Das deutsche Alpinteam und die Verletzungsmisere

Thomas Dreßen in Beaver Creek nach seinem Sturz

Zwischen Frust und Freude

Das deutsche Alpinteam und die Verletzungsmisere

Das Alpinteam des Deutschen Skiverbands (DSV) erlebt in Nordamerika eine emotionale Berg- und Talfahrt. Kira Weidle fuhr überraschend zum ersten Weltcup-Podestplatz ihrer Karriere, Speedfahrer Thomas Dreßen fällt verletzt länger aus. Ausgerechnet in einer WM-Saison hat das Verletzungspech Deutschlands Alpinrennfahrer fest im Griff.

"Das ist natürlich sehr, sehr bitter", sagte Teamkollege Andreas Sander im Zielraum von Beaver Creek nach der Abfahrt am Freitag (30.11.18). Da stand die bittere Diagnose von Dreßen noch nicht einmal fest. Die kam erst nach der ausgiebigen Untersuchung im Krankenhaus von Vail: Das vordere und hintere Kreuzband im rechten Knie gerissen, die linke Schulter ausgekugelt - die WM-Saison ist für Dreßen vorzeitig beendet. Operationen und Reha statt Jagd auf Podestplätze - den 25-jährigen Bayern, der sich in der vergangenen Saison in die Weltspitze katapultiert hatte, erwarten triste Monate nach der ersten schweren Verletzung seiner Karriere.

"Wir sind ein wenig traurig. Traurig mit dem Thomas. Niedergeschlagen sind wir aber nicht", sagte Cheftrainer Mathias Berthold: "Thomas ist ein Super-Bursch, er zeigt in diesem Moment sehr viel Größe. Seine mentale Stärke wird ihm helfen, über diese Verletzung hinwegzukommen."

Trotzdem muss das Alpinteam des Deutsches Skiverbands (DSV), das so optimistisch in die Saison gestartet war, den nächsten Rückschlag verkraften. Mit Felix Neureuther fehlt nach einem Daumenbruch ja schon der zweite Topfahrer des Teams. Wann er sein Comeback wagt, ist noch ungewiss. Und vor nicht einmal zwei Wochen riss sich Marina Wallner das Kreuzband. Die 24-jährige Inzellerin, die beim ersten Saisonslalom in Levi bereits die halbe WM-Norm geknackt hatte, fällt ebenfalls lange aus.

Wie gehen Körper und Kopf mit einem Comeback um?

Ein Kreuzbandriss ist so ziemlich das Schlimmste, was einem Sportler passieren kann. Neureuther hatte fast die gesamte Olympia-Saison 2018/19 wegen eines Kreuzbandrisses verpasst. Und es ist ja nicht nur der Körper, der nach einer langen Verletzungspause wieder mitspielen muss. Was sagt der Kopf, wenn man nach langer Auszeit wieder auf den Brettern steht? Technik-Spezialist Fritz Dopfer, der nach einem Schien- und Wadenbeinbruch im November 2016 lange pausiert hatte, sucht seit seinem Comeback den Anschluss an die Weltspitze. Vor der Verletzung war Dopfer quasi Dauergast in den Top Ten in den technischen Disziplinen.

Wer hat Potenzial für Spitzenplätze?

Dem DSV droht eine triste Weltmeisterschaft im schwedischen Åre Anfang Februar 2019. In den Speeddisziplinen gibt es mit Josef Ferstl, Dominik Schwaiger und Sander zwar durchaus Fahrer mit Potenzial. So weit wie Dreßen, der auch in dieser Saison in den ersten Rennen schon wieder konstant einen Dauerplatz in den Top Ten beansprucht hat, sind sie aber noch nicht. Und bei den Technikern schauen natürlich wieder einmal alle auf Neureuther und drücken die Daumen für ein zeitnahes Comeback. Fragezeichen gibt es hinter Dopfer und Stefan Luitz: Beide geben an diesem Wochenende ihr Saisondebüt und starten im ersten Riesenslalom des WM-Winters in Beaver Creek.

Auch bei den Damen schaut es nur wenig besser aus. Viktoria Rebensburg gibt seit Jahren die deutsche One-Woman-Show im Ski-Weltcup. Und wenn einmal hoffnungsvolle Fahrerinnen ihre Stärke andeuten - siehe Marina Wallner - schlägt auch erbarmungslos das Verletzungspech zu. Umso mehr freut sich der DSV natürlich über Erfolge wie Platz drei von Kira Weidle in der Abfahrt von Lake Louise, die so niemand auf der Rechnung hatte.

Kira Weidle - neue Hoffnungsträgerin, fast aus dem Nichts

"Das, was sie da gemacht hat, verdient größten Respekt", lobte Bundestrainer Jürgen Graller: "Mit den Top Ten wären wir hier zufrieden gewesen. Aber das dann so durchzuziehen, da muss man sagen: Respekt, cool gemacht." Es wäre zu früh zu sagen, dass hier ein weibliches Pendant zu Thomas Dreßen heranreift: Es war das erste Weltcuppodest überhaupt für die 22-jährige Bayerin. Doch Weidles Potential für Spitzenplätze war auch schon in den vergangenen Jahren sichtbar. Im Winter 2016/17 war sie zwei Mal in die Punkteränge gefahren, in der vergangenen Saison zwei Mal unter die besten Zehn.

Es wäre vermessen, von einer 22-Jährigen jetzt Podestplätze in Serie zu erwarten, unter Druck setzen will Weidle im DSV niemand. "Sie hat in diesem Jahr noch einen Schritt gemacht. Sie ist vom Kopf her weiter, sehr fokussiert und zielstrebig und trotzdem nicht verbissen", sagt Cheftrainer Graller aber auch: "Für einen Jahrgang 1996 ist sie schon ziemlich reif."

Aber schon reif für Spitzenfahrten in Serie oder gar bei der alpinen Ski-WM? "Heute bin ich mal Weltspitze", sagte Weidle nach ihrem Coup von Lake Louise - und bleibt gerne weiter in der Rolle der Außenseiterin, die noch viel lernen muss. Sie genoss die Momente auf dem Podium vor den Fernsehkameras, alberte mit Siegerin Nicole Schmidhofer und Kombi-Olympiasiegerin Michelle Gisin herum und freute sich einfach nur: "Es macht sehr viel Spaß, da vorne zu sein." Und mit Blick auf die zweite Abfahrt von Lake Louise am Samstag sagte sie nur: "Ich habe nichts zu verlieren. Das war ein sensationeller Saisonstart, viel besser geht es nicht."

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Thema in: B5 Sport, 01.12.2018, 10.55 Uhr

br/dpa/sid | Stand: 01.12.2018, 11:30

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