Julia Taubitz: "Ich brauche den Adrenalin-Kick"

Julia Taubitz jubelt mit dem Joska-Kristall-Pokal über ihren Sieg im Gesamtweltcup im Einsitzer der Frauen

Rennrodeln

Julia Taubitz: "Ich brauche den Adrenalin-Kick"

Von Maria Köhler-Thiel

Julia Taubitz vom WSC Erzgebirge Oberwiesenthal ist Vize-Weltmeisterin und hat den Gesamtweltcup gewonnen. Sie spricht im Interview über ihre Leidenschaft für das Rennrodeln, neue Ziele und ihre neue Liebe.

Neun Weltcup-Stationen gab es von Ende November bis Anfang März. Wie geht es Ihnen?
"Jetzt geht es mir sehr gut. Ich war erleichtert, dass es vorbei war. ich wurde viel belagert und habe mir doch ein bisschen Druck gemacht. Es ist so viel Last von meinen Schultern gefallen. Nun bin ich bereit für Urlaub."

Tatjana Iwanowa haben Sie am Königssee noch die Kristallkugel abgeluchst. Wie hat die Russin reagiert?
"Sie war schon recht enttäuscht. Wir haben ein gutes Verhältnis. Ich habe ihr noch gesagt, 'was machst du für Fehler?'. Sie hat sich ganz fair verhalten."

Dieses Element beinhaltet Daten von Instagram. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Sie haben eine Siegesserie der deutschen Rodelfrauen von 21 Jahren fortgeführt. Nun waren 22 Jahre in Folge deutsche Rennrodlerinnen immer die besten. Gab es da ein besonderes Dankeschön vom Verband?
"Ne, eigentlich nicht. Es haben sich alle mega mitgefreut, aber das wurde nicht enorm angehoben. Bei uns ging es einfach darum, dass ich gewonnen habe. Wenn es nicht geklappt hätte, wäre keiner böse gewesen."

Sie sind am Königssee. Was machen Sie dort?
"Wir machen eine bis zwei Wochen Testfahrten, um neues Material zu testen, damit wir wissen, wo wir im Sommer weiterarbeiten. Bei jedem ist das, was wir ausprobieren, unterschiedlich. Bei mir geht es Richtung Aerodynamik, andere machen Schienentests. Es geht darum, dass man dann als Gruppe vorankommt. Bisher läuft es recht gut. Wir haben gutes Wetter. Es ist wichtig, dass die Bahn gleich bleibt. Außerdem müssen wir die Läufe sauber treffen."

Julia Taubitz und Tatjana Iwanowa

Julia Taubitz und Tatjana Iwanowa

Welche neuen Ziele setzen Sie sich nach dem Sieg im Gesamtweltcup?
"Also, auf jeden Fall muss ich mich am Start verbessern. Ende August hatte ich eine Schulterverletzung. Seitdem verfalle ich in alte Muster, was die Technik geht. Bei steilen Startblöcken komme ich nicht mit. Das hat man in Whistler und Winterberg gesehen. Von den Kraftwerten passt schon alles. Aber ich muss von oben den Schwung besser mitnehmen."

Uns wurde zugetragen, dass Sie im Training Ansätze aus der Bewegungspädagogik nutzen. Was genau machen Sie?
"Also, ich bin durch Freunde auf Christiane Greiner-Maneke (Die Rückenschullehrerin und Bewegungspädagogin hilft, ungünstige Bewegungsmuster achtsam mit einem pädagogischen Leitfaden in effizientere Bewegungsmuster umzuschulen, Anm. d. Red.) aufmerksam geworden. Sie hat mir einiges gezeigt. Das hat mich interessiert. Ich habe Bälle, und achte darauf, dass ich mit ihnen meine Faszien lockere. Ich trainiere meine Sitzhöcker, dass ich beim Start in die Vorspannung reinkomme. Da geht es um den unteren Rücken und Gesäßbereich - und eigentlich auch meine Arme. Da gehe ich immer drüber, dass das gelockert ist, damit ich das Beste rausholen kann."

Das Becken sollte nach vorn gekippt sein und der Oberkörper sollte etwas nach vorn. Warum?
"Genau. Wir rennen ja nicht, um Anlauf zu holen, sondern haben im Sitzen Startbügel, von denen wir uns losreißen. Da muss man stabil sitzen, das Becken nach vorn gedreht haben und den Rücken gerade. Nur so kann man die Armlänge bei den sogenannten Pinguin-Schlägen richtig ausnutzen. Die aufrechte Sitzposition ist da sehr wichtig."

