Bundestrainer Bauer hofft auf Vierschanzentournee für Frauen

Katharina Althaus

Skispringen | Interview

Bundestrainer Bauer hofft auf Vierschanzentournee für Frauen

Der Skisprung-Bundestrainer der Frauen ist nicht zu beneiden. Die ersten Weltcups sind abgesagt, und er hat Verletzungssorgen im Team. Doch Andreas Bauer hat auch Positives zu berichten.

sportschau.de: Anfang Dezember sollte die Skisprung-Saison für die Frauen beginnen. Doch Lillehammer ist abgesagt, ebenso wie die Weltcups in Sapporo und Zao. Die Skisprung-Frauen gehen wohl erst Ende Januar das erste Mal über die Schanze. Wie haben Sie diese Nachrichten aufgenommen?

Bauer: "Das macht mir Sorgen. Man braucht die Weltcups, um sich auf eine Nordische Ski-WM vorzubereiten. Und die wird mit Sicherheit stattfinden, auch ohne Zuschauer."

Was bedeuten die Absagen denn für Ihre Sportart?

Skisprung-Bundestrainer Andreas Bauer

Skisprung-Bundestrainer Andreas Bauer

Bauer: "Wir müssen jetzt unsere Vorbereitungszeit entsprechend verlängern. Ich sehe das mit einem weinenden Auge, weil sich meine beiden Spitzenathletinnen Katharina Althaus und Juliane Seyfarth in einer guten Form präsentieren. Aber es gibt mir auch die Möglichkeit, die immer noch verletzten Ramona Straub und Carina Vogt zu integrieren. Mit Blick auf die WM brauchen wir sie, um ein schlagkräftiges Team zu haben."

Die ganzen Absagen, das muss doch trotzdem frustrierend sein ...

Bauer: "Ich versuche meiner Mannschaft zu vermitteln, dass wir diese Dinge nicht beeinflussen können. Wenn eine Regierung in Japan sagt, wir können nicht springen, müssen wir das akzeptieren. Es werden die Athletinnen erfolgreich sein, die sich flexibel darauf einstellen. Ich habe meine Mannschaft so vorbereitet, dass es jede Woche Änderungen geben kann."

Die bereits erwähnten Straub und Vogt hatten sich 2019 Kreuzbandrisse zugezogen, Vogt hat sich in diesem Jahr erneut verletzt. Wie geht es den beiden? 

Bauer: "Wir sind das erst Mal Ende Juli, Anfang August gesprungen. Beide haben im Sommer aber immer wieder Rückschläge erlitten. Ramona Straub ist dann Anfang November in Oberstdorf wieder gesprungen. Das ging verhältnismäßig gut. Man sieht, dass sie schon einen guten Automatismus abgespeichert hat. Jetzt geht es darum, dass man Regelmäßigkeit und Sicherheit in die Sprünge bekommt."

Und Carina Vogt?

Bauer: "Sie hat ein unglaubliches Verletzungspech. Wir haben uns nach ihrem Kreuzbandriss ein Jahr Zeit gelassen. Sie war extrem fleißig in der Reha und Ende Juli topfit. So fit hab ich sie selten gesehen. Sie hat gleich im ersten Trainingslager den Anschluss gefunden an Althaus und Seyfarth. Wir waren richtig happy. Dann fährt sie nach Hause und knickt dort beim Spazierengehen um. Sie reißt sich das Außenband am Sprunggelenk, sieben Wochen ruhigstellen. Dann  war sie Anfang Oktober im Trainingslager dabei und ist wieder gut reingekommen. Doch ein paar Tage später hat sich im Knie eine Zyste gebildet. Zu allem Übel ist die Zyste dann auch noch geplatzt. Das Knie war voller Flüssigkeit und musste punktiert werden. Sie ist bis heute nicht gesprungen. Ich hoffe jede Woche, dass sie das Go für die Schanze bekommt."

Wer Carina Vogt über die Jahre beobachtet hat, kennt sie als mental starke Persönlichkeit ...

Bauer: "Sie ist wirklich eine starke Sportlerpersönlichkeit. Solche Verletzungen steckt aber auch sie nicht spurlos weg. Auch bei ihr gab es Höhen und Tiefen, Fragen, warum man nicht wieder auf die Beine kommt oder warum es immer wieder sie erwischt. Diese Selbstzweifel sind normal. Ich sehe aber auch die Lichtblicke. Wenn sie auf der Schanze war, hat es gleich wieder funktioniert. Mit dem Grundsprung, den sie hat, kann sie ganz realistisch in der Weltspitze wieder ganz nach vorn springen."

