Shiffrin: "Dankbar, wieder an den Start zu gehen"

Mikales Shiffrin nach ihrem dirtten Platz im Slalom in Flachau im Januar

Comeback von Ski-Königin Shiffrin

Shiffrin: "Dankbar, wieder an den Start zu gehen"

Von Heiko Oldörp

Sie ist seit Jahren die überragende Ski-Fahrerin. Doch Mikaela Shiffrin hat bewegende Monate hinter sich. Im Februar verstarb überraschend ihr Vater. Nun startet sie erstmals seit seinem Tod.

Mikaela Shiffrin versucht, zu lächeln. Doch es fällt ihr sichtlich schwer, als die 25-Jährige am Donnerstag in ihrem Hotelzimmer im finnischen Levi sitzt und via Zoom Call mit internationalen Medien verbunden ist. Am Sonnabend gibt Shiffrin in Lappland ihr Comeback im Weltcup, startet ebenso wie am Sonntag beim Slalom. In den vergangenen beiden Jahren hatte sie in Levi jeweils triumphiert. Doch diesmal ist die Frage, ob es an Heilig Abend schneien werde, wohl einfacher zu beantworten, als die nach der Form von Shiffrin.

Sie versuche, ihre Erwartungen "gering" zu halten, sagt die Amerikanerin. Angesichts dessen, was alles passiert sei, sei es wohl ohnehin nicht sinnvoll, "irgendwelche Erwartungen" zu haben. Aber, sie wolle "gut Ski fahren" und da gehöre eben auch "schnell Ski fahren" dazu.

Genau 300 Tage werden am Sonnabend vergangen sein, seitdem sie am 26. Januar im bulgarischen Bansko den Super-G gewann. Es war ihr bislang letztes Rennen. Und es war eine komplett andere Zeit für Mikaela Pauline Shiffrin. Ihr Leben war unkompliziert und unbeschwert. Was sie seitdem durchmachen musste, hat Spuren hinterlassen. "Frühling, Sommer und Herbst waren die stressigste Zeit meines Lebens", betont Shiffrin. Emotional sei sie "müde".


Vater stirbt eine Woche nach Weltcup-Sieg

Eine Woche nach ihrem Weltcup-Sieg in Bulgarien hatte sich ihr Vater Jeff bei einem Unfall daheim in Colorado eine schwere Kopfverletzung zugezogen. Mikaela und Mutter Eileen flogen von Deutschland aus sofort zurück in die USA - und weinten gemeinsam am Bett, als das Familienoberhaupt am 2. Februar verstarb. Shiffrin sagte alle Rennen im Februar ab, wollte aber Anfang März zurück auf die Pisten. Ski fahren, so ihre Hoffnung, könne "eine therapeutische Wirkung" haben.

Doch als sie im schwedischen Are ankam, wurde die Weltcup-Saison wegen des Coronavirus vorzeitig abgebrochen. Dass Shiffrin erstmals seit 2016 nicht den Gesamt-Weltcup gewonnen hatte, war für sie allenfalls eine Randnotiz. Die überragende Ski-Fahrerin der vergangenen Jahre hatte keine Zeit, ihre Saison zu reflektieren. Sie musste sich um all das kümmern, was ihr Vater für gewöhnlich von Colorado aus für sie erledigte, während seine Tochter von Weltcup zu Weltcup tourte.  

"Endlich verpassten Schlaf nachholen"

Shiffrin hat Crash-Kurse in Sachen Business, Finanzierung und Investment hinter sich. Sie hat in den vergangenen Monaten viel gelernt, viel geweint und wenig geschlafen. Seit Montag ist sie in Finnland. Und erstmals nach ganz langer Zeit hat Shiffrin das Gefühl, "nun endlich meinen verpassten Schlaf nachzuholen. Hier in Levi ist es die ganze Zeit ziemlich dunkel und ich kann einfach nicht aufhören, zu schlafen."

Durch Rückenprobleme musste Shiffrin beim Weltcup-Auftakt Ende Oktober in Sölden noch passen. Die Wehwehchen sind auskuriert und Shiffrin ist "dankbar, hier zu sein und wieder an den Start zu gehen." Die Rennen sieht sie "wie eine Pause. So, als wenn man in den Urlaub geht."

Psyche als "große Unbekannte"

Erstmals ist sie nicht Titelverteidigerin im Gesamtweltcup und auch keine Favoritin. Und überhaupt plant sie nur von Rennen zu Rennen. Normalerweise hat Shiffrin in der Saisonvorbereitung alle alpinen Disziplinen trainiert. Diesmal hingegen sei nur Zeit für Slalom gewesen. "Mein Auge sagt mir, dass sie in ziemlich guter Form ist", hebt Trainer Mike Day hervor. Doch er weiß, dass es bei Shiffrin derzeit vor allem auf das ankommt, was eben niemand mit bloßem Auge erkennt - die Psyche, die Day als "große Unbekannte" bezeichnet.

Im rund 30-minütigen Gespräch mit den Medien gibt Shiffrin einen Einblick in ihre Gedankenwelt. Manchmal kämpft sie mit den Tränen. Sie sei "unglaublich wütend", dass ihr Vater gestorben sei. Und sie sei "wütend, wie alleine" sie sich an vielen Tagen fühle. Andererseits aber sei sie sehr dankbar, dass sie ihre Mutter sehr oft bei sich habe, so Shiffrin.

Sie hat in den vergangenen zehn Monaten viel über die Bedeutung des Begriffs "Widerstandsfähigkeit" gelernt. Dieser sei letztlich, so Shiffrin, nur "ein Synonym für das Leben" und habe nichts damit zu tun, wie stark man sei. Manchmal stünde "Widerstandsfähigkeit" schlichtweg dafür, "wieder auf die Beine kommen." Und manchmal sei eben schon "aus dem Bett steigen" ein Beispiel dafür. Oder in ihrem Fall: sich die Skier unterzuschnallen und wieder Weltcup zu fahren.

Stand: 20.11.2020, 09:35

Ski Alpin | Weltcupstand Damen

NamePkt
1.Petra Vlhová360
2.Michelle Gisin175
3.Marta Bassino158
4.Katharina Liensberger135
5.Mikaela Shiffrin125

Ski Alpin | Weltcupstand Herren

NamePkt
1.Alexis Pinturault150
2.Henrik Kristoffersen125
3.Lucas Braathen113
4.Gino Caviezel100
5.Marco Odermatt80
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