Julia Taubitz

Was gelingt Ihnen inzwischen richtig gut?
"Die Trainer sagen, dass ich ein sehr gutes Fahrgefühl habe. Ich kann gut schwierige Situationen ausgleichen. Ich habe eine gute Lage, eine gute Aerodynamik. Auf den letzten Metern hole ich viel raus, weil ich gut fahre. Je länger die Bahn ist, umso bessern."

Sie schaffen teilweise bis zu 80 Kilo an der Langhantel. Hut ab! Wie fit und stark muss man im Rennrodeln sein?
"Schon sehr fit. Man braucht eine gewisse Maximalkraft. Der Schlitten wiegt 23 Kilo. Dann hat man noch die Ausrüstung und das Körpergewicht. Bei mir sind es knappe 100 Kilo, die ich am Start wegbringen muss. Man braucht Maximal- und Schnellkraft. Das sind die wichtigsten Faktoren. Man braucht viel Koordination, Körperspannung. Wir machen viel Stabilisationstraining. Die Sportart geht auf den Rücken und den Nacken. Die Ausdauer ist nicht ganz so wichtig. Aber der Rodelsportler ist ein Allrounder."

Julia Taubitz

Und wenn Sie nicht Rennrodlerin geworden wären, was hätten Sie dann gemacht?
"Ich wollte früher Basketballspielerin werden, aber dafür war ich zu klein. Wahrscheinlich wäre ich jetzt Schlagzeugerin in einer Band. Ich habe damals mit Schlagzeug angefangen. Mit dem Rodeln war das aber ein bisschen zu viel. Dann wäre ich in die Rockgeschichte gegangen (lacht). Das macht mir Spaß, alles was so koordinativ ist. Das lerne ich relativ schnell." 

Ihre bisherige Kollegin Jessica Tiebel aus Altenberg ist 21 Jahre jung, beendet aber ihre Karriere, weil ihr "der Rodelsport nicht mehr so viel Spaß macht". Wie wichtig ist ihnen das Rennrodeln?
"Sehr, sehr wichtig. Wenn es mir keinen Spaß machen würde, würde ich es nicht mehr machen. Im Sommer vermisse ich es, auf dem Schlitten zu sitzen. Ich brauche den Adrenalin-Kick, das Drumherum, die Anspannung, die Nervosität. Es sind bei jedem Sportler Phasen dabei, wo es nicht gut läuft. Wenn man in ein Loch fällt und da nicht rauskommt, ist es wohl wirklich besser, die Karriere zu beenden. Diese Saison war für mich schon sehr schön. Wir haben eine Mädelsgruppe mit Italien und Österreich, mit der wir im Sommer zusammen in den Urlaub fahren. Es ist schon schön, dass man Freundschaften aufbaut, auch wenn wir Konkurrentinnen sind."

Julia Taubitz (v.l.), Norbert Loch und Jessica Tiebel

Julia Taubitz (v.l.), Norbert Loch und Jessica Tiebel

Unser Sportschau-TV-Kollege Andreas Ahn sagte uns, dass Sie frisch verliebt sind. Ist der "Neue" ein Schlitten oder ein Mann?
"Ja, also. Ich habe einen neuen Partner. Toni ist ja auch in einer neuen Beziehung (Rennrodler Toni Eggert und Julia Taubitz waren ein Paar, Anm. d. Red.). Schön, dass wir uns weiter verstehen, denn wir arbeiten das ganze Jahr zusammen. Mein neuer Partner stammt aus meiner Heimat, ist Autoverkäufer und hat nichts mit dem Rodelsport am Hut."

Wie belohnen Sie sich für diese erfolgreiche Saison?
"Das weiß ich noch gar nicht so genau. Ich war vergangene Woche in St. Moritz in der Schweiz, das war ein Mix aus Urlaub und Trainingslager. Es war wunderschön. Nach der Woche mit den Testfahrten habe ich vier Wochen frei. Da werde ich eins, zwei Wochen ins Warme fliegen. Erst einmal muss ich das alles ein bisschen verdauen. Noch ist nicht so richtig angekommen, was alles passiert ist."

Dieses Element beinhaltet Daten von Instagram. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Die US-Amerikaner Ashley Farquharson und Chris Mazdzer badeten vorm Weltcup-Finale im kalten Königssee. Was war das Verrückteste, was Sie je gemacht haben?
"Ach du jemine. Das kann ich gar nicht sagen (überlegt). Ein Kunstflug mit Toni. Das war wie eine Flugshow - mit Looping und allem. Da ist mir auch ein Äderchen im Auge geplatzt. Das war viel Belastung auf dem Körper, aber das war mit das Coolste."

Vielen Dank für das Gespräch.

Stand: 11.03.2020, 13:13

Darstellung: