Natalie Geisenberger

Rennrodeln | Peking 2022 "Kein Maulkorb" für Geisenberger nach Quarantäne-Kritik

Stand: 11.11.2021 19:22 Uhr

Olympiasiegerin Natalie Geisenberger hatte auf Instagram die Quarantäne-Bedingungen in China kritisiert. Verbandspräsident Schwab springt ihr zur Seite. Bundestrainer Loch fokussiert das Sportliche.

Von Raphael Weiss

Mit einem öffentlichen Hilferuf hatte sich Natalie Geisenberger am Donnerstag (11.11.2021) an den Internationalen Rennrodel-Verband (FIL) gewandt. Die Rennrodlerinnen befinden sich derzeit mit der Nationalmannschaft in China, wo auf der Olympia-Bahn in Peking am 20. und 21. November der Weltcup-Auftakt stattfindet.

Doch trainieren kann Geisenberger derzeit nicht wirklich. Sie befindet sich seit einer Woche in Quarantäne – zu Unrecht, laut der Rennrodlerin.

Trainingszeiten "wild durcheinander gewürfelt"

"Wir haben gerade erfahren, dass wir auch morgen noch eingesperrt werden. Das heißt: Nicht raus aus dem Zimmer, keine Möglichkeit, mal was Vernünftiges zu essen, wieder erst spät abends Training, ohne Bahnwartung!", schrieb die 33-Jährige am Donnerstag auf Instagram und wandte sich in ihrer Story an den FIL: "Liebe @FIL_Luge, könnt ihr uns bitte die konkreten Gründe nennen."

Abends seien die Trainingsbedingungen schlecht, die Zeiten der Läufe seien "wild durcheinandergewürfelt", schreibt Geisenberger weiter. Teamkollegin Julia Taubitz teilte die Kritik in ihrer Story.

Positive Corona-Fälle im Flugzeug

Auf dem Flug der Athletinnen und Athleten nach China hatte es positive Corona-Fälle gegeben. Zunächst mussten alle Passagiere in eine kurze Quarantäne. Für 15 Personen – darunter Dajana Eitberger und Julia Taubitz – wurde diese verlängert, erklärte Thomas Schwab, Vorsitzender des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland (BSD), die aktuelle Situation gegenüber der Sportschau.

Das Problem: Wegen der vielen Fracht wurden Teile des Gepäcks auf den Sitzplätzen gelagert, weswegen unter anderem Geisenberger nicht auf dem ihr zugewiesenen Platz gesessen und sich daher auch nicht in der Nähe der infizierten Personen befunden habe, so Schwab. Doch die chinesischen Behörden gehen nach den zugewiesenen Sitzplätzen, um die Corona-Quarantäne durchzusetzen.

BSD-Präsident kritisert Qurantäne-Bedingungen

"Wir versuchen seit Tagen, den chinesischen Behörden diese Problematik zu vermitteln. Auch der internationale Verband arbeitet mit Hochdruck an einer Lösung – aber für die andere Seite ist das natürlich schwierig zu überprüfen", zeigte Schwab Verständnis für die Quarantäne.

Doch die Bedingungen seien für die Athletinnen nicht optimal: "Für Natalie ist die Situation bitter. Es hieß, dass sie heute aus der Quarantäne rauskommt. Das wurde dann kurzfristig wieder zurückgenommen. Dieses tägliche Verlängern der Quarantäne geht einfach nicht", sagte Schwab gegenüber der Sportschau.  

Eine gute Vorbereitung auf das Rennen sei für die betroffenen Athletinnen kaum möglich: "Das ist eine extrem schwierige Bahn. Wenn du im Training zwei Banden hast, deine Ziele nicht schaffst und dann direkt wieder auf dein Hotelzimmer musst, während die anderen Krafttraining machen, gutes Essen bekommen und du wirklich schlechtes Essen vor die Tür gestellt bekommst, ist das eine schwierige Situation. Das geht einfach nicht", so Schwab.

FIL verweist auf Bestimmungen in China

Der Rodelverband reagierte diplomatisch und verwies auf die bekannten Regeln. "In China gibt es sehr strenge Covid-19-Regularien, die im Playbook für Athletinnen und Athleten sowie Teams veröffentlicht wurden. Die chinesischen Gesundheitsbehörden legen diese Regeln fest und bestimmen auch die Kontaktpersonen. Alles wird sehr streng kontrolliert", sagte FIL-Exekutivdirektor Christoph Schweiger am Donnerstag.

"Wenn man zum Beispiel als Kontaktperson zu einem Infizierten identifiziert wird, hat man für 14 Tage mit Einschränkungen wie Quarantäne im Einzelzimmer, alleine essen, ständig Maske tragen, engmaschigen Covid-Tests und so weiter zu rechnen." Allerdings "darf man aber an den Trainings und Wettkämpfen teilnehmen so lange man negativ getestet wird".

Bundestrainer Loch: "Regeln befolgen"

Bundestrainer Norbert Loch mahnte zur Besonnenheit, als er gegen 23 Uhr Ortszeit mit seinen Athletinnen in das Teamhotel zurückkehrte: "Klar, es ist nicht optimal, wir trainieren bis spät in die Nacht, müssen schauen, was möglich ist. Aber wir müssen einfach das Beste aus der Situation machen", sagte Loch der Sportschau.

Der Bundestrainer betonte, dass es für ihn nun gelte, seine Athletinnen und Athleten zu schützen, damit sie sich vor allen Dingen auf den Sport konzentrieren könnten. "Der Begriff Quarantäne ist etwas übertrieben. Es ist eine Isolation. Es sind gerade alle ein bisschen aufgeregt. Athleten wollen natürlich am liebsten immer die Komfortzone haben, aber das sind die Regeln und die gilt es jetzt zu befolgen", sagte Loch und fügte an: "Und das mit dem Essen bekommen wir auch hin."

Fokus auf die Olympischen Spiele

Die Olympia-Bahn in Peking beschreibt der 59-Jährige als sehr anspruchsvolle Strecke und wollte keine Medaillen als Ziel für den Weltcup-Auftakt ausgeben: "Die Strecke ist eine echte Challenge. Aber unsere Athleten haben sie bislang gut gemeistert. Das Wichtigste ist, dass wir unsere Tests machen, damit wir im Februar bei Olympia gut vorbereitet sind."

Olympia-Vorfreude käme im Team allerdings bislang nicht auf. Im Moment stehe die interne Qualifikation für die Winterspiele im Vordergrund. Die kommenden Wochen seien hierfür entscheidend: "Jetzt muss sich jeder erstmal darum kümmern, sich zu qualifizieren", sagte Loch.

Schwab: "Werden unseren Athleten keinen Maulkorb verpassen"

Die Reise nach Peking steht derzeit unter besonderer Beobachtung, da sie als erster Gradmesser für die Olympischen Spiele im Februar gilt. Im Vorfeld war es fraglich, ob Soziale Medien wie Instagram oder Facebook den Athleten in China zur Verfügung stehen würden. Der kritische Post von Geisenberger legt nahe, dass eine Nutzung möglich ist.

Schwab unterstützte seine Athletin bei dem Schritt, die Bedingungen öffentlich zu kritisieren: "Ich stehe voll hinter Natalie. In so einem autoritären System ist alles immer ein bisschen anders, aber wir werden unseren Athleten sicherlich keinen Maulkorb verpassen."

Einen kleinen Erfolg konnte Geisenberger bereits feiern: Seit Donnerstagmorgen darf sie zumindest wieder im Freien Krafttraining machen.