Rodel-Bundestrainer Loch: "Ohne mediale Präsenz überleben wir nicht"

Norbert Loch, Renrodel-Bundestrainer im Interview

Interview mit Norbert Loch

Rodel-Bundestrainer Loch: "Ohne mediale Präsenz überleben wir nicht"

Seit Jahrzehnten rodeln die Deutschen in der Weltspitze mit. Bundestrainer Nobert Loch ist der "Vater des Erfolges". Sportlich ist alles im Lot, doch er schaut auch sorgenvoll nach vorne.

Sportschau: Herr Loch, die Weltcup-Saison der Rodler steht vor der Tür. Was überwiegt kurz vor dem Saisonstart: Vorfreude oder Skepsis?

Norbert Loch: Die Freude überwiegt. Alle scharren mit den Hufen und haben gut trainiert. Die zehntägige Zwangspause im Oktober nach einem Corona-Fall im Trainerteam haben wir ganz gut kompensiert. Es war natürlich eine spezielle, viel aufwendigere Vorbereitung, aber insgesamt ist die Stimmung gut.

Gibt es spezielle Corona-Maßnahmen im Rodel-Team?

Loch: Ja, nach dem Corona-Fall in unserer Mannschaft sind wir sensibler geworden. Wir haben unser Team in zwei Trainingsgruppen aufgeteilt. Zum einen in das Team Thüringen und zum anderen ins Team Bayern, NRW und Sachsen. Beiden Gruppen sind eigene Trainer zugeteilt, die separiert werden. Sollte in dem einen Team etwas passieren, könnte das andere starten. Beide Teams trennen wir strikt. Das ist natürlich Mehraufwand, den wir gern in den Kauf nehmen, denn unsere Hauptaufgabe ist es, bei jedem Weltcup zu starten.

Natalie Geisenberger und Dajana Eitberger sind wenige Monate nach der Geburt ihrer Söhne zurück in der Eisrinne. Wie gut sind sie schon wieder?

Loch: Sie haben nichts verlernt. Als ich Dajana und Natalie bei den ersten Tests gesehen habe, hatte ich ein breites Grinsen im Gesicht. Sie deuten an, dass mit ihnen wieder zu rechnen ist.

Überrascht Sie das?

Loch: Nein, ich habe damit gerechnet. Beide sind sehr ehrgeizig. Natalie kenne ich, seitdem sie neun Jahre alt ist. Ich war ihr Jugend- und Landestrainer. Ich  habe gewusst, wenn sie zurückkommt, dann macht sie es richtig. Sie hat den Anspruch, ganz vorn mitzufahren, und ich bin sehr optimistisch, dass das klappt. Natalie wird sich dabei nicht unter Druck setzen. Eine Siegesserie wie vor ihrer Babypause ist aber nicht selbstverständlich. Also warten wir erst einmal ab.

Rodeln ist nicht ganz ungefährlich. Könnte die Rolle als Mutter auch hemmen und die Athletinnen vorsichtiger fahren lassen?

Loch: Das kann grundsätzlich sein, aber beide rodeln seit vielen Jahren und kennen das Risiko. Ich habe im Training nicht gesehen, dass sie mit angezogener Handbremse fahren.

Sie haben fünf Top-Fahrerinnen, aber nur vier Startplätze. Hat ein Trainer da Kopfschmerzen?

Loch: Ich kenne diese Situation über viele Jahre. Als Trainer muss man manchmal harte Entscheidungen treffen. Das ist wie beim Fußball, da muss der Coach auch Spieler auf die Bank setzen. Wir besprechen die Entscheidungen gemeinsam mit unserem Trainerteam. Die Athletin, die gerade die Nummer fünf ist, wird es verstehen. Wir haben die Möglichkeit zu rotieren, da gibt es also immer wieder Chancen. Und für die jungen Rodlerinnen ist die Rückkehr der Erfahrenen ein zusätzlicher Ansporn.

Wann wird das Weltcup-Team endgültig nominiert?

Loch: Wir wollen möglichst viele Rennen fahren und erst dann nominieren. Die Entscheidungen werden erst nach der deutschen Meisterschaft am 21. November - also eine Woche vor dem Weltcup-Start - bekannt gegeben.

Wie sieht es aktuell bei den Männern aus, die in der vergangenen Saison ja nicht ganz so erfolgreich waren. Gibt es da einen Nachwuchsathleten, der sich aufdrängt?

Felix Loch

Loch: Max Langenhan aus Friedrichroda macht einen sehr positiven Eindruck. Letzte Saison hat ihn eine langwierige Handgelenksverletzung behindert, die ist nun zum Glück auskuriert. Mit Moritz Bollmann aus Sonneberg haben wir noch einen jungen Athleten im Team. Er wird es in dieser Saison noch schwer haben, ist aber einer für die Zukunft. Auch die alten Hasen Johannes Ludwig und Felix Loch waren sehr gut unterwegs.

Bei den Doppelsitzern hat Deutschland drei Top-Paare. Sind diese gesetzt?

Loch: Nein, gesetzt sind nur die Medaillengewinner bei den Weltmeisterschaften. Das war bei den Doppelsitzern Toni Eggert/Sascha Benecken und Tobias Wendl/Tobias Arlt. Außderm im Einzel der Frauen Julia Taubitz. Bei den Doppeln drängen sich die Youngster Hannes Orlamünder/Paul Gubitz auf, die beiden haben sich in den Testwettkämpfen ordentlich in  Szene gesetzt.

Corona bringt nicht viel Gutes, den Reisestrapazen trauern Sie aber sicher nicht nach …

Die Rennrodel-Bahn in Whistler

Loch: Eigentlich schon. Zu unserem Job gehören auch die Reisen. Ich finde es schade, dass wir nicht nach Whistler reisen können. Wir  wären gern dort gefahren, nicht nur, weil uns die Bahn liegt, sondern weil es für den Rodelsport wichtig ist, international präsent zu sein. Ich bin nicht sehr begeistert, nur in Deutschland, Österreich und Lettland zu fahren.

Mit welcher Zielstellung gehen Sie in die Saison?

Loch: Wir wollen natürlich die Weltmeisterschaft im eigenen Land auf unserer Heimbahn dominieren und zeigen, dass Deutschland die Rodel-Nation ist. Zuletzt waren wir nicht mehr ganz die Nummer eins, Österreich, Italien und Russland haben ordentlich aufgeholt. Das Wichtigste ist aber, dass wir alles versuchen müssen, die neun geplanten Weltcups durchzubringen. Wir brauchen die mediale Präsenz, ohne diese werden wir nicht überleben. Wenn du nicht mehr gesehen wirst, bist du nicht mehr da.

 Das Gespräch führte Sanny Stephan.

Stand: 19.11.2020, 10:18

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