Anna-Lena Forster - viel Arbeit noch vor den Paralympics

Anna-Lena Forster bei den Winter-Paralympics 2018.

Interview

Anna-Lena Forster - viel Arbeit noch vor den Paralympics

Im alpinen Parasport musste die Weltmeisterschaft pandemiebedingt verschoben werden. Dennoch konnte sich Slalom-Spezialistin Anna-Lena Forster bei zwei Weltcups und vier Europacups mit der Konkurrenz messen. Ein knappes Jahr vor den Paralympics in Peking spricht die 25-Jährige über Leistungsschwankungen, ihre Mutmacher und Sprünge auf dem Trampolin.

Sportschau: Frau Forster, was fasziniert Sie am alpinen Sport?

Anna-Lena Forster: Es ist einfach die Freiheit, die man hat. Ich kann das machen wie jeder andere auch. Das bedeutet Selbstständigkeit. Das reizt mich.

Sportschau: Neben der WM sind die Weltcups in Russland und China ausgefallen. Bei den Speed-Disziplinen hatten Sie in dieser Saison noch keinen Start. Sind Sie dennoch mit der Anzahl der Wettbewerbe zufrieden?

Forster: Insgesamt hatten wir tatsächlich 26 Rennen in dieser Saison. Wir können uns überhaupt nicht beschweren. Unser Trainer hat alles dafür getan, dass wir unterwegs sein konnten. Es war ein Privileg, dass wir ins Ausland durften und bei Wettkämpfen starten durften. Alles ist besser als gar nichts.

Sportschau: Ein knappes Jahr bleibt noch bis zu den Paralympics. Welche Defizite gibt es noch?

Forster: Ich denke, dass ich es noch nicht so schaffe, meine Trainingsleistung im Rennen zu zeigen. Ich bin teilweise deutlich schlechter gefahren, als ich es eigentlich kann. Ich kann noch an vielen Punkten arbeiten. Da geht es um die Skitechnik und die Sitzschale. Durch Corona konnten wir nicht weiter an der Sitzschale arbeiten.

Sportschau: War eine neue Schale in Planung?

Forster: Ja, es sollte eigentlich eine komplett neue Sitzschale geben. Das wurde im November so entschieden. Doch die Treffen waren leider nicht möglich. Ich weiß nicht, ob das überhaupt noch klappt. Ich muss das ja ausprobieren können und oft muss man da noch etwas ändern. Jetzt heißt es Abwarten und Daumendrücken.

Sportschau: Was ist für Sie wichtig, um im Wettkampf die Leistung aus dem Training abzurufen?

Anna-Lena Forster mit ihrer Goldmedaille im Slalom von Pyeongchang

Anna-Lena Forster mit ihrer Goldmedaille im Slalom von Pyeongchang

Forster: Ich weiß noch nicht, was da los war. Vielleicht habe ich mich da zu sehr unter Druck gesetzt, hatte zu hohe Erwartungen und habe den Spaß vergessen. Beim Europacup-Finale in Malbun konnte ich die Leistung besser umsetzen. Das Gefühl muss ich mitnehmen. Da bin ich locker an die Läufe rangegangen. Ich habe mich nur auf einen Punkt in der Skitechnik konzentriert. Ich habe versucht, dass es sich für mich extrem rund anfühlt, indem ich runder an die Tore heranfahren. Ich muss mich mehr auf das Skifahren konzentrieren. Wie macht das Skifahren Spaß? Wenn es Spaß macht, ist es meistens auch schnell. Man muss sich wieder finden.

Sportschau: 2018 bejubelten Sie Paralympics-Gold im Slalom und in der Super-Kombination. Ist vor Ihren dritten Paralympics der Slalom weiterhin Ihre Paradedisziplin?

Forster: Ja, das kann man weiterhin so sagen. Wenn ich im Slalom zeige, was ich im Training kann, sieht es ganz gut aus. Da ist eine Goldmedaille mein großes Ziel.

Sportschau: Wie sehen Sie Ihre Konkurrenz im Vergleich zu Pyeongchang 2018?

Forster: Es hat sich in jedem Fall verändert, weil einige aufgehört haben, zum Beispiel Anna Schaffelhuber, Claudia Lösch und Heike Eder. Jetzt sind mehrere Chinesinnen dazugekommen, da die nächsten Spiele in Peking stattfinden. Sie sind sehr stark geworden. Da bin ich sehr gespannt. Dann gibt es noch Momoka Muraoka, die in Pyeongchang fünf Medaillen geholt hat. Sie bereitet sich aber gerade auf die Sommer-Paralympics vor. Ich weiß nicht, wie sie drauf ist.

