Hahnenkamm-Abfahrt auf Freitag vorgezogen

Matthias Mayer

Mythos Kitzbühel

Hahnenkamm-Abfahrt auf Freitag vorgezogen

Steil, vereist, gefährlich - die "Streif" präsentiert sich schon in den Trainings zur Hahnenkamm-Abfahrt in Kitzbühel von ihrer wilden Seite. Einige Läufer verletzten sich bereits und müssen pausieren, andere fiebern der Herausforderung entgegen - die wegen der Wetterprognose schon auf den Freitag vorgezogen wurde.

"Es gibt in jeder Nation Leute, die Kitzbühel nicht wollen. Manche lieben es. Du musst ein wilder Hund sein in Kitzbühel", sagte Österreichs Abfahrtstrainer Josef Brunner vor der 2019er-Auflage des Hahnenkamm-Klassikers.

"Wilde Hunde" gibt es in Österreich anscheinend reichlich. Denn während nach den ersten Trainingsabfahrten einige Läufer haderten, wie schwierig die Strecke in diesem Jahr sei, blicken einige österreichischen Mitfavoriten fast schon freudig dem Rennen entgegen. Wegen der jüngsten Wetterprognose haben sich die Veranstalter entschieden, die Abfahrt schon auf den Freitag (25.01.2019) vorzuziehen. Grund für die Änderung sind die erwarteten Schneefälle in Tirol. Am Samstag soll der Slalom gefahren werden, der Super-G dafür erst am Sonntag.

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Olympiasieger Mayer und die Lust auf Eis

Matthias Mayer, Abfahrts-Olympiasieger von 2014, nach einem Sturz im Kombislalom von Wengen mit den Nachwirkungen einer Beckenprellung angetreten, sagte: "Am Start ist es mir nicht gut ergangen, aber beim Fahren habe ich nichts gespürt. Es war eisig und unruhig, da hatte ich andere Gedanken."

Und der 28-Jährige, Schnellster im ersten Training, ergänzte: "Die Piste ist in einem unglaublichen Zustand, es wurde vom Start bis herunten mit Wasser gearbeitet. Es ist jede Stelle sehr hart, teilweise ist es eisiger, teilweise griffiger. Die Sprünge gehen gut, sie sind schön gebaut, da ist nichts zu tun." Auch sein Landsmann Vincent Kriechmayr fand: "Sie präsentiert sich wieder von ihrer besten Seite, die Streif."

Auch Hannes Reichelt, Sieger von 2014 und Schnellster im zweiten Training am Donnerstag, betrachtet die Abfahrt als ganz normales Rennen. "Ein paar Passagen habe ich ganz gut erwischt, ein paar muss ich mir noch genau im Video anschauen", sagte Reichelt sachlich: "Es gibt auf jeden Fall noch Verbesserungspotenzial."

Kritik von Romed Baumann und aus der Schweiz

Doch längst nicht alle Fahrer denken so. "Ich dachte nicht mehr, dass ich noch eine Kante auf meinem Ski habe, nichts hat mehr reagiert. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich einmal so überfordert war bei einem Training wie heute", sagte der Österreicher Romed Baumann schon nach dem ersten Training.

Beat Feuz beim Training in Kitzbühel

Beat Feuz beim Training in Kitzbühel

Viel Kritik gab's auch von den Fahrern des Schweizer Skiverbands. "Es ist wieder sehr am Limit. Es ist sehr schwer präpariert fürs erste Training, aber Kitzbühel will es so und macht es so. Das müssen wir akzeptieren", sagte Beat Feuz, derzeit Führender im Abfahrtsweltcup. Sein Teamkollege Niels Hintermann war deutlicher: "Ich finde es nicht okay, dass unsere gesunden Körper aufs Spiel gesetzt werden, nur weil hier fünfzigtausend Leute zuschauen."

Janka und Jansrud nicht am Start

Wie sein Landsmann Carlo Janka. Der war schon am Dienstag im Training gestürzt und reiste mit Schmerzen im rechten Knie zurück in die Schweiz. Schwerer verletzt hat er sich zwar nicht. Die Hahnenkamm-Abfahrt 2019 findet aber ohne den Graubündener statt.

