ARD-Experte Thoma: "Es gibt noch Ziele für Markus Eisenbichler"

ARD-Skisprung-Experte Dieter Thoma

Saisonauftakt der Skispringer

ARD-Experte Thoma: "Es gibt noch Ziele für Markus Eisenbichler"

Von Bernd Eberwein

Die Skispringer starten in die neue Weltcupsaison. Sportschau.de sprach mit ARD-Experte Dieter Thoma über den neuen Bundestrainer Stefan Horngacher, die Weiterentwicklung im deutschen Team und das Risiko Kreuzbandriss beim Skispringen.

Sportschau.de: Die deutschen Skispringer starten mit einem neuen Bundestrainer in die Saison: Stefan Horngacher. Du bist selbst noch gegen ihn gesprungen. Was für ein Typ ist er?

Dieter Thoma: "Er ist ein sehr akribischer, genauer, aufgabenorientierter harter Arbeiter. Als Trainer kann er mit wenigen Worten zielstrebig nah am Sportler dran sein, deren Charaktere kennenlernen und individuell mit der gesammelten Erfahrung und gelerntem Wissen bestmögliche Hilfestellung leisten.

Auch als Springer war er hart, aber fair. Auch gegenüber sich selbst. Ich konnte ihn als Sportler damals allerdings nicht so richtig greifen, jetzt schon. Erst als er ins Trainergeschäft eingestiegen ist habe ich ihn nie wirklich aus den Augen verloren.

Beim Österreichischen Skiverband unter Hannu Lepistö lernte er die harte Schule kennen, sammelte Erfahrung als Co-Trainer von Heinz Kuttin in Polen um dann nach Deutschland zu kommen und den Stützpunkt in Hinterzarten zu leiten. Er betreute drei Jahre lange den B-Kader, bevor er mit seinem jetzigen Vorgänger Werner Schuster dann 2011 in den A-Kader aufstieg.

2016 hatte er dann die Chance, erstmals als Cheftrainer in Polen ganzheitlich Verantwortung zu übernehmen, genutzt. Er kennt also alle Sportler und Systeme aus Deutschland, Polen und Österreich sehr genau und weiß um deren Stärken und Schwächen."

Was sind die Unterschiede zwischen dem Skispringen in Deutschland und in Polen?

Thoma: "In Polen sind der Zugang und die Umsetzung des Trainings sowie die Psychologie und die Mentalität anders als in Deutschland: Die Sportler machen überwiegend das, was der Trainer sagt. Wenn einmal ein Weg glaubhaft begründet und eingeschlagen ist, wird er mit aller Unterstützung, großem Respekt und Demut knallhart durchgeführt.

Die Deutschen, mich eingeschlossen, hinterfragen doch relativ viel - was ja auch O.k. ist. Allerdings kann der Zweifel am richtigen Weg manchmal hemmen und man fällt in das 'altbewährte' Systeme zurück. Hinterfragungen können aber auch die offene Diskussion um die zukünftigen Anforderungen im Skispringen aktiv in Schwung bringen.

Ich habe auch nicht immer alles geglaubt, was ich gehört habe, und wollte das immer selbst ergründen. Das dauert unter Umständen dann manchmal länger.

Dieses blinde Vertrauen hat sich Steff Horngacher in Polen erarbeitet und er kann sich langfristig gesehen auch in Deutschland durchsetzen. Die Sportler werden ihm vertrauen und wissen, dass er ein unermüdlicher Trainer ist, der auf jeden Fall von Person zu Person individuell das Beste herausfiltern will. Am Ende liegt es immer auch am Sportler selbst, wie er was aufnimmt und tatsächlich umsetzt."

Stefan Horngacher übernimmt bei den deutschen Herren ein funktionierendes Team. Muss er überhaupt viel verändern?

Thoma: "Im Prinzip könnte man natürlich ein eingefahrenes System übernehmen. Das wäre aber relativ 'einfach' und würde eventuell auch noch eine gewisse Zeit funktionieren. Das war aber nicht sein Ansatz.

Wie es auch im normalen Leben ist: Wenn etwas eingefahren ist, wenn der Alltag eingekehrt ist, lehnt man sich gedankenlos ein bisschen zurück. Man hat das Gefühl, man kennt schon alles, man weiß schon alles. So reagieren dann auch der Körper, der Geist und die Einstellung. Als Sportler brauchst du ständig neue Aufgaben und neue Reize, um dich weiter zu entwickeln. Ohne Ziele ist man überall verkehrt.

Skispringen ist technisch, körperlich und geistig hoch anspruchsvoll. Dazu kommen emotionale, nicht immer steuerbare durch Hormone verursachte Reaktionen und ganz unterschiedliche Grundwerte zum Tragen.

Diese 'Gefühlswelt' auf den Kopf zu stellen, ist manchmal sehr wichtig um dem Sportler etwas Neues zu geben, an dem er sich zusätzlich festhalten und orientieren kann. Es sind nicht nur die sichtbaren Fähigkeiten, sondern vor allem die inneren, versteckten und vielseitigen Stärken, die am Ende entscheiden, ob du dein erlerntes Handeln in Stesssituationen wirklich umsetzt.

Der Sport sieht nach außen hin zwar immer gleich aus. Aber in kleinen Nuancen entwickelt er sich immer weiter. Der 'perfekte Sprung oder Flug' ist nur eine gegenwärtige Erfahrung, die nicht wirklich gespeichert werden kann.

Genau da setzt die Arbeit von Bundestrainer Stefan Horngacher und seinem Team an: Ständig und stetig körperliche und geistige Herausforderungen zu stellen. Auf neue Wege muss sich ein Sportler eben erst einmal einstellen. Das Alte beiseitelassen - das ist nicht leicht, vor allem für die Sportler, die schon viele Jahre im Geschäft sind."

Stichwort Weiterentwicklung: Markus Eisenbichler war in der vergangenen Saison der Überflieger, hat den größten Schritt gemacht. Kann er auch in der neuen Saison so locker auftreten oder spürt er neuen Druck?

Thoma: "Man kann nur bedingt in einen Sportler hineinschauen. Den 'Druck' macht man sich hauptsächlich selbst. Grundsätzlich müsste man sich fragen, was Druck eigentlich wirklich ist und was er bewirkt. Es kann hemmen oder beflügeln.

Es kommt natürlich auch darauf an, wie stark man auf die Beeinflussung von außen reagiert. Das ist persönlich sehr unterschiedlich. Das beste Mittel ist, sich mit guten und weiten Sprüngen sportlich auf das zu konzentrieren, was man gelernt hat und am Besten kann. Einige Dinge muss man ausblenden.

Markus hat bewiesen, mit unterschiedlich schwierigen Situationen umzugehen und Höchstleistungen abzurufen. Daran kann man immer weiter arbeiten.

Klar: Markus Eisenbichler war jetzt Weltmeister, hat drei Gold Medaillen geholt, war supererfolgreich. Aber man darf nicht vergessen: Er hat 'nur' einen Weltcupsieg beim Skifliegen in Planica errungen, wurde guter Siebter im Gesamtweltcup. Er war Zweiter bei der Vierschanzentournee – das ist wirklich geil, richtig toll. Durch mehr Stabilität sind mit seiner Qualität an Einzelsprüngen auch weitere Titel möglich. Das war sicher ein großer Ansatzpunkt im Sommertraining.

Man darf aber auch nicht vergessen, dass diese ständigen weiten Sprünge auch Verletzungen hervorrufen können. Der Körper ist immer an der äußersten Grenze - er muss auch schauen, dass er körperlich gut durch die Saison kommt."

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Fehlende Stabilität, fehlende Konstanz - sind das die Hauptprobleme, nicht nur bei Eisenbichler, sondern generell bei den deutschen Skisprung-Herren, an denen Stefan Horngacher arbeiten muss?

Thoma: "Das ist nicht nur ein deutsches Phänomen, sondern betrifft die gesamte Weltelite. Natürlich vergleicht man das immer mit denen, die eine ganze Saison dominieren und vorne auf dem Podium stehen. Richtig konstant sind vielleicht ein Handvoll Springer. Man kann natürlich daran arbeiten.

Aber dieses Pflänzchen Skispringer, dass irgendwann mal das Wachsen angefangen hat, bekam über die Zeit ganz viele verschiedene Triebe. Und man kann sich - bildlich gesprochen - nicht nur oben auf die Blume konzentrieren und den Stamm vergessen. Die tief verankerten Wurzeln kommen immer wieder - gewollt oder ungewollt - zurück.

Die Wiederholbarkeit im Skispringen ist sehr, sehr schwierig. Da muss die Technik von Grund auf ganz stabil aufgebaut sein. Und das ist das, was ich meine: Die Technik ist sehr unterschiedlich über Jahre von verschiedenen Trainern aufgebaut worden. Durch die Weiterentwicklung aller skisprungspeziefischen Bereiche muss sich der Sportler immer wieder anpassen.

Verletzungen bringen dazu nicht nur den Körper an seine Grenzen, sondern es fehlt die Zeit die wichtigen Zwischenschritte aufzuholen. Was dazu führt, dass die 'Erinnerung' der Muskeln und auch des Unterbewusstseins manchmal wieder die alte Festplatte abspielt und die neue nicht zulässt - vor allem im Stresszustand."

Stabilität - bei den deutschen Damen anscheinend kein Problem. Katharina Althaus war im vergangenen Winter überragend. Nach der Verletzung von Carina Vogt die einzige Hoffnungsträgerin bei den Damen?

Thoma: "Nein. Juliane Seyfarth war ja Dritte im Gesamtweltcup, hätte fast Katharina noch eingeholt. Sie ist zum Ende des Jahres richtig in Schwung gekommen und hat den perfekten Skispringkörper, um eine Weltklasse-Skispringerin, vor allem auf großen Schanzen zu sein.

Katharina Althaus hat eine Super-Technik, die mir sehr, sehr gut gefällt. Für sie wird das Ziel sein, weiter an ihrer Stabilität, an ihrem Körper, auch an ihrer Technik zu arbeiten, damit sie vielleicht irgendwann am Ende im Gesamtweltcup ganz oben steht - was natürlich der Traum jedes Sportlers ist.

Aber Juliane Seyfarth kann da ein Wörtchen mitreden, da bin ich ganz sicher. Klar können einige Athletinnen aus Norwegen, Japan, Slowenien und Österreich auch sehr gut springen. Aber ich glaube, dass Damen-Bundestrainer Andreas Bauer trotz Ausfällen wieder ein gutes Team geformt hat.

Der Ausfall von Carina Vogt (Kreuzbandriss, Anm.d.Red.) ist natürlich ein Rückschlag, das müssen sie und das Team erstmal verdauen. Insgesamt sind mir Kreuzbandrisse zuletzt zu oft vorgekommen. Da machen sich natürlich auch die Sportlerinnen Gedanken, die noch keine Bandverletzungen hatten. Man muss auch gesund durch den Winter kommen."

Gesund, da denkt man an Svenja Würth, die eigentlich auch ganz vorne mitspringen kann - wenn sie mal verletzungsfrei bleibt.

Thoma: "Ja, auf jeden Fall. Großes Potential, aber Verletzungen helfen erstmal nicht. Vielleicht hilft ihr das Langlauftraining, wenn sie zweigleisig auch die nordische Kombination im Auge hat. Zudem können sich Verletzungen durch großen Ehrgeiz, Fleiß und erweiterte Anstrengungen im Ganzköpertraining wieder positiv auswirken.

Die Erinnerungen an Stürze tragen nicht unbedingt zur Sicherheit und Unbeschwertheit bei. Es kommt dabei auch auf den Grund an. Wichtig ist die Ursache ganz klar zu benennen und zu wissen, wie das Risiko einer Wiederholung minimiert wird. Der Verstand kann vieles regeln und mit der Erfahrung lernen.

Aber im tiefen Inneren ist diese gewisse Unsicherheit da, der Körper ist verletzbar. Ziel ist es, das aus dem Kopf zu kriegen, dann sind weitere Erfolge im Skispringen möglich."

Statistisch betrachtet zählt Skispringen zu den ungefährlicheren Sportarten. Gefühlt häufen sich aber Bänderverletzungen. Im deutschen Team muss neben Carina Vogt auch Olympiasieger Andreas Wellinger wegen einem Kreuzbandriss pausieren. Ist die Belastung im Skispringen in den vergangenen Jahren größer geworden?

Thoma: "Die Belastung hat sich seit 2010 verschoben. Im Prinzip ist die Entwicklung dahin forciert worden, dass man die Ski im Flug weniger aufkantet, dadurch mehr Fläche generiert, das Schuh-Ski-Bindungssystem stabilisiert, immer mehr Kontrolle über den Ski im Flug bekommt. 

Ziel ist, die symmetrische Aerodynamik zu verbessern, den schnellen, kraftvollen Übergang vom Absprung in den Flug ohne Geschwindigkeitsverlust immer weiter zu verbessert.

Das Problem ist, dass dieses Schuh-Ski-Bindungssystem nicht mehr für das Landen gedacht ist. Auch die Ski wurden für den Flug optimiert und sind durch die früh aufgebogenen Spitzen nicht mehr zum geradeaus fahren gut geeignet. Bei der Landung muss man im Prinzip auch wegen des gebogenen Bindungstabes X-beinig landen. Man ist immer außerhalb der normalen Achse.

Die Kräfte gehen dabei an der für den Absprung optimiert trainierten Muskulatur vorbei. Somit ist die schiefe Landung direktes Gift, vor allem für das Kreuzband. Durch die Keile, die man hinten in die Schuhe schiebt, drückt man den Unterschenkel immer weiter nach vorne. Durch den Hebeleffekt wird das Kreuzband relativ schnell stark belastet - und dann reißt irgendwann das schwächste Glied.

Stabilisierend kann das Training dahingehend verbessert werden, die Muskulatur um das Knie herum ganzheitlich zu stärken. Grundsätzlich wäre es besser, nicht außerhalb der Achse landen zu müssen. Dazu bräuchte man neue Regeln des Internationalen Skiverbands. Oder man muss darüber nachdenken, ob man jetzt weit springen will oder schön landen möchte. Beides zusammen scheint für die Gesundheit der Athleten zunehmend schwer vereinbar zu sein."

Zum Abschluss: Was sind Deine Höhepunkte des Winters? Wo werden Dich Skisprung-Fans im Ersten sehen?

Thoma: "Auf jeden Fall die Vierschanzentournee. Im Ersten übertragen wir Oberstdorf und Bischofshofen. Ich kriege Gänsehaut, wenn ich in diesem Winter daran denke. Denn genau vor 30 Jahren ist nicht 'nur' die Mauer gefallen, sondern ich durfte die Tournee gewinnen und das war natürlich ein besonderes Highlight in meinem Leben. Da gibt es sehr viele Emotionen, sehr viele Erinnerungen, die da hochkommen."

Vielen Dank für das Gespräch!

Stand: 21.11.2019, 12:22

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