsten Wochen weitergeht. Beim Weltcupstart wird er sicher nicht dabei sein."

Ein kranker Patient ist auch Andreas Wellinger, der nach seinem schweren Sturz im Sommertraining einen Kreuzbandriss im rechten Knie erlitten hat. Wie geht es ihm und wann können wir wieder mit ihm rechnen?

Horngacher: "Andi wird diese Saison sicher nicht auftauchen. Er macht in der Reha gute Fortschritte, aber schnell-schnell macht in dieser Saison keinen Sinn. Ziel muss es sein, ihn für nächstes Jahr und die WM in Oberstdorf wieder fit zu bekommen."

Dritter Kreuzbandriss im Bunde: David Siegel. Fällt auch er den gesamten Winter aus?

Horngacher: "Das ist schwer zu sagen. Seine Verletzungen waren intensiver, als die von Andi Wellinger. Er ist im Therapietraining, aber auf der Schanze ist er noch nicht."

Es gibt zum Glück auch Springer, die die Saison unverletzt überstanden haben. Karl Geiger zum Beispiel. Er wurde in der letzten Saison immer besser und überzeugte als Gesamtfünfter im Sommer-Grand-Prix. Wird es seine Saison?

Horngacher: "Wir sind mit Karl auf dem richtigen Weg. Er hat sehr gut gearbeitet und sein Trainingsniveau deutlich gesteigert. Das war in der Vergangenheit nicht immer so. Da war das Training so lala und der Wettkampf überragend. Jetzt bringt er im Training schon gute Leistungen und wir hoffen, dass er im Wettkampf noch ein paar Stufen höher kommt."

Markus Eisenbichler war der deutsche Überflieger in der vergangenen Saison. Wo erwarten Sie ihn dieses Jahr? Geht da auch etwas in Sachen Weltcup-Gesamtsieg?

Horngacher: "Davon will ich noch nicht reden. Das zeigt sich meist im Laufe der Saison. Markus  hat in der Vorbereitung ein, zwei Rückschläge mit leichten Verletzungen gehabt, hat sich aber körperlich und technisch sehr gut entwickelt. Bei ihm geht es mehr darum, seinen emotionalen Zustand in den Griff zu bekommen, dann kann er auch seine Sprünge zeigen, die er draufhat."

Wie sieht es hinter den Topleuten aus? Als Martin Schmitt und Sven Hannawald große Erfolge feierten, hatte man es verpasst, den Nachwuchs an die Elite heranzuführen. Was kommt jetzt aus dem Nachwuchs nach, ist ein neuer Weißflog in Sicht? 

Horngacher: "Einen Jens haben wir momentan nicht, aber ein paar andere gute Springer, die viel Talent mitbringen. Constantin Schmid kämpft und arbeitet sehr gut. Er hat einen Schritt gemacht. Hinter ihm sind auch noch ein, zwei, drei Springer, die das gleiche Potential haben, aber noch nicht so in Erscheinung getreten sind, weil sie aus dem B-Kader gekommen sind."

Ist das Verletzungspech der Arrivierten das Glück der Nachwuchsspringer?

Horngacher: "So kann man es schon sagen. Was auf der einen Seite negativ ist, ist auf der anderen Seite positiv. Wir haben mehr Platz in der Mannschaft und können immer wieder junge Leute punktuell im Weltcup einsetzen. Das gibt uns Spielraum und ist sicher positiv für den Nachwuchs."

Mit welchen Zielen gehen Sie in die Saison?

Horngacher: "Erst einmal wollen wir die Dinge, die wir im Sommer trainiert und geübt haben, im Wettkampf umsetzen. Dann sehen wir, wo wir stehen und können immer noch die Feinjustierung machen. An Podestplätzen mache ich das nicht fest."

Der Schlüssel zum Erfolg mit der polnischen Mannschaft war nach Ihren Worten immer das "Team" und "harte Arbeit".

Horngacher: "Natürlich. Es geht auch nur so. Das ganze Team muss zusammenarbeiten. Alle müssen an einem Strang ziehen. Wenn das Team auf einem hohen Niveau ist, ist es auch für jeden Einzelnen einfacher, höhere Leistungen zu bringen."

Ihr Co-Trainer Michal Dolezal ist neuer Chefcoach der polnischen Mannschaft. Was trauen Sie dem Nachbarland in dieser Saison zu?

Horngacher: "Die Polen werden wieder ganz vorn sein. Sie haben hervorragende Springer und sind super strukturiert. Sie haben auch nicht viel umgeändert. Sie haben einen anderen Trainer, der aber prinzipiell so denkt wie ich."

Ryoyu Kobayashi war der Superstar der letzten Saison. Der Japaner gewann die Vierschanzentournee, die Raw-Air-Competition und den Gesamtweltcupsieg 2019. Was macht er besser als die meisten Konkurrenten?

Horngacher: "Er hat viele Dinge sehr gut gemacht, aber er war nicht unschlagbar. Karl Geiger hat ihn auch zweimal geschlagen. Jeder kocht mit Wasser. Ryoyu war gerade zur Vierschanzentournee in einem unglaublichen Flow, so ähnlich wie der Kamil Stoch vor zwei Jahren und dann können sich so außergewöhnliche Athleten schon mal absetzen."

Vielen Dank für das Gespräch!

Stand: 15.11.2019, 10:46

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