Sportschau: Mit der nachzuholenden WM im Januar 2022 und den Paralympics im März 2022 sind für den nächsten Winter zwei Großereignisse vorgesehen. Inwiefern wirft das Planungen über den Haufen?

Forster: Oh, ja. Das wird schwierig. Unser Fokus liegt nun allein auf den Paralympics. Die Weltmeisterschaft wird etwas hinten herunterfallen. Es kann auch sein, dass es Druck aufbaut, wenn man bei der WM gut abschneidet. Wir müssen so rangehen, dass es bei der WM normale Rennen sind.

Sportschau: Womöglich wird es auch im nächsten Winter noch coronabedingte Maßnahmen geben. Vielleicht weniger Starter, nur wenige Zuschauer - was geht Ihnen da durch den Kopf?

Forster: Natürlich ist da die Frage, ob die Familie mit kann oder nicht. Sie war für mich eine große Unterstützung, die tut mir gut. Wir haben eh nicht so viele Zuschauer, aber ich denke trotzdem, dass sich an der Stimmung etwas ändert, falls keine Zuschauer da sein dürfen. Die Paralympics haben eine hohe Wertstellung. Es wird dann vielleicht nicht alles so groß sein, wie wir es kennen. Die Möglichkeit, sich mit Athleten anderer Länder auszutauschen, wird eingeschränkt sein. Der Sport soll im Vordergrund stehen. Dann konzentrieren wir uns noch mehr darauf. (lacht)

Sportschau: Durch Ihr Ausdauertraining kennen Sie lange Einheiten auf dem Handbike und mit dem Rollstuhl. Wäre irgendwann auch ein Start bei den Sommer-Paralympics denkbar?

Forster: Puh. Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Das stand bisher nicht zur Debatte. Ich fühle mich auch relativ ausgelastet mit dem Wintersport. Das möchte ich professionell und umfangreich machen, deswegen kann ich mir einen anderen Sport gerade nicht vorstellen.

Sportschau: Vor der Saison haben Sie bei einem Krankenhaus-Gottesdienst mitgewirkt. Der Klinikseelsorgerin zufolge wurden Sie einbezogen, weil Sie durch die Entbehrungen, die Sie erfahren haben, Menschen ermutigen können. Wer oder was ermutigt Sie denn, wenn es mal nötig ist?

Forster: Das ist eine sehr gute Frage. (lacht) Das sind meine Familie und meine Freunde. Wenn ich Energie oder jemanden zum Reden brauche, mache ich das mit meiner Mutter oder meiner besten Freundin. Mit der kann ich stundenlang quatschen. Das tut mir gut. Wir haben auch ein echt gutes Team. Da kann man sich an alle wenden, wenn man ein Problem hat. Da fühle ich mich sozial gut unterstützt.

Sportschau: Ihr rechtes Bein fehlt, der linke Oberschenkel ist verkürzt. Fällt es da mit dem Glauben machmal schwer?

Forster: Ich bin eh nicht so der gläubige Mensch. Aber alles im Leben hat einen Grund. Ich habe mich noch nie benachteiligt gefühlt. Ich habe damit noch nie gehadert, dass ich die bin, die die Behinderung abbekommen hat. Wem soll man da einen Vorwurf machen? Ich glaube, dass das so sein musste und mir die Aufgabe gegeben wurde, damit klarzukommen. Ich finde, wir haben das alle sehr gut gemacht, vor allem meine Eltern, die mich normal einbezogen haben und mir die Angst genommen und den Mut gegeben haben, dass ich das schaffe. Das Thema Behinderung war da gar nicht so wichtig.

Sportschau: Wenn man bei Instagram schaut, sieht man, dass Sie sich nicht bremsen lassen und zum Beispiel gern auch auf einem Trampolin springen. 

Forster: Meine Eltern haben mich nie gestoppt. Sie haben mich alles ausprobieren lassen. Nicht behinderte Kinder lässt man auch hinfallen und Erfahrungen sammeln, was funktioniert und was nicht. Jeder muss sehen, worauf er Lust hat. Das ist eine wichtige Lebenseinstellung.

Das Interview führte Maria Köhler-Thiel

Stand: 23.03.2021, 08:30

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