Wie groß sind die Weltcup- und WM-Chancen für Straub und Vogt?

Bauer: "Nur Katharina Althaus und Juliana Seyfarth sind fix dabei. Ich halte Ramona und Carina die Tür aber bis zum letzten Tag offen. Selbst wenn sie erst eine Woche vor dem ersten Weltcup richtig gut skispringen, nehme ich sie mit. Und wenn es länger dauert, halte ich ihnen auch die Tür für die WM offen. Wir wissen, was wir an den beiden haben."

Sie haben auch einige junge Sportlerinnen im Team. Die 21-jährige Agnes Reisch wurde bei den deutschen Meisterschaften gleich Dritte. Wo stehen die jungen Athletinnen?

Bauer: "Ich habe die Hoffnung, dass die eine oder andere den Sprung in die Top 10 schafft. Aber die Nachwuchssituation erfüllt mich schon mit großer Sorge. Da sehe ich größere Probleme, was die Qualität betrifft. Nun kommt auch noch Corona hinzu, und der Vereinssport liegt brach. Dann haben wir noch schneearme Winter. Da brauchen wir Konzepte, wir müssen die Kinder an die Schanzen bringen."

Welchen Umgang haben Sie mit der Corona-Pandemie und den Hygieneregeln gefunden?

Bauer: "Wir halten alle Regeln minutiös ein. Wir müssen hier Vorbild sein. Die sozialen Kontakte sollen auf ein Minimum reduziert und auch die Familie beschränkt werden. Auf Reisen werden wir vorher einen PCR-Test machen. Kurz bevor wir in den Bus steigen und gemeinsam an den Flughafen fahren, werden wir nochmal einen Schnelltest machen. Die große Gefahr besteht darin, dass jemand im Bus sitzt und positiv war. Dann müssen alle in Quarantäne. So legt man eine ganze Mannschaft lahm. Beim Flug schützen wir uns mit FFP-2-Masken. Die Sportlerinnen halten das auch im eigenen Interesse ein."

Es gibt einige Materialänderungen zur neuen Saison, neue Keile in den Schuhen und veränderte Anzüge. Wie sind Ihre Sportlerinnen damit klargekommen?

Bauer: "Ja, wir haben in der Materialkommission symmetrische Keile beschlossen. Die Keile, die man in die Schuhe reinsteckt, müssen links und rechts an den Unterschenkeln vorbeilaufen und gleichmäßig dick sein. Die dürfen nicht einseitig ausgeprägt sein, so dass es einem dadurch in der Luft den Ski planer stellt, bei der Landung aber das hintere Knie nach innen drückt. Mit den neuen Keilen haben wir viel getestet, das hat auch ein bisschen gedauert, bis wir das beherrscht haben. Beim Schnitt des Anzuges gab es gravierende Änderungen. Bis auf eine Naht vorn an der Brust springen wir das gleiche Schnittmuster wie die Männer, im Schrittkreuz haben wir jetzt einen komplett neuen Nahtverlauf."

Haben die Frauen mit den neuen Anzügen weniger Flugfläche?

Bauer: "Ja, das ist ein bisschen weniger Fläche. Die größte Änderung war aber, dass die Frauen seitlich noch Keile drin hatten. Das war mega-kompliziert. Bei den Frauen hatten wir bisher 19 Stoffteile für einen Anzug. Bei den Männern nur elf. Ein Damen-Anzug hat in der Produktion doppelt so viel Zeit in Anspruch genommen. Daher bin ich ganz froh, dass wir uns den Männern angeglichen haben."

Die Veränderung der Keile in den Schuhen ist das Ergebnis einer jahrelangen Diskussion zur Sicherheit im Skispringen. Hätten Sie sich noch mehr Veränderung gewünscht? 

