Alpinchef Maier: "Ostern gute Zeit, um Kinder mit Sport zu beschäftigen"

DSV Alpindirektor Wolfgang Maier

Sport, Corona und das Warten auf Normalität

Alpinchef Maier: "Ostern gute Zeit, um Kinder mit Sport zu beschäftigen"

Corona verhindert weiter den Regelbetrieb im Amateur- und Breitensport. Das ärgert den Deutsche Skiverband. Alpindirektor Wolfgang Maier übt im Interview deutliche Kritik.

Sportschau.de: Am Wochenende stehen am Götschen die Internationalen Deutschen Meisterschaften im Slalom, Riesenslalom und Team an. Sind die deutschen Meisterschaften für den Alpindirektor ein Pflichttermin, um hoffnungsvolle Talente zu entdecken, oder schaut man eher aufs Weltcupteam, wie sich dieses zum Saisonabschluss präsentiert?

Wolfgang Maier: Für mich ist das ein sehr angenehmer Termin. Kein Pflichttermin, sondern ein Privileg - weil ich bei diesen Rennen wieder einmal alle Aktive und Trainer sehen kann. Nicht nur das Weltcupteam, sondern das Europacupteam, die Nachwuchsteams. Ich sehe sie im Winter immer wieder. Aber so komprimiert wie bei der deutschen Meisterschaft sehen wir uns das ganze Jahr nicht. Im Winter ist jeder in seiner Wettkampfebene unterwegs. Im Nachwuchs habe ich nicht den intensiven Überblick, wie ich es gerne hätte. Die Meisterschaften sind eine gute Möglichkeit, dass ich alle live sehen kann.

Sportschau.de: Im vergangenen Winter fielen die Meisterschaften wegen Corona aus. Ist das ein Termin, der einem wieder etwas ein Gefühl der "Normalität" gibt, obwohl an geregelten Sportbetrieb noch immer nicht zu denken ist?

Maier: Ich hoffe nicht, dass das die 'neue' Definition der Normalität ist. Wir müssen viele Dinge im Leben, die wir bisher als normal betrachtet haben, neu definieren. Wenn das nun die Neu-Definition von Normalität ist, bin ich sehr traurig. Auch die deutschen Meisterschaften dürfen nur unter sehr strengen Auflagen durchgeführt werden, was Tests und Hygienekonzept betrifft. Das nimmt den Menschen viel von der früheren Leichtigkeit, sich nur noch unter bestimmten Auflagen zu sehen oder im Sport messen zu dürfen.

Sportschau.de: Die Corona-Pandemie und die Beschränkungen im Sport sorgen für immer mehr Frust. Beim SC Oberstdorf beispielsweise durfte der Alpin-Nachwuchs Mitte März einen Freitag endlich einmal trainieren, schon am Samstag standen wieder die Lifte still. Kinder können das nicht mehr verstehen, versteht's der DSV-Alpinchef noch?

Maier: Ich glaube, dass ich einer der Ersten war, der versucht hat, das Thema in der Öffentlichkeit zu platzieren. Mir ging es nicht um den Spitzensport, die Nationalmannschaft oder die Kaderläufer. Sondern darum, dass man Kindern eine Zukunftsperspektive raubt. Wir sind überzeugt: Der Sport ist nicht die Belastung für die Pandemie, sondern im Sport liegt eine mögliche Lösung.

Sportschau.de: Das klingt nach viel Frust …

Maier: Für mich ist es extrem frustrierend festzustellen, dass man gar nicht mehr auf Menschen hört, die erstmal nichts für sich selbst wollen, denn es geht um die Kinder. Und zweitens ein Thema ansprechen, dessen Konsequenzen in der Langfristigkeit ignoriert wird. Was man hier den Kindern vorenthält, finde ich unverhältnismäßig. Die Kinder sind Zukunft dieses Landes. Anscheinend vergisst man das auf verschiedensten Ebenen, wer in diesem Land einmal in der Zukunft gestalten soll. Deshalb bin ich extrem frustriert und auch schockiert darüber, dass man seit Anbeginn der Pandemie nur in Verboten die Lösung sieht. Wenn man glaubt, dass man damit Menschen für eine Sache gewinnen, sie für etwas motivieren kann, dann ist das für mich nicht der richtige Weg.

Sportschau.de: Der Deutsche Skiverband hat frühzeitig ein großes Paket an Handlungsempfehlungen herausgegeben zum Skisport in Coronazeiten und passt dieses ständig an, zum Beispiel am 19. März. Zuletzt war zumindest Vereinstraining auf einigen Skipisten in Oberbayern und Schwaben möglich. Bleibt dies auch nach den neuesten Politikbeschlüssen und Verboten vom Montag so?

Maier: Das wird uns bremsen. Man muss dabei verstehen: Es ging nicht darum, die Skigebiete zu öffnen oder Skitourismus zu betreiben. Es ging darum, leistungssportlich orientierten Kinder bis 14 Jahren die Möglichkeit zu geben, Wintersport auszuüben. Diese Kinder verfügen alle über eine Racecard des Bayerischen Skiverbandes und nur damit haben sie Zutritt zu den Liftanlagen. Wir haben natürlich das Problem, dass uns Lockdowns härter treffen als andere Sportarten, weil wir 7 - 8 Monate keine Möglichkeit haben, im eigenen Land Ski zu fahren.

Sportschau.de: Und dem Skiverband sind die Hände gebunden?

Maier: Gerade jetzt zu Ostern, in der Ferienzeit, wäre eine gute Zeit, um Kinder mit Sport zu beschäftigen. Dazu hat es noch eine Menge Neuschnee gegeben in den Bergen. Es wäre also alles gerichtet.

