Alpinchef Maier: "Sorge, dass Kinder den Bewegungs- und Spieltrieb verlieren"

DSV Sportdirektor Wolfgang Maier

Interview

Alpinchef Maier: "Sorge, dass Kinder den Bewegungs- und Spieltrieb verlieren"

Seit 32 Jahren ist Wolfgang Maier mit dem Deutschen Skiverband verbunden. Im Interview spricht der Alpinchef über seine Sorgen um den Nachwuchs, Rennen mit Zuschauern und die schwächelnden Alpin-Frauen.

Sportschau: Herr Maier, haben Sie jemals eine solch schwierige Zeit erlebt wie die aktuelle?

Wolfgang Maier: Das ist schon einmalig und in dieser Heftigkeit völlig neu für uns. Wir haben sicher schon schwierige Zeiten erlebt, als es sportlich nicht besonders gut lief, aber jetzt geht es um die Rahmenbedingungen und darum, wie man seinen Sport überhaupt noch ausüben kann. Das haben wir in dieser Form so noch nicht erlebt.

Der Lockdown trifft auch die Alpinen hart, eigentlich sollte auf der Zugspitze trainiert werden. Doch der Berg ist gesperrt.

Der Schneeferner Gletscher auf dem Zugspitzplatt

Der Schneeferner Gletscher auf dem Zugspitzplatt

Maier: Die Zugspitze ist unser einziges Skigebiet in Deutschland, indem man aufgrund der Höhenlage Skifahren kann. Alle zentralen Wintersportnationen können Gletscherpisten für das Skitraining nutzen. Das Zugspitzgebiet ist zwar nicht für den Leistungssport ausgerichtet, es hätte aber eins gehabt: Schnee. Das wäre uns lieber gewesen als gar nichts.

Sehen Sie wegen der aktuellen Einschränkungen also einen Trainingsnachteil gegenüber anderen Nationen?

Maier: Die Nationalmannschaft läuft unter Profisport und hat dadurch keinen gravierenden Nachteil. Die Kadermitglieder der Mannschaften dürfen auch im Ausland trainieren. Die unter 16-Jährigen aber, und das ist die Lebensader der Landesverbände, die Zukunft für unsere Nationalmannschaften, für diese Aktiven besteht eine deutliche Benachteiligung.

Sind Sie sauer, wenn Sie lesen, dass Fußballer aus Nachwuchsleistungszentren trainieren dürfen?

Maier: Nein, sauer sind wir auf keinen Fall. Wir sind sogar froh, dass Fußballer diese Dinge dürfen, denn wenn der Fußball nicht wäre, dürften wir in anderen Sportarten schon gar nichts mehr. Man muss aber die Frage stellen, warum nicht allen die gleichen Möglichkeiten gegeben werden. Warum grenzt man den einen aus und den anderen nicht? Junge Menschen einzusperren, halte ich für falsch. Der Sport ist eine Lösung für das Covid-Problem und kein Verursacher.

Machen Sie sich generell Sorgen um die Zukunft des Sports?

Die Auswirkungen eines temporär fehlenden Trainings werden nicht so gravierend sein, aber die Zuwanderung zum Sport, die wird man bemerken. Jeder weiß, wie wichtig ein gesunder Körper ist, alle sind daran interessiert, dass Kinder Sport treiben, sich draußen an der frischen Luft bewegen, gesund ernähren - momentan machen wir genau das Gegenteil. Wir isolieren die Kinder. Wir haben die Sorge, dass Kinder den Bewegungs- und Spieltrieb verlieren, es ist einfacher und bequemer, an der Konsole FIFA20 zu spielen. Wenn das nicht bald politisch gelöst wird, wird es zu einer deutlichen Fehlentwicklung - und zwar nicht nur im Leistungssport, sondern für unsere gesamte Gesellschaft  -  führen.

Wo und wie wird jetzt gerade trainiert?

Maier: Ein Teil trainiert in Südtirol, der andere in Sölden. Wir erfahren dort eine großartige Unterstützung und können ohne Liftbenutzung das Skigebiet mit unseren Skidoos nutzen.

Viele Athleten plagen Zukunftsängste. Wie nehmen Sie das wahr?

Maier: Für unsere Sportler sind die Trainingsumstände derzeit nicht außergewöhnlich. Wenn einer einen Trainingslauf fährt, dann hat sich daran nichts geändert. Außerhalb des Trainingsgeländes ist jedoch vieles anders. Wir sind isoliert und das beeinflusst jeden Athleten. Was allerdings den größten Stress verursacht, sind die vielen Tests. Jedem Sportler geht das durch den Kopf. Jeder denkt sich: Hoffentlich bin ich nicht positiv getestet und gefährde damit das Team. Das ist eine extreme psychologische Belastung für alle.

Der Auftakt in die alpine Saison ist gemeistert. Lässt sich so ein strenges Konzept wie im Ötztal überall kopieren?

Maier: Ich glaube schon, dass man dieses Konzept kopieren kann. Viele Leute haben Bedenken, was passiert, wenn Touristen in dem gleichen Skiort sind. Ich sehe das aber nicht als entscheidendes Problem. Wir hatten schon in der Vergangenheit wenig Kontakt mit den Zuschauern, man könnte diese Trennung ohne große Anstrengungen noch konsequenter durchführen.

Glauben Sie, dass sich Konzepte mit Zuschauern im Zielbereich umsetzen ließen?

Fans am Zielhang in Garmisch Patenkirchen

Fans am Zielhang in Garmisch Patenkirchen - in diesem Jahr wohl ein Wunschdenken.

Maier: Wer kann es einfacher als der Wintersport? Wir befinden uns im Freien. Die Sitze der temporären Tribünen könnten mit mehr Abstand gebaut werden. Die Masse von 25.000 Zuschauern ist wahrscheinlich nicht zu organisieren, aber ein paar tausend Fans, im Freien, entlang der Strecken wären machbar.

Hat der Verband das Thema Zuschauer in den Konzepten aufgenommen?

Maier: Der DSV und der DOSB haben ein exzellentes und vom TÜV zertifiziertes Veranstaltungs- und Hygienekonzept erstellt. Dieses Konzept wurde in enger Kooperation mit dem Dienstleister APA entwickelt, der sowohl für das Hygienekonzept der Fußball-Bundesliga, als auch für die DOSB-Standards verantwortlich zeichnet. Je nach Art und Größe der Skisportveranstaltung werden die einzelnen Module des Konzeptes im Rahmen eines Stufenmodells an die jeweiligen lokalen Bedingungen und Vorgaben angepasst. Wir wissen, dass es eine Notwendigkeit gibt, sich auf die Situation einzustellen, und wir wissen auch, dass wir nicht mehr vor so vielen Zuschauern wie in der vergangenen Saison fahren können, aber man muss Systemen auch eine Chance geben.

Sie haben die finanziellen Probleme bei Rennabsagen schon oft angesprochen. Gibt es hierfür Lösungen?

Maier: Dieses Thema ist für alle gleich belastend. Es geht ohne Zuschauer, aber nicht ohne TV-Übertragungen als Basis der Vermarktung.

Welchen sportlichen Wert hat so eine Saison?

Maier: Der sportliche Wert wird nicht geringer sein. Man muss ein Rennen gewinnen, egal wie die Rahmenbedingungen sind. Aktuell sieht es auch so aus, als nähmen alle Nationen teil, zumindest sind alle für die Weltcups angemeldet. 

Beim Auftakt in Sölden fuhr keine Deutsche unter die besten 30. Maria Höfl-Riesch sagte, die Erfolge von Viktoria Rebensburg hätten zuvor alles überstrahlt, auch die Probleme in der zweiten Reihe.

Marlene Schmotz im Januar 2020 in Zagreb

Marlene Schmotz kehrt nach überstandenem Kreuzbandriss zurück.

Maier: In Sölden waren wir mit den Frauen nicht konkurrenzfähig, deshalb ist die Kritik berechtigt. Prinzipiell trifft sie mit ihrer Kritik den Nagel auf den Kopf. Wir hatten in manchen Jahrgängen der jüngsten Vergangenheit nicht die Sportlerinnen mit einer Qualität, die damals Viktoria Rebensburg, Kathrin Hölzl oder Maria Höfl-Riesch hatten. Dennoch glaube ich, dass wir ab den 2000er Jahrgängen diese Qualität wieder bringen werden und dass wir in Zukunft auch bei den Frauen wieder an die Weltspitze herankommen werden.

Gibt es etwas, wovor Sie sich fürchten?

Maier: Wie die Gallier fürchte ich nur, dass mir der Himmel auf den Kopf fällt … Nein, im Ernst: Nachdem, was ich schon alles erleben durfte, fürchte ich mich nicht wirklich. Ich habe nur immer etwas Sorge um meine Athleten, dass sie gesund und verletzungsfrei durch den Winter kommen.  

Trotz aller Widrigkeiten: Worauf freuen Sie sich in dieser Saison?

Maier: Ich freue mich auf die Rennen, wenn unsere Aktiven eine gute Performance abgeben. Es ist immer ein berauschendes Gefühl, wenn ein DSV-Rennfahrer auf das Podium fährt oder wir - wie zuletzt mit Thomas Dreßen - etwas Historisches schaffen und beweisen können, dass sich die Arbeit über das Jahr hinweg gelohnt hat. 

Das Gespräch führte Sanny Stephan.

Stand: 12.11.2020, 14:17

Ski Alpin | Weltcupstand Damen

NamePkt
1.Petra Vlhová360
2.Michelle Gisin175
3.Marta Bassino158
4.Katharina Liensberger135
5.Mikaela Shiffrin125

Ski Alpin | Weltcupstand Herren

NamePkt
1.Alexis Pinturault150
2.Henrik Kristoffersen125
3.Lucas Braathen113
4.Gino Caviezel100
5.Marco Odermatt80
Darstellung: