Linus Straßer - warum der Ski-Löwe endlich die Krallen zeigt

Linus Strasser jubelt in Adelboden

In den Fußstapfen von Vorbild Felix Neureuther

Linus Straßer - warum der Ski-Löwe endlich die Krallen zeigt

Von Bernd Eberwein

Das ewige Talent startet endlich durch: Linus Straßer scheint mit 28 Jahren in der Weltspitze angekommen. Mit seinem außergewöhnlichen Skigefühl erinnert er an sein Vorbild Felix Neureuther. Auch der feierte erst spät seine großen Erfolge.

Denkt man an den TSV 1860 München, fallen einem normalerweise zunächst die Fußballer ein. Der Traditionsklub mischt derzeit die 3. Liga auf, siegte jüngst im Münchner Stadtderby gegen den ungeliebten Rivalen FC Bayern II, und ist auf dem besten Weg, sich wieder Richtung Bundesliga zu spielen.

Unbedingt abzusehen war dies vor der aktuellen Saison nicht. Und so überraschend "die Löwen" an der Spitze mitmischen, so unerwartet sorgt auch ein Vereinsmitglied aus der Ski-Abteilung für Furore: Skirennläufer Linus Straßer schreibt mit seinen beiden furiosen Comebackrennen - Sieg in Zagreb, Platz zwei in Adelboden - schon jetzt eine der außergewöhnlichsten Geschichten des Winters.

Denn Straßer, mittlerweile 28 Jahre alt, war schon drauf und dran, den Ski-Weltcup als ewiges, aber unvollendetes Talent zu verlassen. 2013 gab Straßer schon sein Weltcupdebüt, bei einem Parallelslalom in Stockholm feierte er im Januar 2017 seinen ersten Weltcupsieg, auf einen Sieg im Spezialslalom musste er bis Zagreb warten.

Linus Straßer holt ersten Slalom-Weltcupsieg seiner Karriere Sportschau 06.01.2021 01:37 Min. Verfügbar bis 06.01.2022 Das Erste

Straßers Saison zum Vergessen

Vor der Saison 2018/19 schien Straßer bereit, endlich dauerhaft um Podestplätze mitzufahren. Straßer ging bestens vorbereitet in den neuen Winter, die Trainer des Deutschen Skiverbands (DSV) erhoben ihn zum potenziellen Siegfahrer.

Was folgte, war eine Saison des Grauens: Schon beim ersten Slalom des Winters in Levi kam er nicht einmal in den zweiten Durchgang. Es gab Ausfälle und Disqualifikationen in Serie. Nur zwei Mal kam Straßer überhaupt ins Ziel und in die Weltcuppunkte - in der Kombination in Bansko im Februar und im Slalom von Kranjska Gora am Saisonende im März 2019.

Straßers Vater Georg Eisenhut, Sportwart der Skiabteilung des TSV 1860, berichtete jüngst in einem Interview mit der Münchner "Abendzeitung" von einer "Blockade" nach dem damaligen Fehlstart in Levi: "Vor zwei Jahren war er drauf und dran, dass die Karriere danebengeht."

Straßer deutet sein Potenzial an

Doch nach einem verkorksten Jahr tankte er in der Saison 2019/20, die wegen des Coronavirus nur kurz war, wieder Selbstvertrauen. Straßer strich die Riesenslaloms und fokussierte sich auf seine Spezialdisziplin, den Slalom. In neun Saisonrennen punktete er sieben Mal, drei Mal ging's in die Top Ten. Ohne Druck und überzogene Erwartungen von außen, so schien es, ist beim Münchner Ski-Löwen vieles möglich.

Kaum Schneetraining in der Vorbereitung

Auch in der aktuellen Saison hatte niemand Wunderdinge von Straßer erwartet. Eine entzündete Quadrizepssehne bremste ihn in der Saisonvorbereitung, ihm fehlen Schneetage. Erst im November konnte er richtig ins Training einsteigen.

Aber Straßer gehört zur seltenen Spezies der Instinkt-Skifahrer mit einem außergewöhnlichen Skigefühl, ganz wie sein Vorbild Felix Neureuther.

Initialzündung in Zagreb

Was Straßer an Schneetagen in der Vorbereitung fehlt, gleicht er derzeit - so simpel das auch klingen mag - durch seine herausragenden Grundlagen aus. Wenn andere mit schlechter werdenden Pisten hadern, ist der buckelpistenerprobte Straßer in seinem Element. Und dazu kommt, dass der Sieg in Zagreb vielleicht der entscheidende Impuls im Kopf war, den Straßer gebraucht hat.

"Ein bisschen surreal", nannte Straßer noch seine Zagreb-Fahrt von acht auf eins. Nach dem erneuten Coup - in Adelboden ging's von Platz zwölf auf zwei - stellte er nüchtern fest: "Es war mehr ein Arbeitserfolg." Denn "ich habe mich nicht grandios gefühlt." Das Skigefühl hat's gerichtet.

Zweiter Platz in Adelboden: Straßer erneut furios Sportschau 10.01.2021 01:12 Min. Verfügbar bis 10.01.2022 Das Erste

Auch Straßer-Vorbild und Sportschau-Experte Felix Neureuther hatte schon nach dem Zagreb-Sieg auf die mögliche Initialzündung hingewiesen. "Wenn du ein Rennen gewinnst, bist du automatisch Kandidat für weitere Erfolge", sagte Neureuther.

Auch Neureuther startete mit 28 Jahren durch

Keiner weiß es besser als der ehemalige Weltklassewedler. Auch Neureuther war viele Jahre zwar talentiert, aber nicht immer erfolgreich im Weltcup unterwegs. Mit 28 Jahren glückte ihm dann ein Traumstart ins Jahr 2013 mit Siegen beim Parallelslalom in München und dem Klassiker in Wengen kurz hintereinander.

Es folgten Neureuthers stärkste Jahre. Nur der damalige Dominator Marcel Hirscher verhinderte, dass sich Neureuther den Slalom-Disziplinenweltcup schnappen konnte.

Der Coup von Zagreb, "das macht was mit einem", sagte Straßer, man müsse es "nur in die richtige Richtung lenken". 28 - sicherlich auch für Straßer kein schlechtes Alter, um im Slalomweltcup richtig durchzustarten.

Stand: 11.01.2021, 12:20

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