Felix Neureuther: "Wir müssen die Kinder wieder mehr in Bewegung bringen" Sportschau 21.03.2021 03:43 Min. Verfügbar bis 21.03.2022 Das Erste

Sportschau.de: Auch unser ARD-Experte Felix Neureuther hat dem Breitensport eine düstere Zukunft prognostiziert, wenn es bei harten Verboten bleibt. Neben dem Deutschen Skiverband hat beispielsweise auch der Deutsche OIympische Sportbund als größter Sportverband schon vor Monaten Hygienekonzepte erarbeitet und Lockerungen gefordert.

Maier: Man muss ganz klar differenzieren: Wenn wir im Sinne des Sports für die Kinder appellieren, heißt das nicht, dass wir "Pandemie-Verweigerer“ sind. Man muss aber auch in Corona-Zeiten eine Perspektive zeigen und einen Blick in die Zukunft werfen können. Die Situation zeigt, dass der Breitensport keine Lobby hat. Es geht der Kultur ja genauso. Wie viele Künstler schachmatt gesetzt werden, ihrem Beruf nicht mehr nachgehen können, wird ebenso wenig thematisiert wie der Mangel an Sport für Kinder.

Sportschau.de: Nehmen wir mal an, es kommen Lockerungen im Sommer. Welche Möglichkeiten hat der Skiverband in Sachen Nachwuchstraining? Vermutlich kann aus Kostengründen ja nicht jede Sportlerin und jeder Sportler auf einen Gletscher zum Training?

Maier: Das Entscheidende ist ja, dass die Kinder überhaupt wieder gemeinsam Sport treiben dürfen. Das würde uns schon helfen. Im Endeffekt ist es so, dass viele Kinder - ich spreche jetzt von den Acht- bis Zwölfjährigen - im Sommer nicht auf Schnee sind, sondern in den Vereinen eine allgemeine Sportausbildung bekommen. Das würde natürlich nicht nur den Vereinen, sondern dem Sport insgesamt helfen. Ich sehe das Thema nicht nur bezogen auf den Skisport, es betrifft ja auch alle anderen Sportarten. Es trifft auch unsere Lieblingssportart Fußball. Auch dort werden die Verantwortlichen mit Themen wie wir konfrontiert: Viele Kinder finden nicht mehr die Motivation, sich zum Sport zu bewegen.

Sportschau.de: Mit Auswirkungen, die über den Sport hinausgehen?

Maier: Unser Thema als Sportverband war seit Jahrzehnten, Kinder zu motivieren, Sport zu treiben. Wir wissen: Nur gesunde Kinder können auch entsprechende Leistungen in der Schule und später im Beruf bringen und die Gesellschaft damit weiterentwickeln. Man stellt sich schon die Frage: Muss ich irgendwann mal dankbar sein, dass ich auf den Sportplatz darf? Wenn das der Fall ist, haben wir einen verkehrten Blick. Ich verstehe es als normales Recht für jedes Kind, dass es sich mit Freunden trifft und Sport treiben darf.

Sportschau.de: Noch einmal zurück zum Übergang von Breitensport und Nachwuchs zum Weltcupteam. Vor allem in den Technikdisziplinen bei den Frauen klafft derzeit eine Lücke zur Weltspitze. Der DSV will diese schließen. Ist der vergangene Winter durch die Corona-Einschränkungen ein verlorener Winter, was die Nachwuchsausbildung und das Fördern von Talenten betrifft?

Maier: Nein, das würde ich nicht so sagen. Es gibt ja zum Glück nichts Schlechtes, was nicht auch irgendetwas Gutes hat. Man konnte mit der begrenzten Anzahl an Kindern, die zu den Auswahlen und Landeskadern durften, ein anderes, umfangreicheres Programm fahren als in den Jahren zuvor. Das sehe ich positiv. Ich weiß zwar noch nicht, wie die Auswirkungen sein werden. Aber das Feedback war, dass die Komprimierung und Zentralisierung der paar Wenigen, die das Privileg hatten, trainieren zu dürfen, positiv für die persönliche Entwicklung ist. Aber für die Spitze braucht man eine gewisse Basis und Breite. Was wir über Jahre hinweg verhindern wollten – eine frühe Selektion – trifft uns durch das Thema Covid und die ganzen Maßnahmen voll.

Sportschau.de: Also doch ein verlorenes Jahr für den Deutschen Skiverband?

Maier: Das wird man in naher Zukunft sehen. Es kann auch sein, dass sich die Wenigen extrem gut unter diesen besonderen Bedingungen entwickeln. Ich habe immer betont: Spitzen- und Hochleistungssportler zeichnen sich aus durch Anpassung, Flexibilität und Lösungsorientiertheit. Wie wir das mit der Nationalmannschaft und den nationalen Nachwuchskadern gelöst haben, und wie sich unsere Sportler entwickelt haben – das haben wir gut gemacht. Wir haben uns mit allen Auflagen auseinandergesetzt, alle 48 Stunden PCR- oder Schnelltests, länger als zwei Tage durfte kein Sportler im Spitzenbereich ohne Test sein. Und das haben wir alle zusammen extrem gut gemacht. Wir haben gezeigt, wir sind anpassungsfähig, wir können mit Optimismus schwierige Zeiten angehen und in dieser Blase leben. Das verdient Lob und Anerkennung für Sportler und Betreuer.

Das Gespräch führte Bernd Eberwein

Maier zur DSV-Saison: "Haben sehr viele gute Rennen gezeigt" Sportschau 21.03.2021 03:41 Min. Verfügbar bis 21.03.2022 Das Erste

Stand: 25.03.2021, 12:03

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