Bauer: "Bei jeder Studie konnte man sehen, dass die Anzahl der Kreuzbandrisse in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Ich bin Vertreter des Deutschen Skiverbandes in der Materialkommission und musste erst einmal lernen: Hier geht nichts schnell. Der Diskussionsprozess war aber soweit, dass wir zumindest die Keile symmetrisch gemacht haben. Als nächsten Schritt sollen spätestens nach Olympia auch die Schuhe symmetrisch werden. Die letzte Bastion ist der gebogene Bindungsstab, mit dem Simon Ammann 2010 in Vancouver die gesamte Skisprung-Fachwelt überrascht hat. Da will man wieder zu einem geraden Stab zurückkehren. Mit den symmetrischen Keilen haben wir aber einen großen Anfang gemacht. Sonst wäre die Entwicklung in die andere Richtung gegangen. Weit springen und ein guter Flug ist das eine, aber das sichere Landen im hohen Weitenbereich gehört auch zum Skispringen."

Sehen Sie schon erste Erfolge?

Bauer: "Ja. Wir hatten im Sommer mit Killian Peier und einer polnischen Athletin zwar zwei Kreuzbandrisse. Im vergangenen Sommer waren es zur gleichen Zeit aber deutlich mehr dieser Verletzungen."

Wo lagen die weiteren Schwerpunkte mit ihrem Team im Sommer?

Bauer: "Da arbeiten wir individuell. Juliane Seyfarth ist nicht die schnellste Anfahrerin, bei ihr haben wir immer einen Augenmerk darauf, sie in der Anlaufspur schneller zu bekommen. Bei der einen oder anderen jungen Athletin haben wir auch an der Absprungdynamik gearbeitet, da wollten wir von der Kraftentwicklung besser werden."

In anderen Sportarten herrscht die große Unklarheit über die Form der internationalen Konkurrenz - man hat sich im Sommer kaum beobachten können. Wie war das bei Ihnen?

Bauer: "Wir haben recht viel in Oberstdorf trainiert. Das Organisationskomitee der WM hat versucht, jeder Mannschaft Trainingszeit zu geben. Dadurch haben wir die Amerikanerinnen, die Schwedinnen, die Österreicherinnen und die Sloweninnen gesehen."

Was konnten Sie sehen?

Bauer: "Die Österreicherinnen sind gut in Schuss, das waren sie aber auch die vergangenen Jahre. Auch die Sloweninnen sind gut, aber das ist auch nichts Neues. Es wird wie in der vergangenen Saison bei den vier, fünf großen Nationen mit den altbekannten Namen bleiben, die sich da duellieren. Im Internet habe ich noch gelesen, dass die ganz junge Eirin Maria Kvandal die norwegischen Meisterschaften gewonnen hat. Sie ist erst 18. Da gibt es anscheinend ein großes junges Talent."

Schauen wir auf die Heim-WM in Oberstdorf. Was sind da die Ziele?

Bauer: "Ich habe immer als Ziel, um die Medaillen mitzuspringen. Im Weltcup möchte ich in der Verfassung sein, dass wir in jedem Wettkampf um das Podest mitspringen. Wenn uns das gelingt, können wir auch bei der WM um die Medaillen mitspringen."

Die WM soll vor maximal 2.000 Fans im Skisprung-Stadion stattfinden. Wie geht es Ihnen als Oberstdorfer mit dieser Aussicht?

Bauer: "Da blutet mir das Herz. Ich bin hier geboren, habe als kleiner Junge mit dem Skispringen angefangen, die Ski-WM 1987 als Athlet mitgemacht, 2005 als Sprung-Trainer der Nordischen Kombination. Das waren Ski-Feste, eine unglaublich tolle Stimmung. Wenn ich mir vorstelle, dass kaum einer im Stadion ist, das tut schon weh. Aber da muss der Sport auch demütig sein. Es gibt Wichtigeres."

Noch ein weiterer Blick in die Zukunft. Für die Vierschanzentournee 2021 steht die Teilnahme der Frauen in Aussicht ...

Bauer: "Das ist ein ganz wichtiger Meilenstein im Frauen-Skispringen, der uns noch fehlt. Bei der WM haben wir jetzt erstmals genauso viele Frauen- wie Männer-Wettkämpfe. Von der Vierschanzentournee gibt es positive Signale. Die vier Präsidenten der vier Austragungsorte haben bereits gesagt, dass sie die Damen integrieren wollen. Die Vierschanzentournee - das würde das Frauen-Skispringen deutlich nach vorn bringen. Denkbar wäre, dass die Frauen ihre Wettkämpfe am Qualifikationstag der Männer machen. Das wäre der ideale Tag."

Das Interview führte Dirk Hofmeister.

Stand: 24.11.2020, 10:05

Darstellung: