Peking 2022: Olympia-Bahn auf dem Prüfstand

Baustelle Rodelbahn Peking

Homologierung der Bob- und Rodelbahn für die Winterspiele 2022

Peking 2022: Olympia-Bahn auf dem Prüfstand

Von Andreas Ahn

Im Yanqing Sliding Center in Peking soll es 2022 um Olympische Medaillen im Bob, Rodeln und Skeleton gehen. Rund ein Jahr vorher wurde die Bahn in der vergangenen Woche von Sportlern und Technikern inmitten der Corona-Pandemie getestet.

Julia Taubitz hatte Tränen in den Augen, als sie zum ersten Mal die neue Bob- und Rodelbahn für die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking in natura sah. Es waren Tränen der Begeisterung, vielleicht sogar verbunden mit ein bisschen Rührung.

"Die Bahn ist ein optisches Highlight. Sie sieht aus wie ein Drache oder eine Schlange, die sich ins Tal hinunterschlängelt", sagt die beste Rennrodlerin der letzten Saison während der Tests in der vergangenen Woche. "Außerdem ist sie grazil verarbeitet, die Landschaft drum herum ist so geil, dass ich sehr gerührt war."

Olympia-Tests unter Corona-Bedingungen

Eigentlich sollte die Homologierung, die technische Abnahme der Bahn nach den Regeln und Bestimmungen der Internationalen Verbände, schon im vergangenen März stattfinden. Corona verhinderte dies. Jetzt waren bei ersten Testfahrten von ursprünglich neun vorgesehenen Schlitten (je drei Männer, Frauen und Doppelsitzer) fünf in Yanqing dabei, um die zukünftige Olympia-Bahn, das "Yanqing Sliding Center", zu testen.

Nur Athleten aus dem Schengen-Raum, also aus Europa, gehörten zur Homologierungs-Delegation. Denn die Corona-Schutzmaßnahmen in China sind extrem streng. Seit Ausbruch des Virus war es der erste Direktflug einer Maschine von Frankfurt nach Peking. An Bord des Airbus A330 war nur die Rennrodel-Delegation, bestehend aus insgesamt 25 Personen. Voraussetzung, um an Bord zu dürfen: ein gültiger Reisepass, ein Visum und ein negativer aktueller Corona-Test, beglaubigt von der chinesischen Botschaft in Deutschland.

Einhaltung der Corona-Regeln in China streng überwacht

Covid-19-Sanitätsdienst

Covid-19-Sanitätsdienst in Peking

In Peking angekommen ging es mit Polizeieskorte in zwei (!) Reisebussen zum Hotel. Für alle galt: Mund-Nasen-Schutzmaske tragen, immer und überall, außer auf dem eigenen Hotelzimmer. Begegnungen oder Kontakte zwischen chinesischem Hotelpersonal oder chinesischen Bahnarbeitern und den Rennrodlern waren so gut wie nicht vorhanden - der Mindestabstand betrug zehn Meter. Auch draußen an der frischen Luft, an der Bob- und Rodelbahn mussten Masken getragen werden, ausschließlich in der Bahn durfte darauf verzichtet werden, genauso wie im eigens eingerichteten "Sportler-Garten" im Hotelbereich.

Corona-Tests gab es mehrfach, jeden zweiten Tag. Die äußerst strenge Überwachung dieser Regeln durch die chinesischen Behörden spiegelt sich in den Infektionszahlen wider: Während in Deutschland zuletzt mehr als 18.000 Neu-Infektionen täglich verzeichnet werden, sind es in China laut Johns Hopkins-Universität 40 pro Tag gewesen.

Deutsches Architektur-Büro designt Olympia-Bahn

Genau wie die olympischen Bob- und Rodelbahnen der Winterspiele 2006 in Turin oder das Alpensia Sliding Centre in Pyeongchang 2018  wurde auch die Bahn in Peking vom deutschen Architektur-Büro Deyle aus Stuttgart gestaltet und konzipiert. Seit Mitte der 1960er Jahre designt und konstruiert die Firma Kunsteisbahnen. Die erste war die Bahn am bayerischen Königssee, die 1968 eröffnet wurde.

Die Suche nach einem geeigneten Standort in Peking begann schon im Herbst 2016. Das Design beziehungsweise die Detailplanungen folgten 2017 und 2018, erklärte Christoph Schweiger, Exekutivdirektor der FIL auf Anfrage der Sportschau. "Zwei Jahre lang wurde in den Bergen von Yanqing gebaut." Das Areal der neuen Kunsteisbahn liegt etwa 80 Kilometer nordwestlich von Peking, im Gebiet des Xiaohaituo-Gebirges.

Eiskanal soll nach den Spielen touristisches Ziel werden

Blick auf die Baustelle

Blick auf die Rodelbahn-Baustelle

Die Bahn ist komplett überdacht, mit breiten Dächern, die die an einem Südhang liegende Bahn vor Witterung wie Regen und Sonneneinstrahlung schützt. Vom Start bis in den Zielbereich führt eine Art "Walkway", ein Pfad der über die Dächer der Bahn verläuft. Ein Konzept, das nach den Olympischen Spielen dazu beitragen soll die Bahn als touristisches Ziel zu etablieren. Ein Start-Bock im Bereich des Kreisels soll Fahrten in der Bahn für Kinder oder Touristen ermöglichen. Das Thema Nachhaltigkeit spielte im Konzept von Peking eine wichtige Rolle.

Baustelle Olympisches Dorf

Hier entsteht das Olympische Dorf

Sowohl Julia Taubitz als auch Torsten Görlitzer, der als deutscher Trainer mit in Peking dabei ist, bestätigen die Einzigartigkeit dieser neuen Bob- und Rennrodelbahn. Für die Sportlerinnen und Sportler geht es gleich nach dem Start zur Sache. "Die ersten beiden Kurven der Bahn stehen sehr steil. Hier muss man sofort sehr akkurat fahren, ein kleiner Fehler und man driftet quer und kann eigentlich direkt wieder absteigen", sagt die beste Rennrodlerin des vergangenen Winters.

Olympia-Bahn mit einigen Tücken

"Wenn man auf dem Schlitten liegt und runterfährt ist die Perspektive oft anders als gewohnt und völlig anders als die Video-Analysen widerspiegeln. Nach dem Kreisel ist es wie Achterbahn fahren. Sehr belastend ist die Länge der Bahn. Nicht körperlich, sondern mental." Die Bahn ist knapp 1,9 Kilometer lang, 16 Kurven müssen durchfahren werden. Der Höhenunterschied beträgt circa 127 Meter. Die Konzentration über fast 60 Sekunden auf höchstem Niveau zu halten, ist eine der vielen Herausforderungen dieser neuen Bahn. 

Rennrodlerin Taubitz über die neue Olympia-Bahn in Peking Sportschau 02.11.2020 00:17 Min. Verfügbar bis 02.11.2021 Das Erste

Nach gelungenen Tests: Vorfreude auf den Weltcup steigt

Insgesamt acht Trainingseinheiten mit je drei Fahrten wurden über sechs Tage lang durchgeführt und vom internationalen Trainerteam und den anwesenden Personen der Bahnbaukommission anschließend ausgewertet - technisch gab es nichts zu beanstanden.

Mit einer kleinen Träne im Auge ging es für Julia Taubitz nach sieben erlebnisreichen Tagen zurück nach Deutschland. "Die Tage hier waren trotz aller Umstände toll. Jetzt freue ich mich darauf, Ende Februar hier beim Weltcup dann den ersten ernsten Wettkampf fahren zu dürfen."

Stand: 02.11.2020, 10:00

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