Skispringen - "Kleinschanzen-Karle" fliegt nun allen davon

Karl Geiger bejubelt seinen Titel

Nach der Skiflug-WM

Skispringen - "Kleinschanzen-Karle" fliegt nun allen davon

Von Raphael Honndorf

Dass Karl Geiger Skispringen kann, war schon lange klar. Dass er nun aber auch auf den ganz großen Bakken vorne liegt, überrascht ein wenig, ist aber die logische Fortsetzung seiner Entwicklung.

Im deutschen Skisprung-Team duellieren sich zwei Athleten um die Rolle des Vorzeigefliegers. Räumte zu Saisonbeginn Markus Eisenbichler alles ab, steht nach seinem Triumph bei der Skiflug-WM plötzlich Karl Geiger im Vordergrund. Dass der Oberstdorfer Skispringen kann, war schon lange klar. Dass er nun aber auch auf den ganz großen Bakken vorne liegt, überrascht ein wenig, ist aber die logische Fortsetzung seiner Entwicklung. Der neue Skiflug-Weltmeister war selbst "einfach baff", wie er im Siegerinterview erklärte.

"Kleinschanzen-Karle" siegt auf der großen Anlage

Geiger haftete ein wenig das Image des Kleinschanzenspringers an. Nun aber der Coup auf der Letalnica: "Das hätte mir wohl keiner zugetraut – der 'Kleinschanzen-Karle' wird Skiflug-Weltmeister", sagte er mit einem breiten Grinsen. Und das Ganze auch noch beim Debüt bei einer Skiflug-WM. Vor zwei Jahren in seiner Heimat blieb ihm nur die Rolle des Zuschauers.

Dass Karl Geiger weit fliegen kann, hatte er schon im Teamspringen 2017 in Planica unter Beweis gestellt. Bei 243,5 Metern setzte er damals auf, diese persönliche Bestweite hat bis heute Bestand. Aber ein konstanter Wettkampf mit gleichwertigen Sprüngen, um die besten Flieger der Welt zu attackieren, gelang ihm nicht. Ein Podestplatz in der Königsdisziplin war dem 27-Jährigen bisher verwehrt geblieben, einmal kratzte Geiger in Bad Mitterndorf als Vierter um wenige Zehntelpunkte an den Top 3.

Minimalentscheidung bringt Geiger den Titel

Bis zum vergangenen Wochenende: Da krönte sich Geiger im slowenischen Tal der Schanzen zum Skiflug-Weltmeister. In einem an Spannung nicht zu überbietenden Schlussdurchgang behielt er mit 0,5 Punkten oder umgerechnet 40 Zentimetern (bei 936,5 Metern Gesamtweite in vier Durchgängen) die Oberhand über den Norweger Halvor Egner Granerud. Markus Eisenbichler rundete als Dritter ein perfektes deutsches Ergebnis ab. "Wir sind hergefahren mit einem Eisenbichler in Topform. Aber dann kommt der Karl aus der Kiste und holt den Weltmeistertitel – da fehlen einem die Worte", sagte Bundestrainer Stefan Horngacher im Anschluss.

Für Geiger ist der erste große Einzeltitel die logische Konsequenz einer jahrelangen positiven Entwicklung. Im Skiflug-Weltcup ging es für ihn seit 2018 stetig nach oben. Vom 24. Gesamtrang in der Saison 2017/18 auf Position 13 ein Jahr später. Die vergangene Saison schloss er gar als Fünfter ab. Dieser Aufschwung ist natürlich eng an seine Gesamtentwicklung geknüpft. Die Endplatzierungen im Weltcup seit 2016 lauten: 30, 18, 14, 10 und 2. Viel Steigerungspotential ist da nicht mehr.

Dritter WM-Titel für Geiger

Nach den beiden Team-Titeln bei der WM in Seefeld 2019 gehörte die Aufmerksamkeit bei der Siegerehrung diesmal Geiger ganz alleine. Mit seiner stetigen Leistungsverbesserung war es nur eine Frage der Zeit. Doch mit dem Erfolg kommt häufig auch Druck. Der WM-Titel macht ihn so natürlich zu einem Favoriten bei den anstehenden Großereignissen wie etwa der Vierschanzentournee rund um den Jahreswechsel. Ein Heimsieg in Oberstdorf wäre wohl das i-Tüpfelchen auf diesem aus sportlicher Sicht erfolgreichem Jahr für Geiger. Seit 2015 warten die Springer des DSV auf einen Heimsieg. Umso bitterer ist es, dass der Weltmeister dort dann nicht in der "brutalen Atmosphären" springen kann, die Zuschauer hätten ihn noch zusätzlich motiviert. Und dann folgt Ende Februar auch noch die Nordische Ski-WM an gleicher Stelle.

Geiger nun in einer illustren Runde

Der Bayer ist der sechste deutsche Skiflug-Weltmeister. Zuletzt war aus dem DSV-Team Severin Freund 2014 in Harrarov siegreich. Sven Hannawald konnte 2002 (Harrarov) gar seinen Titel von 2000 (Vikersund) verteidigen. Dieter Thoma stand 1990 in Vikersund ganz oben auf dem Podest. Zuvor waren bereits die DDR-Springer Klaus Ostwald (1983/Harrarov) und Hans-Georg Aschenbach bei der zweiten Auflage einer Skiflug-WM 1973 in Oberstdorf die besten Flieger.

"Perfekte Woche" für den Weltmeister und jungen Vater

Neben dem sportlichen Erfolg hat Geiger auch privat Grund zur Freude. Am Montag gab er über die sozialen Netzwerke die Geburt seiner Tochter Luisa bekannt. "Das war dann wohl diese perfekte Woche, von der immer erzählt wird! Danke, dass du und deine Mama auf mich gewartet habt!" Direkt nach der Mannschaftsentscheidung am Sonntag, wo Geiger sein fantastisches Wochenende mit der Silbermedaille im Team abgeschlossen hatte, ging es für ihn zurück zu seiner Frau. Man wird sehen, ob seine Tochter Auswirkungen auf das Schlafverhalten des jungen Vaters haben oder ihn noch mehr beflügeln wird. Sehr viel weiter kann es eigentlich nicht mehr gehen.

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Stand: 15.12.2020, 16:51

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