Auch der Norweger Kjetil Jansrud stürzte im Training, er stützte sich mit der Hand ab und brach sich dabei zwei Finger. Er wurde direkt vor Ort operiert, seine Startchancen in Kitzbühel gehen gegen Null. Selbst die Ski-WM im schwedischen Are (5. bis 17. Februar 2019) ist gefährdet. Offen ist noch der Start von Aksel Lund Svindal, der sich wegen anhaltender Kniebeschwerden in Innsbruck untersuchen ließ.

Von Mausefalle bis Zielsprung - so funktioniert die "Streif"

Mausefalle? Gschöss? Hausbergkante? Wollen Sie endlich mitreden, wenn's um einen der größten Abfahrtsklassiker im alpinen Skisport geht? Sportschau.de erklärt vor dem Klassiker am Wochenende die wichtigsten Streckenabschnitte der "Streif".

Die "Streif" in Kitzbühel

Die höchste Beschleunigung erleben die Abfahrer unmittelbar nach dem Start. Die ersten 160 Meter bis zur "Mausefalle" absolvieren die Starter in 8,5 Sekunden. Insgesamt ist die Strecke 3.312 Meter lang. In den Anfangsjahren der Hahnenkammrennen war sie rund ein Drittel länger (4.500 Meter).

Die höchste Beschleunigung erleben die Abfahrer unmittelbar nach dem Start. Die ersten 160 Meter bis zur "Mausefalle" absolvieren die Starter in 8,5 Sekunden. Insgesamt ist die Strecke 3.312 Meter lang. In den Anfangsjahren der Hahnenkammrennen war sie rund ein Drittel länger (4.500 Meter).

Von der Mausefalle hätten die Läufer einen herrlichen Blick ins Tal auf Kitzbühel. Doch dafür ist keine Zeit: Mit fast 86 Prozent Gefälle müssen die Abfahrer nur kurz nach dem Start gleich die steilste Stelle der gesamten "Streif" überstehen. Bis zu 120 Stundenkilometer schnell sind die Topläufer hier bereits.

Die Karusselkurve bremst die Fahrer auf 60 bis 80 Stundenkilometer ab, dafür wirken Fliehkräfte von über 3g. Und gleich danach wird's wieder schneller: Der Steilhang wartet.

Der Steilhang ist die eisigste Passage der "Streif", aber nicht die schnellste. Mit rund 90 bis 100 Stundenkilometern geht's durch den Steilhang und am Ende mit rund 110 Stundenkilometern in den Brückenschuss, die schmalste Stelle der "Streif". Apropos Eis: Natürlich wird auch die "Streif" für die Abfahrt vereist, 2015 mit rund zwei Millionen Litern Wasser.

Es gibt tatsächliche eine "ruhige" Passage auf der "Streif": Gschöss nennt sich das mit 650 Metern längste Gleitstück der Strecke nach dem Brückenschuss. Doch schon unmittelbar danach wird's wieder ruppig.

Die Alte Schneise fordert die Fahrer mit unruhigen Passagen und raschen Geländewechseln. Die Geschwindigkeit liegt hier wieder bei rund 120 Stundenkilometern. Die Durchschnittsgeschwindigkeit für die gesamte Abfahrt steigerte sich seit den 60er-Jahren von etwa 88 auf heute rund 103 Stundenkilometer.

Kein Einkehrschwung zur Halbzeit der Fahrt: Den Seidlalmsprung nehmen die Starter mit rund 80 bis 90 Stundenkilometern, in diesem Tempo geht's auch durch eine S-Kurve, die schwierige Seidlalmkurve, an der gleichnamigen Hütte vorbei.

Ein zweites Gleitstück wartet beim Lärchenschuss. Dieses nehmen die Fahrer mit bis zu 110 Stundenkilometern. Entlang der Strecke sind knapp zehn Kilometer Fangnetze auf 5.500 Stangen montiert.

Fast wie eine Schikane in der Formel 1: Am Oberhausberg gibt es scharfe Richtungsänderungen in kurzer Abfolge, die Geschwindigkeit sinkt auf 60 bis 80 Stundenkilometer.

Der Sprung über die Hausbergkante zählt zu den spektakulärsten Stellen der "Streif" - weil die Zuschauer im Zielstadion die Fahrer ab diesem Moment live sehen. Mit rund 100 Stundenkilometern geht's in die Luft.

Nach dem Sprung über die Hausbergkante folgen die gleichnamige Kompression und die Traverse. Hier herrschen die größten Fliehkräfte der gesamten Abfahrt von bis zu 3,5g. Und mit über 100 Stundenkilometern geht's allmählich dem Ziel entgegen.

Für die Zuschauer spektakulär, für die Fahrer extrem aufreibend - im Zielschuss lassen die Kräfte langsam nach und hier erreichen die Topfahrer die Höchstgeschwindigkeit von über 140 Stundenkilometern. Das Gefälle im Zielhang beträgt bis zu 63 Prozent.

Und noch warten zwei Schwierigkeiten: Immer noch 140 Stundenkilomter schnell geht's durch die Zielkompression dem Zielsprung entgegen. Geschwindigkeitsrekordhalter in Kitzbühel ist übrigens der Österreicher Michael Walchhofer mit 153 Stundenkilometern bei der Abfahrt 2006.

Mit Geschwindigkeiten zwischen 120 und 140 Stundenkilometern geht's über den Zielsprung. Legendär diese Einlage aus dem Jahr 2004 vom Italiener Kristian Ghedina. Bei 138 Stundenkilometern zeigte der italienische Spaßvogel einen tollkühnen Spagat - und wurde am Ende Sechster.

Geschafft! Jeder, der die "Streif" bezwingt, wird im Ziel nach knapp zwei Minuten mit tosendem Jubel empfangen. Rekordhalter auf der Streif ist seit 1997 der Österreicher Fritz Strobl mit einer Zeit von 1:51,57 Minuten. Die meisten Siege - sechs - feierte der Schweizer Didier Cuche. Rund 45.000 Zuschauern pilgern zur jährlichen Weltcupabfahrt nach Kitzbühel.

Deutscher Skiverband mit Ferstl, Schmid und Schwaiger

Und die Läufer des Deutschen Skiverbands (DSV)? Präsentierten sich bisher - in Abwesenheit des verletzten Vorjahressiegers Thomas Dreßen - recht ordentlich. Bester im Abschlusstraining war Josef Ferstl, 1,7 Sekunden hinter Reichelt. Im ersten Training war er mit 1,44 Sekunden Rückstand auf Mayer Neunter.

Lust haben die DSV-Fahrer jedenfalls. "Nach Kitzbühel fahre ich jedes Jahr mit einem Lächeln", sagte Ferstl vor den Trainings: "Der Mythos Streif lebt durch diese außergewöhnliche Strecke: steil, eisig und gefährlich. Ich stelle mich dieser Herausforderung gerne." Sein Vater Sepp gewann die Abfahrt 1978 und 1979. Neben Ferstl sind noch Manuel Schmid und Dominik Schwaiger am Start.

"Der Pepi ist eigentlich immer gut gefahren in Kitzbühel, der Schmid Manuel ist vor zwei Jahren beim Europacup Dritter geworden und ist in einer Wahnsinnsform momentan. Und der Schwaiger hat vor zwei Jahren bis zum Hausberg die drittbeste Zwischenzeit gehabt", sagt Bundestrainer Mathias Berthold.

Für Schmid und Schwaiger bleiben noch die beiden Rennen in Kitzbühel und die Abfahrt in Garmisch-Partenkirchen am kommenden Wochenende, um die WM-Qualifikation zu schaffen. Dafür brauchen sie zwei Top-15-Resultate oder mindestens einen achten Platz.

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Thema in: Blickpunkt Sport, 27.01.2019, 21.45 Uhr, BR Fernsehen. Zu Gast im Studio: Thomas Dreßen, der Kitzbühel-Sieger von 2018

dpa/sid | Stand: 24.01.2019, 14:00

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